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Die Lehre von der Leere : Wir sind dann mal so frei

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Schön unpersönlich: In diesem Esszimmer steht nicht mehr als nötig. Ob es den Bewohnern dadurch bessergeht? Bild: plainpicture/Narratives/Alun Cal

Die einen räumen noch ihre Wohnung auf, die anderen schon ihr Ich. Eine Japanerin lehrt die reine Leere: Der Weg zur Erfüllung geht nur über das Entrümpeln. Unserem Autor geht das zu weit.

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          Die Japanerin Marie Kondo hat ein Buch geschrieben. Es heißt „Magic Cleaning“, und schon der Titel lässt ahnen: Hier geht es um mehr als bloß ums Ausmisten in den heimischen Wänden. Im Klappentext verspricht das Buch dem Leser nichts weniger, als ihn zu einem „selbstbewussten, zufriedenen, ausgeglichenen Menschen“ zu machen. Auch wenn die „lebensändernde, pulsierende Magie des Aufräumens“, die der englische Titel verheißt, dem Ganzen einen esoterischen Überbau gibt – Kondos Buch kann als ideale Frühjahrslektüre gelten. In dieser Jahreszeit sind auch Millionen Deutsche am empfänglichsten für derlei Inhalte. Jetzt wird geputzt und entrümpelt. Und dass man dadurch selbstbewusster, zufriedener und ausgeglichener werden soll, mag verlockend klingen.

          Marie Kondo ist Anfang dreißig, hat eine sehr kindlich-naive Ausstrahlung und erinnert nicht entfernt an einen Putzteufel. Doch unterschätzen sollte man ihren Einfluss nicht. Im vergangenen Jahr räumte ihr das „Time Magazine“ immerhin einen Platz unter den „100 wichtigsten Personen der Welt“ ein. Die Aufräumexpertin macht auch Hausbesuche. Sie bietet Kurse wie „Ordnung und Aufbewahrung für Unternehmer“ und „Ordnung und Aufbewahrung für junge Frauen“ an. Die sind die Kernzielgruppe ihrer Lehre. Gleich zu Beginn ihres Buchs räumt sie mit der Vorstellung auf, sie komme und mache selbst Tabula rasa: Aufräumen, das muss schon jeder allein. „Bei manchen meiner Einsätze erlebte ich Menschen, die mehr als 200 große Müllsäcke entsorgt haben“, schreibt sie nicht ohne Stolz. „Bei vielen lief es danach am Arbeitsplatz besser, in der Familie klappte es wieder – das ganze Leben fühlte sich plötzlich schöner an.“ Wer auf eine Audienz der zierlichen Japanerin hofft, muss sich aktuell drei Monate gedulden. Aber zur Not gibt es ja das Buch.

          Im Zwiegespräch mit den eigenen Besitztümern

          Im Englischen trägt es den Untertitel „The Art of Decluttering“. Spätestens jetzt wird deutlich: Ausmisten ist Kunst. Und doch lässt sich die Conclusio des Werkes eigentlich in einem Satz zusammenfassen – was nebenbei die Frage aufwirft, wie Marie Kondo es geschafft hat, ein ganzes Buch daraus zu stricken. Manche Leser schreiben, es sei eben wichtig, die Handreichung wieder und wieder eingetrichtert zu bekommen. Aufgepasst, hier kommt sie: Gegenstände, die keine Erfüllung bringen, werden weggeschmissen. Alles andere bekommt einen festen Platz. So einfach ist das. Die Oberaufräumerin empfiehlt, jeden Gegenstand einzeln in die Hand zu nehmen. Dann solle man mit ihm sprechen und fragen, ob er einen glücklich macht. Wenn ja, dankt man ihm – wenn nein: weg damit.

          Derlei Beseelung von Besitztümern mag hierzulande Verwunderung hervorrufen, aber Kondo soll Shintoistin sein, was zumindest die Herangehensweise erklären würde. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen – nach Kondos Aussage wandern so locker zwei Drittel aller Dinge in den Müll. Mitunter helfe es schon, alles einmal auf dem Boden auszubreiten, um die Masse an Dingen sichtbar zu machen, die man im Laufe seines Lebens so angehäuft hat.

          Die Menschen scheinen daran zu glauben

          Die Methode hat auch einen Namen. Sie heißt „KonMari“, was praktischerweise gleichzeitig Kondos Spitzname ist. Um „KonMari“ hat sich im Netz ein obskurer Kult gebildet: Es gibt unzählige Blog-Artikel mit Titeln wie „Aufräumen wie eine Göttin“ oder „5 Lektionen, mit denen KonMari dein Leben verändert“. Auf Youtube senden junge Frauen „Aufräum-Routinen“ und „Life Hacks“ nach der „KonMari“-Methode. Auf Instagram, Hashtag: #kondoing, teilen sie Vorher-nachher-Bilder. Dreckig – sauber. Vollgestopft – entrümpelt. Traurig – glücklich.

          Erstaunlich ist nicht nur, wie viele Menschen das mitmachen. Sondern auch, dass die „KonMari“-Methodik tatsächlich zu wirken scheint, zumindest wenn man den Rezensionsforen im Internet Glauben schenkt, die mittlerweile den womöglich unverstelltesten Blick in die deutsche Volksseele geben.

          Natürlich hat Marie Kondo noch mehr Lektionen auf Lager, damit die Entrümpelung des Ichs auch klappt: Essentiell sei es, zuerst mit der Kleidung anzufangen, dann mit den Büchern weiterzumachen. Dann kommen Papier, Kleinkram und zum Schluss der womöglich schwierigste Part: Artefakte mit besonderem Erinnerungswert. Hat man das geschafft, zündet Stufe zwei: Kleidungsstücke soll man nur hängen, nicht legen; Dinge finden in Schachteln eine Unterkunft, die mindestens zu 90 Prozent gefüllt sind; und alles soll seinen festen Platz haben, wohin es nach Benutzung – sofort! – wieder geräumt wird.

          Ratgeberlektüre für Konsumhedonisten

          In Japan, will man uns glauben machen, soll „Kondo“ schon ein Synonym fürs Ausmisten sein, und unter hippen New Yorkern sei „to kondo“ längst ein etabliertes Verb. Sieben Millionen Bücher verkaufte KonMari, in 27 Sprachen wurden sie übersetzt. Rowohlt hat mit „Magic Cleaning“ einen der erfolgreichsten Ratgeber der vergangenen Jahre lanciert, 80.000 Exemplare wurden in Deutschland verkauft. Das jüngste, gerade erschienene Buch trägt den besonders elaborierten Titel „Spark Joy: An Illustrated Master Class on the Art of Organizing and Tidying Up“ und ist eigentlich nur eine illustrierte Adaption für lesefaulere Aufräummuffel.

          Aufräumerin: Marie Kondo

          Längst hat der Aufräumfimmel den Westen erfasst. Dass seine Begründer ausgerechnet in Japan sitzen, ist kein Zufall: Die japanische Jugend ist im Überfluss aufgewachsen. Bei der Generation der um die Dreißigjährigen lässt sich materielle Übersättigung diagnostizieren. Es gibt alles und von allem zu viel. Bei manchen hatten sich angeblich so viele Dinge angehäuft, dass sie sich nicht mehr trauten, Besuch zu empfangen, weil es zu Hause so unordentlich war. Derart von ihrem Besitz bedrängt, suchen die Konsumhedonisten nach einem Ausweg. Und so formiert sich eine Armada an Menschen, die sich anschickt, das Leben der anderen professionell zu entrümpeln. Womit sich offenbar viel Geld verdienen lässt. Und den Bewahrern, die meinen, man könne dieses und jenes eines Tages noch mal brauchen, werden die Augen geöffnet: Dieser Tag wird niemals kommen.

          In Amerika herrscht das Verdrängungsprinzip

          Konnte ja auch niemand ahnen, dass der blinde Konsum auf Dauer nicht glücklich macht. Die Professorin Stephanie Preston von der Universität Michigan etwa hat das Konsumverhalten der Amerikaner studiert. Ihre Erkenntnis: Angst und Ungewissheit führen dazu, dass Menschen Dinge anhäufen, von denen sie glauben, vielleicht nicht wieder so schnell an sie heranzukommen. Wenn man so will, wäre der Kaufrausch dann eine Form des Überlebensinstinkts. Nach Preston treibt ein Sechstel der Amerikaner eine andauernde Unruhe um, und Konsum setzt zuverlässig das Glückshormon Dopamin frei.

          In den heimischen vier Wänden aber setze ein gegenteiliger Effekt ein, zeigt eine Studie der University of California: Manche Menschen fühlen sich von ihrem Besitz belastet, fast erschlagen. Sie kommen nicht mehr klar, es sind schlicht zu viele Dinge, die man im Auge behalten muss. Sie wieder loszuwerden kann zur Qual werden: Denn viele Gegenstände werden mit Erinnerungen verknüpft, die es besonders schwermachen, sich von ihnen loszusagen.

          Anders als in Japan begegnet man in Amerika der Überfrachtung nicht mit Entsagung, sondern mit Verdrängung: Nirgends gibt es so viele Self-Storage-Lager wie in den Staaten. Mehrere zehntausend sollen es sein, fast alle belegt. Plazierte man all diese Bauten nebeneinander, könnten sie dreimal ganz Manhattan füllen.

          Minimalismus liegt in Japan im Trend

          In Japan dagegen, wo die Wohnungen in den Großstädten viel kleiner und teurer sind, beleben die Bewohner alte buddhistische Leitsätze wieder. Zum Beispiel diesen: Ware tada taru o shiru – Ich habe alles, was ich brauche. Wer es sich leisten kann, übt sich in Verzicht. Denn wer nichts mehr braucht, hat auch mehr Geld, muss im Zweifel weniger arbeiten und wird auch dadurch glücklicher. Die Leere ist also eine Verheißung, die Freiheit, Glück und innere Ruhe bringt. Das Ausmisten und der sorgfältigere Umgang mit den Dingen sind nicht als Ultima Ratio zu betrachten, sondern als Schlüssel zum Glück.

          Buchläden im Herzen Tokios haben mittlerweile ganze Abteilungen für die Minimalisten freigeräumt, die von wissbegierigen Arbeitern nach Feierabend leergekauft werden. Zu den bekanntesten gehört zum Beispiel Takao Suzukis Buch „Was braucht der Mensch zum Leben?“, in dem er darauf verweist, dass Bescheidenheit überhaupt erst das Fundament der japanischen Gesellschaft gelegt habe. Oder Fumio Sasaki, dessen Buch „Wir brauchen keine Dinge mehr“ davon handelt, dass Erfahrungen reicher machen als Besitz. „Ich war regelrecht schockiert, als ich merkte, mit wie wenigen Dingen ich auskomme“, schreibt er.

          Wieso soll aufbewahren verkehrt sein?

          Letztlich macht es sich der Materialismus nur unter dem Deckmäntelchen des Postmaterialismus bequem. Denn anstatt neuer Möbel häufen die Konsumwilligen nun Bücher darüber an, wie man sich am besten reduziert. Außerdem erwächst die Sehnsucht nach weniger erst aus dem materiellen Überdruss, von dem sich moderne Städter angewidert abwenden. Nun geht eben alles etwas geordneter zu, reduzierter, bewusster. Ein Digitalstratege aus Frankfurt, der in seiner Wohnung praktisch nichts herumstehen hat, lebt diesen Stil ganz unbewusst: „Ich kann einfach gut wegschmeißen“, sagt er. „Besitz belastet mich.“ Erst wenn Objekte eine Geschichte hätten, seien sie „immun gegen Wegwerf-Fanatismus“.

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          Das ist die eine Art zu leben. Die meisten Menschen bewegen sich zwischen den Extremen, stehen irgendwo zwischen Minimalisten und Materialisten. Doch wer sagt eigentlich, dass es verkehrt ist, an mehr Dingen festzuhalten als denen, die einen „glücklich machen“? Dass das sogenannte kreative Chaos nicht doch auch Erfüllung bringen kann? Dass eine „Clean Desk Policy“ die Arbeit wirklich produktiver macht?

          „KonMari“ ebnet den Weg zur Entmenschlichung der Wohnung

          Es gibt schließlich Menschen, die gar kein Problem damit haben, wenn es bei ihnen zu Hause nicht wie in einem Showroom aussieht. Für manche von uns ist das Leben primär eine Reise, auf der sich nun mal viele Souvenirs anhäufen. Jedes Stück erzählt seinem Besitzer eine Geschichte und bringt auf seine Art Erfüllung, die mal größer, mal kleiner ist.

          Kritisch betrachtet, führt die „KonMari“-Methode letztlich zur Entmenschlichung der eigenen Wohnung. Man kann durchaus fragen, wer da eigentlich wirklich Hilfe braucht: der, der nicht ausmisten kann, oder der, der seiner Unterwäsche einen schönen Feierabend wünscht und sich bei ihr bedankt, bevor er sie in den Wäscheschrank faltet. „Wenn ich die Sachen im Kinderzimmer jedes Mal mit Sorgfalt wieder sortiert und mich bei den Dingen für ihre Geduld und Haltbarkeit bedankt hätte, wäre ich wohl nicht mehr dazu gekommen, das Kind zu ernähren“, schreibt denn auch eine Mutter im Netz zur „KonMari“-Bibel. „Die Lösung liegt auf der Hand“, antwortet ein User: „Schmeißen Sie Ihre Kinder weg.“

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