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Kunst-Zensur : So geht man doch nicht mit einer Venus um!

Stein des Anstoßes: Die Venus von Willendorf und andere Nackte müssen sich im Online-Zeitalter warm anziehen. Bild: AFP

Immer wieder liegen die Facebook-Algorithmen bei der Bewertung von anstößigen Bildern daneben. Jetzt müssen sich die Venus von Willendorf und andere Nackte im Online-Zeitalter warm anziehen.

          Als am 7. August 1908 bei Ausgrabungen im niederösterreichischen Ort Willendorf in der Wachau eine elf Zentimeter große Skulptur gefunden wurde, konnte keiner der verantwortlichen Prähistoriker auch nur ahnen, um welch bedeutenden Fund es sich hier handelte. Die Venusfigurine – modelliert von einem unbekannten Künstler in der Altsteinzeit – stellt eine üppig geformte Nackte dar und gilt als bekannteste prähistorische Darstellung einer Frau. Forscher interpretieren die Figurine als Fruchtbarkeitssymbol, Talisman oder Verkörperung der Mutter Erde. Sie ist der Stolz des Naturhistorischen Museums in Wien.

          Für Facebook allerdings ist die aus Oolith gefertigte Figur zu nackt. Eine Italienerin postete im Dezember ein Foto der Frau mit den vielen Rundungen, das kurz darauf von Facebook entfernt wurde. Vier Mal versuchte sie daraufhin gegen die Löschung vorzugehen – ohne Erfolg. Mediale Aufmerksamkeit bekam der Fall rund drei Monate später, als „The Art Newspaper" darüber berichtete.

          Vielleicht wäre der Artikel unbeachtet geblieben, hätte das sowohl online als auch in Print-Version verfügbare Blatt den Bericht nicht als gesponserten Beitrag geschaltet, der von den Algorithmen Facebooks prompt gesperrt und als "gefährlich pornografisch" zensiert wurde.

          Aufschrei unter Kunstliebhabern

          Der Aufschrei unter Kunstliebhabern war groß. Es wurde eine Petition gestartet, die sich gegen die kunstfeindlichen Algorithmen und die Zensur ausspricht.

          Kunstwerke zu zensieren – das ist keine ganz neue Idee. Vor zwei Jahren erwischte es sogar die Kleine Meerjungfrau in Kopenhagen. Die nackte Bronzestatue des Künstlers Edvard Eriksen wurde als Verstoß gegen die Facebook-Richtlinien verstanden. Nicht einmal vor Ikonen der Dokumentarfotografie macht die Facebook-Zensur Halt.

          Das historische Kriegsfoto „Napalm Girl“ von Nick Ut dokumentiert das Grauen des Vietnamkriegs und zeigt die neunjährige Kim Phuc, die komplett entkleidet und schreiend hilflos ihre Arme ausbreitet. Flüssiger Brennstoff hatte dem Mädchen den Rücken verbrannt, sie entging dem Tod nur um Haaresbreite. Das Foto erregte internationales Aufsehen und wurde 1972 mit dem Preis „World Press Photo“ und im darauffolgenden Jahr mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

          Das historische Kriegsfoto „Napalm Girl“ von Nick Ut  wurde 1972 mit dem Preis „World Press Photo“ und im darauffolgenden Jahr mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

          Das alles will nicht in die Algorithmen der Plattform von Gründer Mark Zuckerberg passen. Das Foto wurde im Herbst 2016 gelöscht, weil es in den Verdacht geriet, eine kinderpornographische Darstellung zu sein.

          Auch andere Werke haben unter der Kunst-Polizei zu leiden

          Auch Werke der großen Kunsthäuser wie des Centre Pompidou oder des Musée d'Orsay in Paris haben unter der Kunst-Polizei zu leiden. In Frankreich beschäftigt sich sogar die Justiz mit einem der Zensurfälle. Vor sieben Jahren wurde Frédéric Durand-Baïssas von der Plattform gesperrt, nachdem er zuvor ein Foto des Ölgemäldes „L'origine du monde“ von Gustave Courbet gepostet hatte. Das im Jahr 1866 entstandene Exponat aus dem Musée d'Orsay zeigt den nackten Unterleib einer Frau.

          Der Franzose forderte rund 20.000 Euro Schadenersatz sowie die Entsperrung seines alten Accounts. Im Gerichtsprozess entschieden die Richter am 15. März zugunsten von Facebook: Es lasse sich nicht beweisen, dass die Sperrung des Accounts aufgrund des Gemäldes erfolgte, vielmehr sei die Nutzung eines Pseudonyms statt des tatsächlichen Namens des Klägers ausschlaggebend gewesen, was zu diesem Zeitpunkt den Richtlinien des sozialen Netzwerks widersprach.

          Außerdem wiesen die Anwälte von Facebook darauf hin, dass Durand-Baïssas in der Zwischenzeit einen weiteren Account eröffnet hatte und dort ebenfalls ein Foto des Gemäldes postete – dieses Mal ungeahndet. Der gesperrte Account, auf dem sich für den Kläger wichtige Dokumente befanden, wird laut Gerichtsbeschluss nicht reaktiviert. Facebook erklärte, „L'origine du monde“ habe auf der Plattform seinen Platz.

          „Die Freiheit führt das Volk“ wurde gelöscht

          Und eine Sprecherin von Facebook weist darauf hin, dass seit 2015 zwischen expliziter Darstellung von Nackten und Kunstobjekten unterschieden werde. Jegliche Abweichungen von diesem Vorgehen seien Fehler. Allerdings gibt es immer wieder solche Fehler. Im März stellte der Regisseur Jocelyn Fiorina ein Foto des 188 Jahre alten Gemäldes „Die Freiheit führt das Volk“ von Eugene Delacroix auf die Plattform – nach gerade einmal 15 Minuten wurde es wieder gelöscht. Auch dafür entschuldigte Facebook sich.

          Zu nackt für das Internet? Das Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ von Eugène Delacroix.

          Was tun? Fotos der Kasseler Herkules-Statue wurden aufgrund ihrer Nacktheit schon mehrmals gesperrt. Auch die Rückenansicht war den Facebook-Algorithmen zu anstößig. Mit einem Bildbearbeitungsprogramm zogen die Kasseler ihrem Halbgott aus Kupfer daher kurzerhand eine knallrote Badehose an. Das Rot steht ihm gut.

          Am schönsten aber sind die Nackten selbstverständlich im Original, unzensiert.

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