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Der Blick von oben: Eine Luftaufnahme der ostfriesischen Insel Juist. Bild: dpa

Erinnerungen an Nordsee-Insel : Juist bedeutet Freiheit

Schon der Name dieser Insel ist besonders: Juist. Nur mit Glück hat unser Autor diesen Ort für sich entdeckt – und besucht für uns die Insel seiner Kindheitsabenteuer.

          9 Min.

          Viele Menschen sammeln im Laufe ihres Lebens allerhand Inseln zusammen, ohne sich dessen jemals richtig bewusst zu werden. Da war dieser verregnete Irland-Aufenthalt vor ein paar Jahren. Die Griechenlandreise zu Studentenzeiten mit dem Abstecher auf die Kykladen, oder waren es die Sporaden? Ein Tagesausflug nach Hiddensee. Oder Fehmarn, auf dem Weg nach Dänemark. Viele gehen mit ihrer Sammlung achtlos um, verwahren sie einfach in einer Ecke ihres großen Erinnerungskartons, auf dem „Urlaub“ steht.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Nur mit Glück – und wegen eines schlimmen Heuschnupfens – habe ich meine Insel früh gefunden, im Alter von vier Jahren. Eine Insel, so einzigartig, dass sich seither alle Inseln, auf die ich zielstrebig oder beiläufig einen Fuß setzte, daran messen müssen. Nun sind Vierjährige natürlich in einem Alter, in dem sie sich leicht beeindrucken lassen. Und es war ja damals nicht nur die erste Insel, sondern der erste Urlaub, mit Geweckt-Werden bei Dunkelheit, mit viel zu heißem Kakao in der Küche, rasch ins Auto, mit endloser Autobahnfahrt.

          Meine Insel heißt Juist. Schon ihr Name ist besonders. Weil er anders klingt, als er sich liest. Juist spricht sich „Jüsst“, mit einem eher knappen „ü“ und einem sausenden „s“, das den scharfen Nordseewind ahnen lässt.

          Unsere erste Begegnung fand vor mehr als einem halben Jahrhundert statt, zu einer Zeit, in der Michael Ende gerade die berühmteste aller Kinderinseln – Lummerland – entdeckt und beschrieben hatte. Aber schon damals führte aus der Lummerländer Phantasie kaum ein Weg in die Juister Wirklichkeit, abgesehen vielleicht vom Schienenverkehr. Auf Endes Insel steuerte Lukas der Lokomotivführer die Dampflok Emma im Kreis herum, und auf Juist verkehrte damals das Inselbähnchen, ein hellblau lackierter Triebwagenzug, zwischen dem Schiffsanleger, der weit draußen im Watt an der Fahrrinne lag, und dem Inseldorf. Die Inselbahn ist vor drei Jahrzehnten demontiert worden, nachdem auf der Juister Wattseite ein richtiger Inselhafen ausgebaggert wurde; aber präsent ist sie immer noch. Bei Poppinga schräg gegenüber vom Kurplatz, dem Schreibwarenhändler, stecken auch nach 30 Jahren noch Postkarten im Ständer, die den Schmalspurzug auf der Reise ins Watt abbilden – bevorzugt bei Hochwasser, wenn direkt unter den Schienen, die auf Holzpfählen verlegt waren, das dunkle Meer schwappt.

          Pferdewagen auf Juist: die Insel ist seit jeher autofrei.

          Solche Fotos zeigen den Unterschied zur Lummerländer Märchenwelt. Die Juister Abenteuer waren viel weniger phantastisch als die Erlebnisse von Lukas und Jim Knopf, aber sie waren wirklich. Das galt (und gilt unverändert) für das Meer und das Wetter, dessen Wucht Kinder so sehr beeindruckt und dem sich auch die Erwachsenen fügen müssen. Damals wie heute bestimmen die Gezeiten den Rhythmus eines Aufenthalts auf Juist. Nur auf dem Höhepunkt der Flut kann die Fähre von Norddeich aus die Insel ansteuern, also verschieben sich Abfahrts- und Ankunftszeiten täglich um eine halbe oder eine Dreiviertelstunde, weil sie ewig dem Tempo des Mondes folgen.

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