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Spannungsfeld überm Blütenmeer : Lavendel-Bauern in der Provence klagen über Influencer

  • -Aktualisiert am

Die Bauern der Felder in Valensole bringen ein Plakat mit der Aufschrift „Bitte respektiert unsere Arbeit“ an. Bild: Paul Reiffer

Die La­ven­del-Bau­ern in der Pro­vence kla­gen: In­flu­en­cer und sol­che, die es ger­ne wä­ren, miss­brau­chen ih­re Fel­der als Ku­lis­se – oft oh­ne je­de Rück­sicht.

          Violett und blau blüht der Lavendel im Hochsommer. Die Felder der Provence scheinen schier endlos. Bis zum Horizont reiht sich Pflanze an Pflanze. Im Abendlicht leuchten die sanften Wellen des Blütenmeers fast überirdisch. Mittendrin steht eine Frau im wallend weißen Kleid. Scheinbar allein und der Natur so nah: ein romantisches Idealbild.

          Und noch eines und noch eines und noch eines. Kein Ende zu nehmen scheinen auch der Hashtag #lavenderfields und die Ortsmarke des Valensole-Plateaus auf Instagram. Influencer und solche, die es gerne wären, lassen sich in den Lavendelfeldern fotografieren – wahlweise allein, mit Partner, mit Kind, mit Hund oder mit Pferd.

          Die „Instagramability“ des Orts wird mittlerweile als Qualitätsmerkmal für Besucher angeführt. „Viele Influencer um dich herum machen Instagram-Aufnahmen:)“, kommentiert ein Nutzer bei Tripadvisor und vergibt fünf von fünf Punkten. Allein die schiere Menge dieser um Einzigartigkeit bemühten Fotos führt das Anliegen ad absurdum – und bekräftigt die Schilderungen des Fotografen Paul Reiffer, der sich auf seinem Blog über Urlaube fürs Foto echauffierte.

          Reiffer erzählt von Zuständen, die ihn an ein Filmset erinnerten: Die umliegenden Landstraßen sind zugeparkt, die Besitzer der Autos zerren Outfit um Outfit aus dem Kofferraum, trampeln rücksichtslos über die Felder und reißen Blumen ab, um die gepflückten Sträuße dem Himmel entgegenzustrecken. Klack, klack, klack – und Ende der Pose.

          Auch in England sind die Lavendelfelder ein beliebtes Motiv. Hier wird aber Eintritt verlangt.

          Immer weiter hinein in die Felder seien die Scharen von Fotografierenden gedrungen, um die Illusion aufrechtzuerhalten, sie wären dort allein, erzählt Reiffer. Etwa 150 Leute seien auf und an dem Feld gewesen, als er Anfang Juli dort war. Auch eine Absperrung habe sie nicht abgehalten, sie seien einfach darübergesprungen. „Es geht den Leuten darum zu zeigen, wie toll ihr Leben ist, deswegen wollen sie im Bild sein. Ein schönes Foto von den Feldern kann man auch vom Rand machen, das reicht ihnen aber heute nicht mehr.“

          Die Begeisterung für das Motiv kommt nicht von ungefähr. Im Juni präsentierte die Pariser Modemarke Jacquemus in den Lavendelfeldern von Valensole ihre Herbstkollektion – in Abstimmung mit den Bauern. Schließlich sind die entstandenen Bilder auch Werbung für ihre Arbeit und Lebensgrundlage: den Lavendel. Ein pinkfarbener Teppich wies den Weg durch die blühenden Büsche und bildete einen phantastischen Kontrast zu der französischen Landschaft als Inspirationsquelle des Designers. Die Models schienen in den von den achtziger Jahren inspirierten Entwürfen einer französischen Variante von „Call Me By Your Name“ entstiegen. Leichtfüßig durchschritten sie das entstandene Spannungsfeld zwischen der Grundidee der Romantik, von der Flucht des Menschen vor der fortschreitenden Industrialisierung und dem aufkommenden Kapitalismus in die Ruhe der Natur, und der naiven Technikbegeisterung der achtziger Jahre, als der Mond noch näher schien als die Plastikinseln in den Weltmeeren. Damit stellte die Schau die Fragen der Gegenwart.

          Die unbefriedigende Antwort dieser Zeit führen die Influencer ins Feld. Sie stellen sich zur Schau als – und für – das Konsumprodukt. Uhren, Parfums, Sommerkleider und Strohhüte sind häufig die eigentlichen Protagonisten der Inszenierung. Auch ohne direkte Produktplazierung ist jedes Bild Investment. Die Währung: Follower und Likes. Bei Instagram sind es Herzen, denn die Profitkalkulation darf eben nicht als solche erkennbar sein, damit sie funktioniert.

          Das Lebenswerk ganzer Bauernfamilien wird zur Kulisse degradiert. Für ein Produkt, dessen modische Halbwertszeit meist kürzer ist als der Blütenstand der Pflanzen. Dem hehren Ziel des perfekten Fotos verpflichtet, stehen die Influencer über den Dingen, steigen dafür sogar auf eigens mitgebrachte Trittleitern und werfen sich hinein ins Blütenmeer.

          Die Bauern in Valensole wollten sich das schließlich nicht länger ansehen – weder analog noch digital. Weil sie sich nicht anders zu helfen wussten, hängten sie ein handbeschriebenes Transparent an den Baum, der Fluchtpunkt vieler Aufnahmen war. „Bitte respektiert unsere Arbeit“, baten sie durch die Blumen, um die es geht. Zu Journalisten sagten sie: „Unsere Herzen brechen, wenn wir sie durch die Blumen springen sehen.“ Anstatt als Verlierer vom Feld zu gehen, entschieden die Betreiber einer Lavendelfarm in Surrey, das Spiel mitzuspielen – und fortan Eintritt zu verlangen.

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