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Kuratorin im Interview : Warum Migranten sich in ihrer Heimat Protzbauten bauen

Der Eingang einer Villa in Zvižd, Serbien. Bild: Gavrilo Masnikovi

Prachtvolle Bauten, welche fast das ganze Jahr leerstehen: Eine Ausstellung in Ulm zeigt die Traumhäuser, die sich Migranten in ihrer Heimat errichten. Ein Interview mit der Kuratorin.

          4 Min.

          Frau Wild, Säulen, Stuck und Erkertürmchen vor Stoppelfeldern und Strohfeuern: Im ländlichen Norden Rumäniens sind in den vergangenen Jahren stattliche Häuser entstanden. Wer wohnt da?

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das sind vorwiegend unbewohnte Häuser, elf Monate im Jahr wohnt dort niemand. Nur in den Ferien, im August, kehren ihre Eigentümer von der Arbeit in Italien, Spanien, Frankreich zurück. Dann ist der ganze Ort belebt, man feiert große Hochzeiten. Danach wird das Haus verschlossen, die Landschaft verstummt.

          Wozu ein riesiges Prachthaus, wenn man gar nicht da ist?

          Die Häuser sind Stellvertreter. Sie stehen für die Wünsche und Hoffnungen ihrer Eigentümer, westlich und modern zu erscheinen. Als Statussymbol garantiert das Haus die gesellschaftliche Anerkennung für den Fleiß und den Erfolg im Ausland. Und das Haus vertritt mich während meiner elfmonatigen Abwesenheit, repräsentativ und unverrückbar.

          Es geht also nicht darum, ein möglichst schönes Zuhause zu haben?

          Die Häuser sind eine Art Ausstellung, außen und innen. Auch die teuren Möbel, Lampen, Spiegel und Küchengeräte sind Statussymbole. Man führt die Gäste durchs Haus, durch eine kalte Pracht mit rein repräsentativem Charakter. Es geht nicht um Gemütlichkeit, es geht nicht ums Bewohnen. Man muss on top sein, immer ein bisschen neuer und besser als der Nachbar. Die Küche zum Beispiel sollte regelmäßig ausgetauscht werden, obwohl sie nicht benutzt wird – nur um mithalten zu können.

          Und wie leben die Menschen, die diese Häuser bauen, tatsächlich?

          Geschichte wiederholt sich. Gefährliche Fluchtgeschichten, wie wir sie 2015 oft gehört haben, gab es nach 1989 in Rumänien auch: Schlepper transportierten Menschen in versiegelten Containern ins westliche Ausland. Nur der mitgeführte Schraubenzieher rettete die Migranten vor dem Ersticken. In den ersten Jahren nach dem Zusammenbruch des Ceauşescu-Regimes kamen die Rumänen illegal in den Westen. Wer erfolgreich schwarz über die Grenze gekommen war, hatte keine Arbeitserlaubnis und konnte nur auf dem Schwarzmarkt arbeiten. Viele schliefen zunächst auf Parkbänken, denn um eine Wohnung zu mieten, muss man einen Arbeitsvertrag vorlegen. In unserer Ausstellung gibt es Bilder von rumänischen Migranten, die im Wald vor Paris in improvisierten Behausungen wohnen. Tagsüber arbeiten sie auf französischen Baustellen, sechs Tage die Woche. Sie leben ganz bescheiden, um möglichst viel Geld in die Heimat schicken und in den Hausbau stecken zu können. Andere leben aber schon längst in Wohnungen. Inzwischen gibt es in der Großregion von Paris etwa hundert rumänische Bauunternehmer, die sich einen guten Ruf erworben haben. Die Frauen hüten oft Kinder, sind in der Kranken- und Altenpflege tätig, arbeiten als Putzfrau.

          Braničevo, Ostserbien, 2017 fotografiert von Ivana Masniković-Antić Bilderstrecke

          Was verrät uns die Architektur dieser Häuser über die Zeit und die Umstände, in denen sie entstanden sind?

          Zum Teil können Sie erkennen, welche Länder die Bauherren inspiriert haben: Weil sich sogenannte Gastarbeiter aus Jugoslawien seinerzeit in österreichische Fassaden verliebt haben, finden Sie im heutigen Serbien etwa Lüftlmalerei, weit überstehende Dächer oder Holzbalkone. Ein serbischer Migrant, der lange in Italien war, errichtete am Eingang seines Anwesens eine Art Triumphbogen. Insbesondere bei der Inneneinrichtung, wo die Frauen zum Zuge kommen, kann man sehen, welche Begehrlichkeiten beim Putzen in französischen oder italienischen Stadtwohnungen geweckt wurden. Dabei entsteht ein Stilmix. Aber im Prinzip sind das alles Dinge, die zeitversetzt unsere eigenen Statussymbole spiegeln.

          Man kann das auch protzig finden, kitschig, peinlich.

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