https://www.faz.net/-hrx-9o8lm

Gut drauf

Von KAI SPANKE, Fotos JON ENOCH

24.06.2019 · Diese Lieferung kommt an: Unser Fotograf hat Mopedfahrer in Hanoi aufgehalten und eingefangen.

D ies ist die Metropole der Motorräder und Mopeds. Etwa fünf Millionen sollen es mittlerweile sein. Touristen, die den Verkehr in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi beobachten, staunen nicht nur über die Menge der Fahrzeuge, sondern auch über die bewegten Straßenverhältnisse. Das Gewusel erinnert an die geschmeidig dahinfließenden Bewegungen eines Schwarms. Lücken werden schnell geschlossen, Hindernisse souverän umschifft, und immer dient der Vordermann als Orientierungspunkt.

Es gibt immer was zu tun. Aber für den Fotografen Jon Enoch hielten diese Kuriere in Hanoi mal kurz an.

„Man braucht viel Geschick und ein Gefühl für die Grenzen des Machbaren, um ein Motorrad auf diese Weise vollzupacken und die Fracht dann auch noch unbeschadet am Ziel abzuliefern“
JON ENOCH

Den Akteuren dieses urbanen Kaleidoskops hat der Londoner Fotograf Jon Enoch nun eine Serie gewidmet. Auch er zeigt sich beeindruckt von dem Trubel auf den Straßen: „Als ich vor 15 Jahren zum ersten Mal nach Südostasien gereist bin, hat mich sofort die Masse der Motorräder und Mopeds verblüfft.“

In Hanoi erinnert längst nichts mehr an die Zeit vor der wirtschaftlichen Öffnung des Landes zu Beginn der neunziger Jahre. Damals dominierten Fahrräder das Stadtbild, während Mopeds die Statussymbole einer Minderheit waren. Heute sind Roller für die mehr als sieben Millionen Einwohner das Fortbewegungs- und Transportmittel schlechthin. Allerdings könnte es damit bald vorbei sein. Bis 2030 sollen die Maschinen verschwinden – zur Entlastung des Verkehrs und zur Verbesserung der Luftqualität.

Enochs Fotos werden bleiben. Sie sind nachts entstanden und zeigen die gut ausgeleuchteten Fahrer auf ihren kunstvoll beladenen Mopeds, mit denen sie Bälle, Blumen, Eier, Wasserflaschen oder Fische transportieren. „Man braucht viel Geschick und ein Gefühl für die Grenzen des Machbaren, um ein Motorrad auf diese Weise vollzupacken und die Fracht dann auch noch unbeschadet am Ziel abzuliefern“, sagt Enoch. Das Moped sei in Südostasien nicht bloß ein Gebrauchsgegenstand, sondern ein „Way of Life“, gleichsam der mit einer bestimmten Attitüde verbundene Lastesel der Großstadt.

Auf den streng komponierten und geradezu aufgeräumten Bildern posieren die Männer mit ernster Miene. Sie wirken, als wären sie aus Zeit und Raum gefallen, als hätten sie mit dem ungestümen Treiben im Hintergrund nichts zu tun. Enoch inszeniert sie wie melancholische Ikonen einer Stadt, deren Gesicht in zehn Jahren wohl ein anderes sein wird.

Quelle: F.A.Z. Magazin

Veröffentlicht: 24.06.2019 10:05 Uhr