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Die Lehre von der Leere : Wir sind dann mal so frei

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Anders als in Japan begegnet man in Amerika der Überfrachtung nicht mit Entsagung, sondern mit Verdrängung: Nirgends gibt es so viele Self-Storage-Lager wie in den Staaten. Mehrere zehntausend sollen es sein, fast alle belegt. Plazierte man all diese Bauten nebeneinander, könnten sie dreimal ganz Manhattan füllen.

Minimalismus liegt in Japan im Trend

In Japan dagegen, wo die Wohnungen in den Großstädten viel kleiner und teurer sind, beleben die Bewohner alte buddhistische Leitsätze wieder. Zum Beispiel diesen: Ware tada taru o shiru – Ich habe alles, was ich brauche. Wer es sich leisten kann, übt sich in Verzicht. Denn wer nichts mehr braucht, hat auch mehr Geld, muss im Zweifel weniger arbeiten und wird auch dadurch glücklicher. Die Leere ist also eine Verheißung, die Freiheit, Glück und innere Ruhe bringt. Das Ausmisten und der sorgfältigere Umgang mit den Dingen sind nicht als Ultima Ratio zu betrachten, sondern als Schlüssel zum Glück.

Buchläden im Herzen Tokios haben mittlerweile ganze Abteilungen für die Minimalisten freigeräumt, die von wissbegierigen Arbeitern nach Feierabend leergekauft werden. Zu den bekanntesten gehört zum Beispiel Takao Suzukis Buch „Was braucht der Mensch zum Leben?“, in dem er darauf verweist, dass Bescheidenheit überhaupt erst das Fundament der japanischen Gesellschaft gelegt habe. Oder Fumio Sasaki, dessen Buch „Wir brauchen keine Dinge mehr“ davon handelt, dass Erfahrungen reicher machen als Besitz. „Ich war regelrecht schockiert, als ich merkte, mit wie wenigen Dingen ich auskomme“, schreibt er.

Wieso soll aufbewahren verkehrt sein?

Letztlich macht es sich der Materialismus nur unter dem Deckmäntelchen des Postmaterialismus bequem. Denn anstatt neuer Möbel häufen die Konsumwilligen nun Bücher darüber an, wie man sich am besten reduziert. Außerdem erwächst die Sehnsucht nach weniger erst aus dem materiellen Überdruss, von dem sich moderne Städter angewidert abwenden. Nun geht eben alles etwas geordneter zu, reduzierter, bewusster. Ein Digitalstratege aus Frankfurt, der in seiner Wohnung praktisch nichts herumstehen hat, lebt diesen Stil ganz unbewusst: „Ich kann einfach gut wegschmeißen“, sagt er. „Besitz belastet mich.“ Erst wenn Objekte eine Geschichte hätten, seien sie „immun gegen Wegwerf-Fanatismus“.

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Das ist die eine Art zu leben. Die meisten Menschen bewegen sich zwischen den Extremen, stehen irgendwo zwischen Minimalisten und Materialisten. Doch wer sagt eigentlich, dass es verkehrt ist, an mehr Dingen festzuhalten als denen, die einen „glücklich machen“? Dass das sogenannte kreative Chaos nicht doch auch Erfüllung bringen kann? Dass eine „Clean Desk Policy“ die Arbeit wirklich produktiver macht?

„KonMari“ ebnet den Weg zur Entmenschlichung der Wohnung

Es gibt schließlich Menschen, die gar kein Problem damit haben, wenn es bei ihnen zu Hause nicht wie in einem Showroom aussieht. Für manche von uns ist das Leben primär eine Reise, auf der sich nun mal viele Souvenirs anhäufen. Jedes Stück erzählt seinem Besitzer eine Geschichte und bringt auf seine Art Erfüllung, die mal größer, mal kleiner ist.

Kritisch betrachtet, führt die „KonMari“-Methode letztlich zur Entmenschlichung der eigenen Wohnung. Man kann durchaus fragen, wer da eigentlich wirklich Hilfe braucht: der, der nicht ausmisten kann, oder der, der seiner Unterwäsche einen schönen Feierabend wünscht und sich bei ihr bedankt, bevor er sie in den Wäscheschrank faltet. „Wenn ich die Sachen im Kinderzimmer jedes Mal mit Sorgfalt wieder sortiert und mich bei den Dingen für ihre Geduld und Haltbarkeit bedankt hätte, wäre ich wohl nicht mehr dazu gekommen, das Kind zu ernähren“, schreibt denn auch eine Mutter im Netz zur „KonMari“-Bibel. „Die Lösung liegt auf der Hand“, antwortet ein User: „Schmeißen Sie Ihre Kinder weg.“

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