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Das sind die Bilder
des Jahres 2019

Foto: AFP

28.12.2019 · Notre Dame steht in Flammen. Greta streikt für den Klimaschutz. Auf dem Gipfel des Mount Everest stehen die Bergsteiger im Stau. In Hongkong eskaliert die Gewalt zwischen Polizei und Demonstranten. Australien brennt. Diese Bilder – und viele mehr – haben das Jahr 2019 geprägt.

Januar

Eingehüllt von der Kältewelle: In der amerikanischen Stadt Chicago werden Temperaturen von minus 30 Grad gemessen. Fachleute raten davon ab, außerhalb beheizter Räume tief einzuatmen oder zu sprechen. Foto Imago

Z u den vielen Dingen, die Greta Thunberg mit ihren Schulstreiks in den vergangenen Monaten erreicht oder in Gang gebracht hat, wie die „Fridays for Future“-Bewegung“ , die Proteste der Jugend gegen die Klimapolitik in vielen Teilen der Welt oder die Diskussionen in der Politik und an Küchentischen, wie es weitergehen soll auf unserer Erde, gehören auch ganz banale Dinge. Zum Beispiel, dass man selbst in Deutschland gelernt hat, was Schulstreik auf Schwedisch heißt: skolstrejk. So steht es auf dem Schild, das Thunberg – das „u“ ausgesprochen wie ein „ü“, auch das konnte man lernen – immer freitags dabei hat, seit dem Anfang ihres Protests im August 2018. Sie nimmt es stets mit auf Reisen, wie zum Weltwirtschaftsgipfel in Davos Ende Januar.

Foto EPA

Dort hielt sie eine Rede, und auch das gehört zu den Dingen, die sie erreicht hat: Sie sagt Sätze, die aufhorchen lassen. Dramatische Sätze, die in Erinnerung bleiben. In Davos war es der Satz: „Ich will, dass ihr in Panik geratet, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre.“ Später, bei den Vereinten Nationen in New York, war es das wütend vorgetragene und mehrmals wiederholte „How dare you?“ Es sind Sätze, die ihr, wie alles andere, das sie getan hat in den vergangenen Monaten, Verehrung auf der einen Seite eingebracht hat sowie Ablehnung und Anfeindungen auf der anderen. Greta Thunberg aber macht immer weiter. Selbst als sie mit dem Boot in diesem Jahr gleich zweimal über den Atlantik fuhr, nach Amerika und zurück, war das Schild dabei: „Skolstrejk för Klimatet“. Matthias Wyssuwa

Unter Beschuss: Kenianische Polizisten nähern sich einem Hotel- und Bürokomplex in Nairobi, der von Attentätern gestürmt wurde. Bei dem Terroranschlag kamen 21 Menschen ums Leben. Foto EPA
Auf den Barrikaden: In Paris und vielen anderen Städten in Frankreich flammen die Proteste der Gelbwesten gegen die Regierung Macron noch einmal auf. Foto AFP

E s war eine Tragödie mit Ansage. 250 Menschen kamen am 25. Januar nahe der brasilianischen Kleinstadt Bruma­dinho im Bundesstaat Minas Gerais ums Leben, als sich eine gewaltige Schlammlawine ins Tal ergoss und alles mit sich riss. Auslöser der Katastrophe war ein Dammbruch in einem Rückhaltebecken einer Eisenerzmine des Bergbaukonzerns Vale. Der Damm hatte erhebliche Mängel, worauf den Konzern unter anderem Ingenieure des deutschen Prüfunternehmens TÜV Süd schon früher hingewiesen haben sollen. Die brasilianische Bergbaubehörde wirft Vale vor, das Risiko gekannt und bewusst in Kauf genommen zu haben. Gegen das Unternehmen und die Verantwortlichen laufen diverse Ermittlungen und Verfahren. Ein Gericht verurteilte Vale bereits zur Begleichung aller Schäden, die brasilianische Justiz blockierte dazu Vermögenswerte von Vale in der Höhe von 2,5 Milliarden Euro. Mehreren Opferfamilien wurde eine Entschädigung in Millionenhöhe aus­bezahlt.

Foto Imago

Schon drei Jahre zuvor war in der Gemeinde Mariana, ebenfalls im Bundesstaat Minas Gerais, der Damm eines anderen Bergwerks gebrochen. Dabei waren 19 Personen ums Leben gekommen. Die Mine gehörte Samarco, einem Joint Venture von Vale und dem australischen Bergbaukonzern BHP Billiton. Es war die größte Umweltkatastrophe in der Geschichte Brasiliens. Die Bergwerks­unglücke haben in Brasilien inzwischen zu einer Debatte über Auflagen und Kontrolle des Bergbausektors geführt. In Brasilien existieren rund 24.000 vergleichbare Anlagen. Experten ver­muten, dass viele davon Mängel auf­weisen. Der Bau neuer Rückhaltebecken derselben Bauart ist inzwischen verboten worden. Tjerk Brühwiller


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Februar


Februar

Demonstranten besteigen eine Brücke zwischen Kolumbien und Venezuela, wo ein mit humanitären Hilfsgütern beladener Lastwagen verbrannt worden war. Foto Meridith Kohut/NYT/Laif

D ieser Tag hätte in die Geschichte Venezuelas eingehen sollen. So zumindest sah es das Drehbuch des jungen Parlamentspräsidenten Juan Guaidó vor, der sich einen Monat zuvor zum Übergangspräsidenten Venezuelas ausgerufen hatte. Um den Druck auf das Regime von Nicolás Maduro zu erhöhen, wollte die Opposition dringend notwendige Nahrungsmittel und Medikamente ins Land bringen. Doch als der 23. Februar kam, hatte Maduro alle Grenzen dicht­gemacht und mit einem Großaufgebot von Sicherheitskräften besetzt.

An den Grenzübergängen zwischen Venezuela und Kolumbien, wo zahlreiche Lastwagen bereitstanden, kam es zu Straßenschlachten. Eine Hilfslieferung ging in Flammen auf, wofür sich beide Seiten gegenseitig die Schuld gaben. Etliche venezolanische Soldaten liefen zur Opposition über. ­Guaidós Plan ging trotzdem nicht auf – ­keiner der Lastwagen schaffte es nach Venezuela. Das Scheitern dieses Plans erwies sich als Wendepunkt. Die Mobi­lisierung nahm nur noch einmal ähnliche Ausmaße an: Anfang Mai, als Guaidó versuchte, mit Hilfe der Armee einen Sturz Maduros zu erzwingen. Doch Maduro hält sich weiterhin an der Macht, trotz aller Sanktionen aus Washington und trotz des Widerstands auf der Straße. Im Land herrscht weiter ein extremer Mangel an Lebensmitteln, Medikamenten und anderen Gütern, die Einkommen sind immer weniger wert. Viele Venezolaner sehen daher keinen anderen Ausweg als die Flucht. In den vergangenen fünf Jahren haben etwa vier Millionen Menschen das Land verlassen – mehr als jeder Zehnte. Tjerk Brühwiller


Alte Zollhäuschen erinnern an die alte Trennung: An der Grenze zwischen Irland und Nordirland stehen die Hütten für das, was nach dem Brexit wieder an Kontrollen kommen könnte. Foto Getty

Zur Lage der Nation: Präsident Donald Trump wendet sich bei seiner Ansprache an die Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi – die später ein Amtsenthebungsverfahren betreiben wird. Foto dpa

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März


März

Unheimliches Leuchten: Eine Ausstellung in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen zeigt auf einer 170 Quadratmeter großen Karte, wo die Stasi überall aktiv war. Foto: Jens Gyarmaty

Am Boden: Flugzeuge des Typs Boeing 737 Max stehen in der Fabrik bei Seattle. Zuvor waren zwei Flugzeuge des gleichen Modells wohl wegen falsch konstruierter Flugsteuersoftware abgestürzt. Foto: Reuters

Aufs Dach gerettet: In der moçambiquanischen Stadt Beira fliehen Menschen vor den Wassermassen. Bei dem Zyklon Idai kommen in Moçambique und Zimbabwe mehr als 1000 Personen um. Foto: AFP

I n Neuseeland fühlten sich die Menschen lange weit weg von den Konflikten dieser Welt. Das hat der Terroranschlag auf zwei Moscheen in Christchurch am 15. März 2019 geändert. Die brutale Erschießung von 51 Muslimen durch einen Rechtsextremisten aus Australien führte aber auch zu einer Welle der Solidarität in Neuseeland. Sie äußerte sich nicht nur darin, dass man Blumen niederlegte, Kerzen anzündete und gemeinsam Lieder sang. Das Mitgefühl und die Entschlossenheit, mit denen die 39 Jahre alte Premierministerin Jacinda Ardern auf den Anschlag rea­gierte, brachten ihr auf der ganzen Welt Anerkennung ein.

In kürzester Zeit setzte sie ein Verbot halbautomatischer Gewehre durch, wie sie bei dem Terroranschlag zum Einsatz gekommen waren. Sie wei­gerte sich, den Namen des Täters auszu­sprechen, um dessen Gier nach Berühmtheit nicht zu befriedigen. Dennoch haben ihn seither rechtsextremistische Terroristen wie der Attentäter, der im Oktober einen Anschlag auf die Synagoge in Halle verüben wollte, als eines ihrer Vorbilder genannt. Wie sie hatte Brenton Tarrant seine radikalen Gedanken in Internetforen entwickelt und geäußert. Seinen Anschlag hatte er live per Kamera auf Facebook übertragen. Das hatte in aller Welt Rufe nach stärkerer Kontrolle laut werden lassen. Im „Christchurch-Aufruf“ haben sich die größten Netzwerke seither zu einem Vorgehen gegen Hassbotschaften und Gewalt auf ihren Plattformen verpflichtet. Der Täter wartet derweil im Gefängnis auf seinen Prozess. Till Fähnders

Foto: AFP

D er Internationale Frauentag ist in Berlin seit diesem Jahr Feiertag. Davor war die Hauptstadt das Bundesland mit den wenigsten Feiertagen, jetzt liegt sie gleichauf mit Ländern wie Hamburg, Hessen und Brandenburg. Das ist doch mal eine gute Nachricht, zumindest für die Berliner. Weniger gute Nachrichten gibt es genug: Deutsche Frauen erhalten im Schnitt 22 Prozent weniger Lohn als Männer; für die gleiche Arbeit sind es sieben Prozent weniger. Weniger als 30 Prozent der Führungspositionen sind hierzulande von Frauen besetzt; bei den börsennotierten Unternehmen sind es nicht mal neun Prozent. Frauen sind stärker von Armut betroffen, vor allem als Alleinerziehende und im Alter. Im vergangenen Jahr wurde hierzulande an jedem dritten Tag eine Frau von ihrem Partner oder ehemaligen Partner umgebracht – an jedem anderen Tag scheiterte ein Mann mit seinem Tötungsversuch. Blickt man nicht nur auf Deutschland, sieht es noch viel düsterer aus: Mädchen erhalten weltweit nicht dieselbe Bildung wie Jungen; fast 65 Prozent aller Analphabeten sind weiblich. Osteuropäische Frauen werden teils verkauft und zwangsprostituiert, weibliche Föten in Indien abgetrieben. Auf der Welt sind 140 Millionen Frauen genitalverstümmelt, meist Afrikanerinnen und Asiatinnen. Vor allem in muslimischen Ländern drohen Mädchen Kinderhochzeiten und Frauen Ehrenmorde. Da ist es nur konsequent, dass Berlinerinnen den neuen Feiertag am 8. März nicht zum Entspannen nutzten – sondern zum Demonstrieren. Leonie Feuerbach

Foto: Julia Zimmermann

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April


April

Foto: Gilles Rolle/Laif

I n aller Welt hat das Bild der Kathe­drale Notre Dame in Flammen die Menschen ergriffen und schockiert. „Notre Dame, Oh Königin unseres Schmerzes“, überschrieb der französische Schriftsteller Sylvain Tesson sein Buch zum Brand am 15. April, kurz vor Ostern. Im weitgehend säkularisierten Frankreich ließ das Feuer die Erinnerung an die katholische Vergangenheit wieder aufflackern. Es führte zum Eingeständnis, dass die Kathedrale vernachlässigt worden war, ein Touristenmagnet, dem es an modernen Sicherheitsvorkehrungen und ausreichend Überwachungspersonal fehlte.

Die Ermittlungen laufen noch, aber bekannt ist schon, dass die Bauarbeiter regelwidrig auf dem Gerüst Zigaretten rauchten – Fahrlässigkeit allenthalben. Die Verwundbarkeit eines der erhabensten Bauwerke, die Frankreich als „älteste Tochter der Kirche“ hervorbrachte, ließ viele innehalten. Die Feuerwehrmänner, die das Äußerste gegeben hatten, um das Gotteshaus zu retten, wurden wie Helden gefeiert.

Präsident Emmanuel Macron ließ sich aus Erleichterung darüber, dass ein Einsturz der beiden Glockentürme vermieden werden konnte, zu einem gewagten Versprechen hinreißen: 2024 solle die Kathedrale wieder vollständig hergestellt sein. Ein General wurde aus dem Ruhestand geholt, um als Emissär des Präsidenten die Renovierungsarbeiten zu überwachen und zu koordinieren.

Die Schweinwerfer, die nach Einbruch der Dunkelheit die Kathedrale beleuchten, wurden als erste repariert. Und so strahlt die Fassade von Notre Dame schon wieder vertraut. Nur der stolze Vierlingsturm fehlt. Michaela Wiegel


Foto: dpa

T ypisch Dirk Nowitzki. Er macht sich auch zum Finale kleiner. Beugt sich vor der Größe, die ihm Freunde des Basketballs in aller Welt und berühmte Profis zum Ende der Karriere im April in der Halle der Dallas Mavericks hinterherrufen: der beste deutsche Spieler der Geschichte, einer der Besten der besten Liga der Welt, der nordamerika­nischen Profiliga (NBA). 1667 Spiele, 35.223 Punkte, 12.945 Rebounds. Wenn das kein Grund ist, den Kopf zu heben beim letzten Solo im Scheinwerferlicht. Aber Nowitzki scheut auch mit 41 Jahren die Bühne. Er war nie ein Egozocker, ob in 21 Spielzeiten für Dallas, beim Gewinn der NBA-Meisterschaft 2011 oder im Nationalteam. Die Entwicklung zu einer herausragenden Größe scheint mit 2,13 Meter naheliegend: Schön nah an den Korb stellen und rein damit. Aber Nowitzki begann sein Spiel weit draußen, wo früher die Kleinen standen mit dem Talent zum Königswurf. Er hatte auch so ein goldenes Händchen und dazu eine unter Hünen erstaunliche Beweglichkeit. Leise verlieh Nowitzki dem Spiel das, worüber der amerikanische Präsident so gerne schwadroniert: Größe, wo es klein war. Anno Hecker


Sprengbrunnen: In Frankfurt wird eine Weltkriegsbombe gesprengt. Foto: Wonge Bergmann

Schmerz, Trauer, Wut: Menschen in Colombo gedenken der Opfer der Terroranschläge auf Kirchen und Hotels, die Sri Lanka am Ostersonntag erschütterten. Mehr als 250 Menschen wurden getötet. Foto: Getty

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Mai


Mai

Foto: Jens Gyarmaty

D ie Wahllokale bei der Europawahl in diesem Jahr waren so voll wie lange nicht mehr. Gut 61 Prozent der Berechtigten gingen in Deutschland zur Wahl – vor fünf Jahren waren es nur 48 Prozent gewesen. In der Europäischen Union stieg die Beteiligung um acht Prozentpunkte auf 52 Prozent. Der politische Effekt: Die Parteien links und vor allem rechts außen sind weniger stark im Europäischen Parlament vertreten, als vor der Wahl vermutet wurde. Es gibt dort immer noch eine große proeuropäische Mehrheit, allerdings ist die Zusammenarbeit schwieriger geworden. Zum ersten Mal verfügen Christdemokraten und Sozial­demokraten über keine eigene Mehrheit mehr. Sie haben sich nach der Wahl mit den Liberalen engagiert, die wie die Grünen zu den Gewinnern gehörten.

Die komplizierteren Verhältnisse wurden sogleich beim Versuch deutlich, einen Kommissionspräsidenten zu finden. Die großen Parteifamilien waren zwar mit Spitzenkandidaten angetreten, doch nach der Wahl blockierten sie einander. So war der Weg frei für Ursula von der Leyen. Vorgeschlagen wurde sie vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron, gewählt wurde sie – ganz knapp – im Juli vom Parlament. Ursula von der Leyen ist die erste Frau an der Spitze der Kom­mission und die erste Deutsche seit dem Gründungspräsidenten Walter Hallstein. Sie hat den Klimaschutz zu ihrer Priorität erklärt – das war im Wahlkampf das dominierende Thema. Bis 2050 soll die EU nur noch so viel CO₂ ausstoßen, wie auf natürliche Weise kompensiert werden kann. Thomas Gutschker

Unter Tränen: Die britische Premierministerin Theresa May kündigt ihren Rücktritt an. Foto: Getty

Nichts geht mehr: Auf dem Weg zum höchsten Punkt der Welt gerät die Schlange der Bergsteiger auf dem Gipfelgrat des Mount Everest (8848 Meter) ins Stocken. Foto: AFP

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Juni


Juni

Trauer um Walter Lübcke: Vor seinem Wohnhaus wurde der Kasseler Regierungspräsident von einem Attentäter erschossen. Der CDU-Politiker hatte sich für die Aufnahme von Flüchtlingen eingesetzt. Foto: DPA

Foto: DPA

F ür die einen war sie eine Heldin, die Menschen vor dem Ertrinken rettet. Für andere, wie den italienischen Innenminister Matteo Salvini, eine Unterstützerin von Schleusern, die illegale Migranten nach Europa bringt. In Talkshows, Radio­sendungen und auf Twitter bezeichnete Salvini die deutsche Kapitänin Carola Rackete als Gaunerin, Piratin, Schlepperin. Der Chef der rechtsnationalistischen Partei Lega gilt als einer der härtesten Verfechter der europäischen Abschottungspolitik im Kampf gegen illegale Migration. Er erließ ein Dekret, das eine Geldstrafe von bis zu 50.000 Euro für Kapitäne von Rettungsschiffen vorsieht, wenn sie unerlaubt in italienische Gewässer einfahren. Carola Rackete missachtete das Verbot dennoch.

Am 26. Juni rief sie den Notstand auf der „Sea-Watch 3“ aus und lenkte das Schiff mit 40 Migranten an Bord ohne Genehmigung in den Hafen von Lampedusa. 17 Tage lang hatte sie vergeblich darauf gewartet, dass die EU-Staaten sich auf einen Verteilmechanismus für die Migranten einigen. Rackete wurde kurzzeitig festgenommen, ein Gericht sprach sie jedoch frei. Salvini, dessen harter Kurs in Italien viel Zuspruch fand, kündigte kurz darauf in der Hoffnung auf einen klaren Sieg bei raschen Neuwahlen dem Koalitionspartner seiner Partei – überschätzte sich aber und fand sich in der Opposition wieder. Die „Sea-Watch 3“ blieb beschlagnahmt. Nach wie vor warten Rettungsschiffe im Mittelmeer oft tagelang auf einen sicheren Hafen. Die staatliche Seenotrettung ist weiter ausgesetzt. Julia Anton


Zu Staub geworden: Elf Monate nach dem Einsturz der Morandi-Brücke in Genua, bei dem 43 Menschen umkamen, werden die Überreste der Autobahnbrücke gesprengt. Foto: AFP

Da braut sich was zusammen: Die Herrenentwürfe von Zegna bei der Modewoche in Mailand wirken futuristisch. Sie sind für Frühjahr und Sommer 2020 gedacht. Foto: Helmut Fricke

B eim Klimaschutz geht es nicht nur um Gletscher und Eisbären, es geht auch um unsere Lebensgrundlagen in Deutschland.“ Das hat Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) nach dem Sommer 2019 gesagt, in dem es in Deutschland so heiß war wie nie zuvor seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Im Durchschnitt war es zwar nur der drittwärmste Sommer, doch dafür wurden Ende Juli im niedersächsischen Ort Lingen 42,6 Grad gemessen – ein Rekord. Auch in Frankfurt wurde die 40-Grad-Marke geknackt, sehr zum Leidwesen des Kranführers Syla, der diese Zeitung nach einem Interview über die Auswirkungen der Hitze in sein verflixt hohes Kranführerhäuschen einlud. Eine halbe Stunde vorher war er noch weniger gut gelaunt gewesen: „Als ich angefunkt wurde, habe ich mich gefreut, weil ich gedacht habe, dass die Klima­anlage für mein Kranführerhaus endlich angekommen ist. Stattdessen soll ich jetzt mit Ihnen reden. Aber ich habe vom Chef ja wenigstens ein Eis bekommen.“

Foto: Frank Röth

In dem Gespräch wurde klar, wie schlecht Deutschland auf die Klimaveränderungen vorbereitet ist. „In den neueren Kränen gibt es Klimaanlagen“, sagte Syla. „Aber nicht in allen. Das ist nicht normal, in anderen Ländern ist das besser. Aber in Deutschland ist es eben nicht oft so heiß, deswegen lohnt sich das vielleicht nicht.“ Vieles am Klimawandel ist nicht absehbar. Sicher aber ist: Es lohnt sich, Klima­anlagen für Kranführer zu kaufen. Im November zeigte ein Bericht der Vereinten Nationen, dass die Durchschnittstempe­ratur bis zum Ende des Jahrhunderts um 3,9 Grad steigen könnte. Das hätte über­all verheerende Folgen, auch oben auf Kränen. Sebastian Eder


In guten Händen: Jürgen Klopp gewinnt mit dem FC Liverpool die Champions League. Foto: Getty

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Juli


Juli

Im Amt (v.l.): Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer erhält ihre Ernennungsurkunde in Gegenwart von Vorgängerin Ursula von der Leyen und Kanzlerin Angela Merkel. Foto: Matthias Lüdecke

Foto: Frank Röth

D er Tod eines acht Jahre alten Jungen, der am 29. Juli am Frankfurter Hauptbahnhof gemeinsam mit seiner Mutter vor einen einfahrenden ICE gestoßen wurde, war eines der schrecklichsten Verbrechen, die Deutschland in den vergangenen Jahren erschütterten. An jenem Morgen war der Bahnsteig an Gleis 7 voll mit Reisenden, als ein 40 Jahre alter Eritreer plötzlich die Mutter des Jungen packte und sie in Richtung Gleise schob. Dann griff er nach dem Jungen und stieß ihn ebenfalls auf das Gleisbett. Die Mutter konnte sich in einem Reflex noch zur Seite rollen. Als sie realisierte, dass auch ihr Sohn auf den Gleisen lag, war es schon zu spät. Der Zug konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen.

Die Tragik des Falls, aber auch die Erkenntnis, dass ein Mensch überhaupt in der Lage ist, so etwas zu tun, machten viele Menschen fassungslos. Bundesinnen­minister Horst Seehofer unterbrach seinen Urlaub und hielt eine Krisensitzung ab. Reisende aus dem gesamten Bundesgebiet legten am Hauptbahnhof Blumen, Briefe und Spielzeug nieder. Über Wochen wurde die Gedenkstätte aufrechterhalten, weitete sich immer mehr aus. Menschen kamen, um zu trauern und zu beten. Viele, die an dem Morgen das Geschehen miterlebten, leiden noch heute unter den schrecklichen Bildern. Eine Antwort auf die Tat gibt es bislang nicht. Der Täter, so heißt es, sei psychisch krank. Viele Fragen rund um das Verbrechen aber sind weiterhin offen. Möglicherweise werden sie nun in dem Prozess geklärt, der demnächst beginnen soll. Katharina Iskandar


Im Wal-Kampf: In der Monterey Bay vor der kalifornischen Pazifikküste hat ein Buckelwal aus Versehen einen Seelöwen geschnappt. Foto: AFP

World Cup in New York: Fortnite-Spieler im Live-Video-Feed Foto: Brian Finke/NYT/Laif

Eiskalt: Boris Johnson geht gerne aufs Ganze – auch wenn das Spuren hinterlässt. Foto: DPA

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August


August

Stumme Anklage: Demonstranten der Bewegung „Fridays for Future“ haben sich in der Dortmunder Innenstadt zum „Die-In“ versammelt. Ihre Forderung: eine konsequentere Klimapolitik. Foto: Daniel Pilar

E -Scooter gehören seit dem Sommer zum Straßenbild in deutschen Großstädten. Sie stehen dort zu Tausenden – und nach Ansicht von Kritikern immer im Weg. Störend, gefährlich und nicht nachhaltig finden manche die Scooter. Andere finden sie spaßig und vor allem praktisch, weil sie überall ausgeliehen und abgestellt werden können.

Ein halbes Jahr nach der Zulassung der Scooter lässt sich zumindest eines mit Sicherheit sagen: Zur Entlastung des Verkehrs, wie anfangs mal gehofft, tragen die Roller nicht bei. Denn sie werden vor allem für kurze Strecken genutzt, die sonst zu Fuß oder per Rad zurückgelegt worden wären, nicht mit dem Auto.

Foto: Karsten Thielker

Und: Mit den Scootern ist ein neuer Beruf entstanden, der Juicer, je nach Scooter-Firma auch Ranger, Hunter oder Charger genannt. Juicer fahren nachts mit Lieferwagen durch die Stadt, sammeln Roller ein und verteilen sie am nächsten Morgen wieder. Dazwischen versorgen sie die Geräte mit frischem Saft. Manche Juicer bringen die Roller dafür in ein Lager, andere schleppen sie in die eigene Wohnung und laden sie dort an der heimischen Steckdose auf. Den Strom zahlen sie selbst, ebenso wie das Benzin und die Miete für die Lieferwagen, die ihnen oft nicht gehören. Die meisten arbeiten als Selbständige. Das heißt: Sie sind nicht sozialversichert, sie müssen selbst fürs Alter vorsorgen und auf die paar Euro pro Scooter noch Steuern zahlen. Lukrativer Nebenjob oder Ausbeutung? Da gehen die Meinungen auseinander. So wie bei den E-Scootern. Leonie Feuerbach


Gerettet: Drei Flüchtlinge, die von der spanischen Marine im westlichen Mittelmeer an Bord genommen und nach Málaga gebracht wurden, warten darauf, an Land gehen zu können. Foto: Getty

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September


September

Foto: Reuters

M it dem Beginn der Trockenzeit in Amazonien startete im August auch die Saison der Rodungen und Brandrodungen. Doch anders als in früheren Jahren ist in Brasilien nun eine Regierung am Werk, deren Haushaltskürzungen den Umwelt­bereich hart treffen und die mit ihrer Rhetorik geradezu dazu ermuntert, weitere Gebiete abzuholzen. Als die ersten Zahlen vorlagen, die einen Anstieg der Amazonasbrände im Vergleich zum Vorjahr zeigten, schlug Europa Alarm. „Unser Haus brennt“, warnte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron – und machte sich so seinen brasilianischen Amtskollegen Jair Bolsonaro zum Feind.

Macron sicherte sich damit aber die Sympathien der französischen Bauern und der wachsenden grünen Bewegung zugleich. Und Amazonien bekam eine noch nie dagewesene Aufmerksamkeit. Journalisten aus aller Welt reisten an, um über etwas zu berichten, das seit Jahrzehnten andauert. Schließlich musste Brasilien unter dem Druck der Öffentlichkeit und der heimischen Agrarindustrie die Armee entsenden, um den Kampf gegen das Feuer aufzunehmen. Bolsonaro ließ das Verbrennen von Vegetation bis Oktober verbieten. Die Feuer gingen zurück. Die Waldfläche, die zerstört wurde, wird in diesem Jahr trotzdem wieder gewachsen sein. Von dem Problem ist nicht nur Brasilien betroffen: In Kolumbien weicht der Regenwald weiter den Koka­plantagen, in Venezuela fressen sich Goldsucher immer tiefer in den Wald, und in Bolivien hatte der aus dem Amt gedrängte Präsident Evo Morales die Erschließung neuen Ackerlands voran­getrieben. Tjerk Brühwiller


Mienenspiel: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj und der amerikanische Präsident Donald Trump treffen sich bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York. Foto: AFP

Ein Land im Schatten des Atomstreits: Im Teheraner Militärmuseum spaziert eine Familie an einer Raketen-Abfangstation aus dem iranisch-irakischen Krieg vorbei. Foto: Helmut Fricke

Tod und Verwüstung in der Karibik: Der Hurrikan Dorian führt auf den Bahamas zur größten Naturkatastrophe in der Geschichte der Inseln, mindestens 60 Menschen kommen ums Leben. Foto: Getty

Foto: Frank Röth

D ie Demonstranten waren nicht sehr zahlreich, aber sie zogen die Aufmerksamkeit tagelang auf sich. So blieben am ersten Wochenende Tausende Interessierte der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt fern. Das war in den übrigen Tagen nicht mehr aufzuholen, und so bleibt in Erinnerung, dass die IAA 2019 ein Flop war. Trotz 560.000 Menschen, die nach Frankfurt strömten. Aber die Stimmung war ohnehin schon getrübt von Dieselaffäre, Fahrverboten und SUV-Ressentiments. Obwohl der Höhepunkt der Aufregung inzwischen überschritten scheint, bleibt eine neue Einstellung in den Konzernen, deren Verantwortliche nicht mehr Millionen in eine Automesse klassischer Art stecken wollen. Und weil im Streit auch noch der Präsident des ausrichtenden Verbands der Automobilindustrie (VDA) zurücktrat, muss nun ein Scherbenhaufen zusammengekehrt werden.

Es geht um nicht weniger als die Fragen, mit welchem Antrieb wir in die Zukunft fahren, ob es eine nächste IAA geben wird, wo sie ausgetragen wird und in welchem Format. Eine neue Präsidentin für den VDA ist gefunden: Hildegard Müller. Um die IAA wird noch gerungen, sie soll aus den Hallen heraus zu den Menschen, mit Mobilität zum Anfassen. Zudem soll das Event in der Stadt etwas Nachhaltiges hinterlassen. Interessenten dafür gibt es: Hamburg, Köln, Berlin, Frankfurt. Der Abgesang auf das Auto, den manche im September anstimmten, kann also noch warten. Für Deutschland und seine bedeutendste Industrie ist das immerhin eine gute Nachricht. Holger Appel


Nur kurz mal weg: Nach seinem Sturz durch ein parlamentarisches Misstrauensvotum gewinnt Sebastian Kurz mit seiner ÖVP die vorgezogene Nationalratswahl in Österreich. Foto: AP

Abschied von Jacques Chirac: Frankreich trauert um den ehemaligen Präsidenten – „Wir Franzosen haben einen Staatsmann verloren, den wir genauso liebten, wie er uns liebte“, sagt Präsident Macron. Foto: EPA

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Oktober


Oktober

„Ein Tag der Scham und der Schande“: Nach dem versuchten Anschlag auf die jüdische Synagoge in Halle besuchen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau den Tatort. Foto: Daniel Pilar

Foto: AFP

C haville, ein ruhiger Vorort von Paris, ist seit Oktober zur Pilgerstätte geworden. Dort lebt der Schriftsteller Peter Handke, dem der diesjährige Nobelpreis für Literatur zugesprochen wurde. Er versteht sich aber auch als literarischer Zeuge unserer unruhigen Zeiten, vor allem mit Blick auf die Jugoslawien-Kriege der neunziger Jahre. In der Frage der dama­ligen Kriegsschuld nimmt er die serbische Seite, die in der westlichen Welt als Aggressor gilt, in Schutz, und deshalb ist um die ästhetisch unanfechtbare Entscheidung der Nobelpreisjury eine moralische Debatte entbrannt: Kann man einem Autor, der bei der Beerdigung des früheren serbischen Präsidenten Milošević – der als Angeklagter während eines Kriegsverbrecherprozesses starb – gesprochen hat, den am höchsten angesehenen Literaturpreis verleihen?

Die Fotos, die am Tag der Vergabe von Handke gemacht wurden, zeigen ihn sinnierend im Garten – als naturzugewandten Beobachter, wie er sich so gerne in seinen Notizbüchern gibt. In der Menschenabgewandtheit, die aus dem Habitus des großen Einsamen spricht, artikuliert sich Handkes Position: Nie sollt ihr mich befragen. In der Erregung über die Kritik an ihm hat er verkündet, nicht mehr mit der Presse zu reden – danach aber immer wieder Journalisten empfangen, einzelne bei heiklen Fragen hinaus­geworfen und andere zum Essen eingeladen. So wurden die Früchte des Waldes zu Accessoires der Fotos und Gesprächs­themen der Interviews. Stilllebenromantik für einen, um den es nicht still werden will. Andreas Platthaus


„Opening Bell“ – aus Anlass des 70. Geburtstags der F.A.Z wird die Glocke in der Frankfurter Börse für die Zeitung geläutet. Von links: F.A.Z. Herausgegeber Werner D’Inka, Berthold Kohler, Jürgen Kaube, F.A.Z. Geschäftsführer Thomas Lindner (Vorsitzender), Gerald Braunberger und F.A.Z. Geschäftsführer Dr. Volker Breid. Foto: Wolfgang Eilmes

Von Herzen: Dem Fotografen Sebastião Salgado wird in Frankfurt der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen – Wim Wenders hält die Laudatio und hält ihn fest. Foto: Wonge Bergmann

Foto: Reuters

F ür den Machthaber Kim Jong-un verlief das Jahr 2019 alles andere als erfreulich. Ende Februar traf er sich mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump in Hanoi. Gemessen an den Erwartungen, die die nordkoreanische Propaganda vor dem Gipfel schürte, muss Kim gehofft haben, mit einem guten Ergebnis nach Hause fahren zu können. Am dringendsten braucht er eine Lockerung der internationalen Wirtschaftssanktionen gegen sein Land. Doch das Treffen mit Trump endete ohne Ergebnis. Es war ein schwerer Gesichtsverlust für Kim Jong-un. Sein ganzer Apparat verfiel über Wochen in Schockstarre, enge Vertraute mussten als Sündenböcke herhalten.

Im April ging der Machthaber dann in die Offensive. Er stellte den Vereinigten Staaten ein Ultimatum: Bis Ende des Jahres müsse Washington eine „mutige Entscheidung“ treffen und Nordkorea ein neues Angebot machen, verlangte Kim Jong-un. Andernfalls werde es „sehr gefährlich“. Damit wollte der Diktator im eigenen Land Stärke demonstrieren. In immer schrilleren Tönen erinnert Pjöngjang derzeit an das nahende Ende des Ultimatums. Nach der Schmach von Hanoi hat die Propaganda viel unternommen, um den Machthaber in den Status eines unfehlbaren Wesens zu erheben. Dazu diente im Oktober der Ritt auf dem Schimmel durch die sagenumwobene Landschaft des Bergs Paektu. Der Berg gilt Koreanern als heilig, weil der Legende nach vor 4000 Jahren dort der Gründer des ersten koreanischen Königreichs geboren wurde. Über den Ausritt Kim Jong-uns schrieb die staatliche Agentur KCNA, es werde „eine große Operation“ geben, die die Welt in Staunen versetzen werde. Das verheißt wohl nichts Gutes für 2020. Friederike Böge


Mit aller Gewalt: Bei Zusammenstößen nach Protesten gegen die Regierung in Hongkong nimmt die Polizei Demonstranten fest, die für mehr Demokratie auf die Straße gehen. Foto: Getty

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November


November

Handfester Protest: Kurdische Demonstranten schleudern Steine auf ein türkisches Militärfahrzeug, das Teil einer russisch-türkischen Patrouille im Nordosten Syriens ist. Foto: AFP

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S ie kann auch streng sein. Bislang ist sie allerdings vor allem durch ihren Charme aufgefallen, mit dem sie selbst potentielle Gegner für sich einzunehmen weiß: Christine Lagarde, 63 Jahre alt, hat am 1. November Mario Draghi an der Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) abgelöst. Gleich bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt in Frankfurt vor Bankern waren die sonst oft so EZB-kritischen Chefs der Großbanken voll des Lobs für die Französin: So überzeugend habe lange keiner mehr über Europa gesprochen. Vielleicht ein kluger Schachzug von Lagarde: Erst mal das große Bild von der notwendigen weiteren Integration Europas und die Rolle des Euros dabei zu beschwören – statt sich gleich in Details der Geldpolitik zu verzetteln. Den zerstrittenen EZB-Rat lud sie zum lockeren Gedankenaustausch ins Schlosshotel Kronberg ein. Danach fanden selbst Kritiker, die Atmosphäre sei „offen wie nie“ gewesen. Auch Humor hat Lagarde schon bewiesen. Als sie ihre Unterschrift unter die ersten Euroscheine setzte, schlug sie einen neuen Spitznamen für den Euro vor: Wie der Dollar wegen seines grünen Hintergrunds „Greenback“ genannt werde, könne man den Euro doch wegen der blauen Brücke auf dem 20-Euro-Schein „Blue Bridge“ nennen. Lagarde bringt einen neuen Stil in die EZB. Ihre Aufgabe macht das aber nicht leichter: Eine Geldpolitik zu betreiben, deren Instrumente schon recht weit ausgereizt sind – und deren Ansehen gerade in der deutschen Bevölkerung besser sein könnte. Christian Siedenbiedel


Im Brennpunkt: Tausende Feuerwehrleute kämpfen gegen die Buschbrände, die im Osten Australiens wüten. Das Einsatzgebiet der Helfer gleicht häufig einer Katastrophenregion. Foto: Getty

Acqua Alta: Anhaltende Regenfälle und heftige Stürme führen zu schweren Überschwemmungen in Venedig. Das Wasser macht auch vor den Kostbarkeiten im Palazzo Pisani Gritti nicht halt. Foto: AFP

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Dezember


Dezember

„Eigentlich müsste man verstummen“: Bundeskanzerin Angela Merkel besucht zum ersten Mal das ehemalige Vernichtungslager in Auschwitz. Foto: AP

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D ass Nancy Pelosi und Boris Johnson das Jahr 2019 ungenutzt haben verstreichen lassen, lässt sich nicht unbedingt behaupten. Im Gegensatz zu vielleicht anderen Politikern, Wirtschaftsbossen und anderen Menschen auf der ganzen Welt mit unzähligen Möglichkeiten. Pelosi, die sich als Sprecherin des amerikanischen Repräsentantenhauses in Washington lange gegen die Einleitung eines Amtsenthebungsverfahrens gegen Donald Trump sträubte, durch die Ukraine-Affäre des Präsidenten dann aber keine andere Chance sah, als die Impeachment-Forderer zu unterstützen, kämpft schon lange gegen den derzeitigen Präsidenten der Vereinigten Staaten. Seit wenigen Tagen steht nun fest: Trump wird offiziell einem Verfahren zur Amtsenthebung unterzogen – er ist damit erst der dritte Präsident in der Geschichte des Landes, dem diese zweifelhafte Ehre zuteil wird. Doch, ob Pelosi am Ende auch den ganz großen Erfolg haben – und Donald Trump also vorzeitig sein Amt verlieren – wird, ist dennoch extrem unwahrscheinlich. Die Macht und Mehrheit der Republikaner im Senat ist dafür einfach zu groß.

Und Johnson? Der britische Premierminister will Großbritannien schon seit langer Zeit um jeden Preis aus der Europäischen Union führen und wähnt sich jetzt – nach einem dreieinhalb Jahre dauernden Hin und Her ohne große Fortschritte – doch noch auf einem guten Weg seinen Leitspruch „Get Brexit done“ in die Tat umzusetzen. Erst gewannen seine Konservative die Neuwahlen mit beachtlichem Vorsprung, dann stimmte das neu zusammengesetzte Parlament kurz vor Weihnachten noch für den mit der EU ausgehandelten Brexit-Deal. Wenn alles seinen Weg nimmt, sind die Briten am 1. Februar endgültig aus der EU ausgetreten. Ob danach Ruhe einkehrt? Wohl kaum. Sowohl für Johnson als auch für Pelosi gilt für 2020: Es gibt noch viel zu tun. Sebastian Reuter


Hut statt Krone: Mit etwas weniger Pomp als üblich geht das britische Parlament in die neue Legislaturperiode. Im Oberhaus verliest die Queen die Regierungserklärung von Boris Johnson. Foto: dpa

Tod auf dem Vulkan: Dutzende Touristen besuchen am 9. Dezember White Island, Neuseeland. Völlig unerwartet bricht der Vulkan aus. 16 Tote werden geborgen, zwei Menschen bleiben vermisst. Viele Verletze erleiden schwere Verbrennungen. Foto: dpa

Quelle: F.A.Z. Magazin

Veröffentlicht: 28.12.2019 10:58 Uhr