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Das sind die Bilder des Jahres 2018

28.12.2018 · Deniz Yücel kommt in Berlin an. Eintracht Frankfurt feiert auf dem Römerberg. Mesut Özil trifft Erdogan. Und ein Kunstwerk von Banksy zerstört sich selbst. Diese Bilder – und viele mehr – haben das Jahr 2018 geprägt.

Januar

Trauern verboten: Polizisten versperren den Weg zu einer Kundgebung für Óscar Pérez in Venezuela. Er hatte 2017 versucht, gegen Präsident Nicolás Maduro zu putschen. Am 15. Januar erschossen ihn Polizisten. Foto: Reuters

Foto: Reuters

Zwanzig Jahre nach Dolly muss man sich nun zwei neue Namen merken: Mit den Javaneraffen Zhong Zhong und Hua Hua haben Chinas Forscher den illustren Kreis der Klontiere um die ersten Primaten erweitert. Gut zwei Dutzend Säugetierarten wurden inzwischen mittels Zellkerntransfer geklont, darunter Schafe, Kühe, Schweine, Pferde, Katzen und Hunde. Im Januar wurden auch zwei niedliche Äffchen der Öffentlichkeit präsentiert. Aber nicht zu vergessen: Die beiden überlebten als einzige von 260 im Labor gezeugten Embryonen, die man Affenweibchen in dieser Versuchsreihe eingepflanzt hatte. Von 28 Schwangerschaften mündeten nur vier in einer Geburt, per Kaiserschnitt. Was zuvor erfolglos versucht wurde, gelang einem Team aus elf Wissenschaftlern – unter der Leitung von Quiang Sun am Institute of Neuroscience der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Schanghai. Während Dolly mit dem Zellkern aus einer Euterzelle geschaffen wurde, lieferten im Fall von Zhong Zhong sowie Hua Hua fetale Fibroblasten das Erbgut, das dann entkernten Eizellen eingesetzt wurde. Mehr als 400 Eizellen kamen in den Experimenten zum Einsatz; das zeigt, dass es nicht leicht ist, lebensfähige Primatenklone auf die Welt zu holen. Doch nun symbolisieren zwei Affen den Stolz von Zhonghua (China), deren Namen sie tragen. Beim schottischen Klonschaf hatten die Forscher einst auf weibliche Attribute Bezug genommen: Sie erklärten Country-Sängerin Dolly Parton zur Namenspatin. Sonja Kastilan


Martialische Tradition: Im Dorf San Bartolomé de Pinares nahe Madrid reiten Männer seit 500 Jahren zu Ehren des Schutzheiligen der Tiere durchs Feuer. Das soll die Pferde reinigen und schützen. Foto: Getty

Weiter geht’s: Die damaligen Parteivorsitzenden Horst Seehofer (CSU), Angela Merkel (CDU) und Martin Schulz (SPD) geben im Willy-Brandt-Haus bekannt, dass die große Koalition fortgesetzt wird. Foto: Jens Gyarmaty

Vergessener Krieg: Bewaffnete Frauen demonstrieren in Jemens Hauptstadt Sanaa für die Huthi-Rebellen. In deren Krieg gegen eine saudisch geführte Koalition kamen schon mehr als 10.000 Menschen um. Foto: Reuters

Foto: Reuters

Es ist nur eine Szene von vielen aus diesem Krieg, der inzwischen seit mehr als sieben Jahren tobt: Ein Mann trägt ein verwundetes Kind durch die Trümmer in Hamoria, einer der belagerten aufständischen Damaszener Vorstädte Ost-Ghoutas. Immer wieder wurden Zivilisten Ziel der Luftwaffe des syrischen Regimes, wurden Märkte oder Wohnhäuser getroffen. Auch in jenen Tagen Anfang Januar waren die Bombardements brutaler Alltag. Es sollte noch schlimmer kommen: Im Februar startete Machthaber Baschar al Assad mit russischer Hilfe eine Großoffensive, um die Region unter seine Kontrolle zu bringen. Ein Feuersturm fegte über die Menschen in Ost-Ghouta hinweg. Über Wochen schlugen täglich Fliegerbomben, Granaten und geächtete Fassbomben in Wohnviertel ein. Krankenhäuser waren ein beliebtes Ziel, die Menschen hungerten in behelfsmäßigen Bunkern. Sie hatten sich früh gegen Assad erhoben. Islamistische Milizen ergriffen die Macht, die mächtigste unter ihnen die von Saudi-Arabien unterstützte „Armee des Islams“. Die belagerte Region war Schauplatz eines Abschreckungswettbewerbs mit ungleichen Mitteln: Die Islamisten schossen Granaten auf Wohnviertel der Hauptstadt, daraufhin stiegen die Bomber des Regimes auf. Zugleich verdienten Kriegsgewinnler auf beiden Seiten Millionen von Dollar an Schmuggeltunneln. Die islamistischen Rebellen hatten außerdem ein weit verzweigtes Netz von Tunneln zur Verteidigung angelegt. Die Ghouta-Offensive war daher am Boden verlustreich für das Regime. In einigen Orten konnten Assad und seine Erfüllungsgehilfen Spaltungen und Angst nutzen, um Kapitulationsdeals auszuhandeln. Aber die gut bewaffnete „Armee des Islams“ verkündete, bis zum letzten Mann Widerstand zu leisten. Am 7. April meldeten die Rebellen einen Giftgasangriff in ihrer Bastion, der Vorstadt Douma. Wenige Tage später streckten sie die Waffen. Inspektoren der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) wurden „aus Sicherheitsgründen“ erst zwei Wochen später an den Ort des Geschehens gelassen. Sie fanden Rückstände von Chlorgas, aber keine von Nervengas. Aus Douma drangen nach dem Einzug des Regimes Berichte über Razzien und willkürliche Verhaftungen nach außen. Humanitäre Helfer schlagen noch Ende des Jahres Alarm: Die Lage sei weiterhin erschütternd, die medizinische Versorgung zusammengebrochen. Christoph Ehrhardt



Ästhetik der Macht: Der russische Präsident Wladimir Putin badet am Dreikönigstag im Seligersee. Foto: AFP

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Februar



Februar

Foto: Getty

Millionen Amerikaner werden die Bilder aus Parkland nie vergessen: Jugendliche mit blutigen Schusswunden auf dem Gehweg vor der Marjory Stoneman Douglas High School, vermummte Scharfschützen und Hunderte Schüler, die das Gebäude in Menschenschlangen mit den Händen auf den Schultern des Vordermanns verlassen. Mit einem halbautomatischen Gewehr des Typs AR-15 hatte der psychisch gestörte Nikolas Cruz sechs Minuten lang um sich gefeuert. Bei dem Blutbad in Florida, einem der verheerendsten „School Shootings“ in den Vereinigten Staaten, starben am 14. Februar 17 Menschen. Der damals 19 Jahre alte Schütze mischte sich nach dem Massaker unter die Überlebenden und ließ sich aus der abgeriegelten High School führen. Seit der Festnahme am selben Tag wartet er im Gefängnis auf den Prozess. Wie das Massaker in Columbine 1999 mit 13 Toten und das in Sandy Hook 2012 mit 28 Toten befeuerte auch Parkland die Debatte über Waffengesetze. Fast reflexartig riefen viele Demokraten nach schärferen Background-Checks potentieller Käufer und der Ächtung von Sturmgewehren. Unterstützt von der Waffenlobby National Rifle Association (NRA), pochten Mitglieder der Republikanischen Partei derweil auf den zweiten Zusatzartikel der Verfassung, der das Recht auf Pistole, Revolver und Gewehr garantiert. Zum ersten Mal mischten sich auch Schüler ein. „Wir wollen erreichen, dass Politiker, die Unterstützung von der NRA erhalten, bei den Zwischenwahlen im November nicht gewählt werden“, forderte Emma González, die das Blutbad versteckt im Auditorium der Douglas High überstand. Mit weiteren Überlebenden trat die Neunzehnjährige die größte Protestbewegung von Schülern nach dem Vietnam-Krieg los und organisierte in Washington den „March For Our Lives“. Ihr Engagement scheint erste Früchte zu tragen. „Gun Safety“ gehörte bei den Zwischenwahlen Anfang November zu den am härtesten umkämpften Themen. Und tatsächlich mussten zahlreiche republikanische Kongressabgeordnete, die mit Spenden der NRA unterstützt wurden, ihre Sitze an demokratische Waffengegner abtreten. Christiane Heil


Es gefällt: Elisabeth II. sieht sich mit Anna Wintour („Vogue“) eine Modenschau in London an. Foto: EPA

Endlich frei: Der Journalist Deniz Yücel kommt nach einem Jahr in türkischer Haft in Berlin an. Foto: dpa

Inszenierter Jubel: Hunderte handverlesene Nordkoreanerinnen in identischen Outfits schwenken bei den Olympischen Winterspielen in Südkorea Fähnchen. Foto: Reuters

Bad im verschmutzten Fluss: Ein Mahut, Führer und Besitzer eines Arbeitselefanten, wäscht sein Tier in Neu-Delhi im Yamuna, dem wichtigsten Nebenfluss des Ganges. Foto: Reuters

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März


März

Reine Handschuhe, schmutzige Luft: Sicherheitskräfte wehren einen Fotografen ab, während eine Dürre im Norden Chinas in Peking einen Sandsturm und bedrohliche Luftverschmutzung verursacht. Foto: Reuters

„So wahr mir Gott helfe“: Angela Merkel legt im Bundestag vor Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble ihren Amtseid ab, nachdem sie zum vierten Mal zur Bundeskanzlerin gewählt wurde. Foto: Daniel Pilar

Straßenspiel: Philippinische Kinder toben vor einer Kirche in der Stadt Paranque. Die Palmen an den Ständen im Hintergrund werden als Dekoration zum Palmsonntag verkauft. Foto: EPA

Foto: dpa

Es begann mit einem Vorfall, der zunächst aussah, als könne er es allenfalls in die Lokalnachrichten von Salisbury schaffen: Am 4. März war zwei Menschen auf einer Parkbank schlecht geworden, sie kamen ins Krankenhaus. Aber es war der Auftakt einer Krise, in deren Verlauf die Regierung in London dem russischen Präsidenten Wladimir Putin vorwarf, ein Mordkommando nach Großbritannien geschickt zu haben, und mehr als 140 russische Diplomaten aus westlichen Ländern ausgewiesen wurden. Denn die beiden auf der Bank waren der ehemalige russische Agent Sergej Skripal und seine Tochter Julia – und sie waren mit dem Nervengift Nowitschok vergiftet worden, das Ende der Achtziger in der Sowjetunion entwickelt worden war. Sie überlebten. Russland wies alle Vorwürfe empört zurück, aber Putin sinnierte öffentlich über das schreckliche Schicksal, das Verrätern wie Skripal widerfahre. Erst verlangte er eine Untersuchung durch die internationale Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW). Als diese den Beleg für den Einsatz von Nowitschok erbrachte, begann eine Kampagne zur Diskreditierung der OPCW. Nachdem Scotland Yard im September Fotos zweier Tatverdächtiger und die Namen veröffentlicht hatte, unter denen sie zur Tatzeit in Großbritannien waren, konnten Journalisten die beiden als Agenten des russischen Militärgeheimdienstes GRU identifizieren, in dem auch Skripal gedient hatte. Putin soll erzürnt gewesen sein. Im November starb der GRU-Chef unter unklaren Umständen. Reinhard Veser


Foto: Reuters

Halden voller Autos sind so ungewöhnlich nicht. Nur sind sie meist an Häfen zu beobachten, an denen Tausende frisch gefertigte Neuwagen auf den Transport zu ihren stolzen Besitzern warten. Die Besitzer dieses kalifornischen Blechhaufens sind keineswegs stolz auf ihren Audi oder Volkswagen, vielmehr sind sie betrogen worden, weswegen der Konzern die Autos mit manipulierter Motorsteuerung schließlich zurückgekauft hat. 350.000 Stück sollen es sein, das Programm läuft noch. Sie parken in alten Stadien und Fabriken oder eben in der Wüste bei Victorville. Dort sollen sie aber nicht zu Staub zerfallen, wie das so mancher Jet tut, sondern eines Tages weiterverkauft werden – wohin, weiß der Wind. In Deutschland ist die Gesetzeslage anders: Hier müssen die betrogenen Kunden einzeln klagen, und überhaupt gilt das Software-Update als ausreichend. In Kundenhand haben die Autos freilich an Wert eingebüßt, für den niemand aufkommt, was auch für alle anderen Diesel-Autos gilt. Deshalb hat der gleichnamige Skandal längst die Grenzen des bislang mit 28 Milliarden Euro dafür büßenden VW-Konzerns gesprengt. Die Debatte über die Schadstoffe aus dem Diesel-Auspuff durchdringt Politik und Gesellschaft, über Fahrverbote in Städten mit verschmutzter Luft wird so heiß diskutiert wie über die Wahl der Grenzwerte und die Aufstellung der Messstationen. Derweil fragt sich die Menschheit, wie es weitergeht, mit dem Verbrennungsmotor im Speziellen und der Mobilität allgemein – denn man könnte glauben, in diesem Bild keinen Autofriedhof zu erkennen, sondern den Alltagsstau am Frankfurter Kreuz. Holger Appel


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April


April

Kabelsalat: Querschnitte von Kupferkabeln am Stand des Kabelherstellers Concab bei der Hannover-Messe. Die Industriemesse gewinnt in den nächsten Jahren durch das Ende der Cebit an Bedeutung. Foto: Picture-Alliance

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In Südkorea endet zwar seit vielen Jahren so gut wie jedes (ehemalige) Staatsoberhaupt irgendwann im Gefängnis. Für diesen Schritt allerdings wird der amtierende Präsident Moon Jae-in wohl kaum bestraft werden – obwohl er ihn sich laut Gesetz vorher hätte genehmigen lassen müssen. Immerhin tut Moon den Schritt über die dichteste Grenze der Welt ins feindliche Nordkorea unter tätiger Mithilfe und auf Initiative des dortigen Staatsführers Kim Jong-un. Dessen Motive für die Charmeoffensive lassen sich vermutlich am ehesten in Dollar und Cent ausdrücken. Trotzdem ist beim dritten innerkoreanischen Gipfeltreffen im April auch viel von einer friedlichen Zukunft für die Halbinsel die Rede. Moon Jae-in hat sich zuvor vergeblich um eine Entspannung zwischen Korea und Korea bemüht. Während der Olympischen Winterspiele im südkoreanischen Pyeongchang im Februar war dann aber zu besichtigen, dass das Kriegsgeschrei der Vergangenheit angehören wird. Die Krönung für Kim Jong-un war freilich nicht die Begegnung mit dem Landsmann an der Grenze – sondern die mit Donald Trump im Juni in Singapur. Peter Sturm


Noch mehr Fahnenmeer: Tausende protestieren in Barcelona gegen die Inhaftierung katalanischer Separatisten, denen nach einem illegalen Unabhängigkeitsreferendum „Rebellion“ vorgeworfen wird. Foto: ddp / CrowdSpark / Angel Garcia

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Mai


Mai

Foto: AP

So schnell kann’s gehen: Im November 2016 gaben Prinz Harry und Meghan Markle ihre Beziehung bekannt, ein Jahr später verkündeten sie ihre Verlobung. Und am 19. Mai 2018, ein halbes Jahr danach, heirateten sie auf Schloss Windsor und wurden zu Herzog und Herzogin von Sussex. Kaum sechs Monate später dann die Nachricht, dass ein Kind unterwegs ist. Um das Paar zu feiern, wurden keine Kosten und Mühen gescheut. In Zahlen: Mit 34 Millionen Euro schlugen die Sicherheitsvorkehrungen zu Lasten der britischen Steuerzahler zu Buche, die Feier kostete zwei Millionen, die von der königlichen Familie bestritten wurden. Meghans Kleid aus reiner Seide hatte eine fünf Meter lange Schleppe. Die Hochzeitstorte wurde mit 500 Bio-Eiern gebacken. 600 Gäste kamen zur Trauung, darunter das Ehepaar Clooney, die Beckhams und Elton John, der sich auch an der musikalischen Gestaltung des Abendempfangs beteiligte. Viel Geld, viele Royals, viel Seide – doch warum interessiert es uns, wer wen für wie viel Geld heiratet? Weil Meghan nicht nur die erste Frau im britischen Adel mit afroamerikanischer Abstammung ist und damit eine Identifikationsfigur für Frauen und Mädchen. Sie pfeift auch auf viele Konventionen im und um den Buckingham Palace, verzichtete auf das Gehorsamsgelübde gegenüber Harry und hielt auf der Feier selbst eine Ansprache. Statt brav den Kleidungsvorschriften des Königshauses zu folgen, zeigt sie eigenen Stil. Die frühere Schauspielerin ist selbstsicher, setzt sich für Geschlechtergerechtigkeit ein. In Indien warb sie für Bildung und Hygiene für Mädchen, sie war Botschafterin für die Einheit der Frauen der Vereinten Nationen. Und trotzdem hält sie ihrem Mann den Schirm, wenn er in heftigem Regen eine Rede hält. Die Frau hat Stil. Theresa Weiß


„Catholic Imagination“: Rihanna ist bei der Met Gala im Metropolitan Museum die Modepäpstin. Foto: EPA

Kein Entkommen: Die Software der chinesischen Firma Megvii erkennt jedes Gesicht, wie Monitore in Peking zeigen. So kann man Menschen überwachen und Verkehrssünder an den Pranger stellen. Foto: GILLES SABRIE/The New York Times

Mensch und Maschine: Ein Ingenieur der britischen Firma Engineered Arts, die lebensgroße humanoide Roboter herstellt, überprüft die Kabel im Kopf von Roboter Fred. Foto: Getty

Auf dem Römerberg: Eintracht Frankfurt hat überraschend das DFB-Pokalfinale gegen Bayern München gewonnen und lässt sich feiern. Trainer Niko Kovač hält den Pokal. Im Juli wechselt er zu den Bayern. Foto: Reuters

Foto: TODD HEISLER/The New York Times/

Mit der Festnahme und der Anklageerhebung erreicht der Fall Weinstein den vorläufigen Höhepunkt. Sieben Monate nach den Vergewaltigungsvorwürfen lässt sich Harvey Weinstein am 25. Mai in der Polizeiwache von Tribeca in Handschellen legen. Mit seinem Anwalt Ben Brafman, der schon dem früheren Chef des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn, zu einem Freispruch verholfen hatte, macht der gefallene Filmproduzent den „Perp Walk“ zu einer hollywoodreifen Show. Als er neben Brafman die Wache betritt, trägt er unter dem Arm die Bücher der Entertainment-Legenden Richard Rodgers, Oscar Hammerstein und Elia Kazan. Die Botschaft: Ich bin ein Filmemacher, kein Serienvergewaltiger. Die Recherchen der New Yorker Spezialeinheit für Sexualstraftaten ergeben ein ganz anderes Bild. Dutzende Frauen berichten den Ermittlern von Grabschereien, Belästigung und Vergewaltigungen. Während zwischen New York und Los Angeles die #MeToo-Debatte über Sexismus und Machtgefälle Wellen schlägt, erhebt der Staatsanwalt in Manhattan Anklage wegen Vergewaltigung und Missbrauchs von zwei Nachwuchsschauspielerinnen. Gegen eine Million Dollar Kaution schickt das Gericht den gefallenen Hollywood-Mogul dann wieder nach Hause. In seiner Villa in Connecticut bereitet sich Harvey Weinstein seitdem auf den Prozess vor – mit elektronischer Fußfessel und der Auflage, den Bundesstaat und das benachbarte New York nicht zu verlassen. Christiane Heil


Das gibt Diskussionen: Mesut Özil trifft sich in London mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan – und ruft damit einen Eklat hervor, der bis auf die Fußball-Weltmeisterschaft abstrahlt. Foto: dpa

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Juni


Juni

Angespannt: Das Foto von Angela Merkel und Donald Trump beim G-7-Gipfel ging um die Welt. Foto: dpa

Erwartungsvoll: Astronaut Alexander Gerst verabschiedet sich zur Internationalen Raumstation. Foto: dpa

Schwungvoll: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kommt zum Interview in sein Arbeitszimmer. Foto: Matthias Lüdecke

Hilfreich: Thailändische Militärs dringen zu den Jungen vor, die in einer Höhle eingeschlossen sind. Foto: EPA

Schwebend: Das Kunstwerk Mastaba von Christo schwimmt im Serpentine im Londoner Hyde Park. Foto: EPA

Erfrischend: Am Eiswagen auf Europas größtem Campingplatz nahe Venedig geht es heiß her. Foto: Insa Hagemann & Stefan Finger

Lustvoll: Zwei Männer küssen sich beim Christopher Street Day in Köln. Foto: Daniel Pilar

Himmelblau: Das Navy-Geschwader „Blue Angels“ steigt bei einer Flugschau in Ohio auf. Foto: Reuters

Unerwartet: Der amerikanische Präsident und der nordkoreanische Diktator verstehen sich blendend. Foto: Reuters

Unwürdig: Kinder von Migranten werden durch ein Gefängnis nahe der Grenze zu Mexiko geführt. Foto: Reuters

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Juli


Juli

Gagné! Präsident Emmanuel Macron freut sich über den Sieg der französischen Mannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland. Foto: dpa

Foto: dpa

Die Erde stellt den Mond in den Schatten – das kommt nicht alle Jahre vor. Ende Juli ist es so weit. Der Mond ändert für kurze Zeit seine Farbe, und ganz Deutschland spricht tagelang vom „Blutmond“, auch wenn Forscher den Begriff für unwissenschaftlich halten. Es ist ein warmer Freitagabend in einem nicht enden wollenden Sommer, da schiebt sich die Erde zwischen Sonne und Vollmond, und die längste totale Mondfinsternis des 21. Jahrhunderts beginnt. Auch der Mars erstrahlt in rötlichem Glanz, und die Internationale Raumstation mit dem deutschen Astronauten Alexander Gerst an Bord zieht am Himmel entlang. Wer sich informiert hat, fährt aus der Stadt hinaus, sucht eine der vielen Sternwarten des Landes auf oder eine Anhöhe mit freiem Blick zum Osthorizont. Hunderttausende sind fasziniert. Von 21.30 Uhr an hält sich der Mond am 27. Juli für 103 Minuten im Kernschatten der Erde auf und wandert durch ihn hindurch. Menschen in aller Welt verfolgen die Finsternis, in Mittel-, West- und Osteuropa, in Afrika und dem Westen Asiens. Wobei der Begriff Finsternis ein wenig in die Irre führt. Eigentlich müsste der Blick auf den Mond ja verstellt sein. Doch das typische Gelb des Mondes weicht einem glutroten Schimmer – wie auf unserem Bild am Säntis in der Ostschweiz. Da das Sonnenlicht durch die Erdatmosphäre in Richtung Mond strahlt, wird Licht in den Schatten gelenkt. Das blaue Licht wird dabei komplett gestreut, das rote Licht bleibt übrig. Tim Niendorf


Dein Freund und Helfer in der Hitze: Wegen der hohen Temperaturen erfrischt die Polizei im Frankfurter Günthersburgpark Kinder mit einem Wasserwerfer. Foto: Jana Mai

Fahrradfriedhof: In Trümmern abgerissener Häuser in Schanghai liegt ein Berg Leihräder. Das Angebot ist zu groß – die Folge sind Stapel kaputter, verlassener, konfiszierter Räder in chinesischen Städten. Foto: Reuters

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August


August

Abschied von einer Symbolfigur: Cindy McCain steht in der Rotunde des Kapitols am Sarg ihres Mannes John McCain, der am 29. August gestorben ist. Der Senator und Vietnam-Veteran war überaus beliebt. Foto: Reuters

Fast zehn Meter lang und mehr als vier Meter tief: Zwei Autos sind in der Zehn-Millionen-Stadt Harbin in ein Loch gestürzt, das nach heftigen Regenfällen in Chinas nördlichster Provinz entstanden war. Foto: Getty

Nur zusammen ist man nicht allein: Viele Paare haben sich zur Gruppentrauung der Vereinigungskirche (Moon-Bewegung) im südkoreanischen Gapyeong versammelt. Foto: Reuters

Foto: dpa

Bis heute ist nicht geklärt, was in jener Augustnacht in Chemnitz zu der Auseinandersetzung führte, bei der ein 35 Jahre alter Familienvater starb und zwei weitere Männer verletzt wurden. Ein Syrer, der mit einem Messer zugestochen haben soll, sitzt in Untersuchungshaft; ein Iraker ist wieder auf freiem Fuß, weil sich der Tatverdacht nicht erhärtete, ein zweiter Iraker wird gesucht. Die Tat erschütterte die Republik, auch weil in der Folge die Bundesregierung in eine Krise geriet und der Chef des Bundesamts für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, seine Stelle verlor. Er hatte die Verschwörungstheorie verbreitet, dass die Öffentlichkeit „mit gezielten Falschinformationen“ von dem „Mord“ abgelenkt werden sollte. Dabei ging es um ein Handyvideo, das als Beweis dafür galt, dass Hetzjagden auf Ausländer in Chemnitz stattgefunden hatten. Das Video ist echt, ob es eine Hetzjagd zeigt, ist Auslegungssache. Jedenfalls riefen rechtsradikale und rechtsextreme Gruppierungen, darunter „Pro Chemnitz“, Pegida und die AfD, zu Demonstrationen gegen die Flüchtlingspolitik auf, an denen Tausende teilnahmen, unter ihnen Rechtsextreme und AfD-Politiker. Die Ausschreitungen bekam die Polizei zunächst nicht in den Griff; über Tage war Chemnitz das hässliche Gesicht Deutschlands. Dagegen machten Bürger, Unternehmen und Institutionen unter dem Motto „Chemnitz ist weder grau noch braun“ mobil. Die Band Kraftklub organisierte ein Großkonzert unter dem Motto „Wir sind mehr“. 65.000 Besucher kamen. Stefan Locke


Foto: AFP

Mehr noch als das Datum der Katastrophe vom 14. August hat sich die Uhrzeit ins kollektive Gedächtnis der Genueser eingebrannt: Um 11.36 Uhr stürzte die Morandi-Brücke in sich zusammen. Jeden Monat steht die ligurische Hafenstadt an diesem Tag zu dieser Uhrzeit still, um der 43 Todesopfer zu gedenken. „Genova, ore 11.36“ heißt ein Dokumentarfilm, der über das zerstörte Leben der Opfer und die Arbeit der Rettungskräfte gedreht wird; die Dokumentation soll Anfang März 2019 erscheinen. Länger als die filmische Aufarbeitung der Tragödie wird die juristische dauern. Wegen fahrlässiger Tötung und vieler weiterer Vergehen sind 20 Personen angeklagt, von den Chefs der privaten Autobahnbetreibergesellschaft Autostrade per l’Italia, die von der Benetton-Familie kontrolliert wird, über Ingenieure und Gutachter bis zu Beamten. Viel spricht dafür, dass die Urteile erst fallen, wenn der Verkehr längst wieder über ein neues Viadukt rollt. Zum Sonderbeauftragten für den Wiederaufbau hat die Regierung in Rom den Bürgermeister von Genua, Marco Bucci, ernannt. Er hatte die Fertigstellung der neuen Brücke zunächst für Ende 2019 angekündigt. Später setzte er den Termin auf Mitte 2020 fest. Auch das gilt als überaus optimistisch. Immerhin fehlt es nicht am politischen Willen und wohl auch nicht am Geld. Als erster hat der aus Genua stammende Architekt Renzo Piano Pläne für den Wiederaufbau des 1962 bis 1967 von Riccardo Morandi errichteten Viadukts vorgestellt. Wird die neue Überquerung des Flusses Polcevera einmal Piano-Brücke heißen? Sein Bauwerk werde nicht aus Spannbeton sein, sondern aus Stahl, und „1000 Jahre halten“, versprach Piano bei der Vorstellung seines Plans für die Brücke und die zerstörten Straßenzüge des Viertels Sampierdarena. Doch zunächst muss die Ruine beseitigt werden. Wer letztlich das neue Viadukt errichten und betreiben wird, ist ungewiss. Autostrade per l’Italia möchte gerne bauen, auf eigene Kosten. Die Regierung in Rom und Brückenkommissar Bucci wollen aber lieber einen Staatskonzern bauen lassen. Rom erwägt, die Betreiberlizenz neu zu vergeben oder den Autobahnabschnitt gleich wieder ganz zu verstaatlichen. Nicht nur die Baubrigaden stehen bereit, auch die Anwaltskanzleien. Matthias Rüb


In Detroit: Viele nehmen Abschied von Sängerin Aretha Franklin, die am 16. August gestorben war. Foto: Reuters

Im Flüchtlingslager Hakimpara: Tausende Rohingya, die aus Burma geflüchtet sind, weil sie dort verfolgt werden, leben in zwei Camps in der Stadt Cox’s Bazar im Nachbarland Bangladesch. Foto: Daniel Pilar

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September


September

Neue Altstadt: Von 2012 bis 2018 wurden 7000 Quadratmeter in der Frankfurter Innenstadt neu gestaltet und bebaut. Zum Eröffnungsfest kommen fast 300.000 Menschen. Foto: metropol IMAGES / Alexander Ei

Foto: Felix Schmitt

Noch bis zum Sommer war der Hambacher Forst im rheinischen Braunkohlerevier weithin unbekannt. Dann gelang es einer Allianz aus renommierten Umweltverbänden und obskuren Baumbesetzern, „Hambi“ zum Symbol für den Ausstieg aus der klimaschädlichen Braunkohleverstromung zu stilisieren. Eine Massenbewegung entstand im Herbst, als Zehntausende Demonstranten an die Abbruchkante des Tagebaus Hambach und durch das Wäldchen zogen. Ihre Heilserwartung: Wer den Forst erhält, rettet das Weltklima gleich mit. Da spielte es keine Rolle, dass selbst die schärfsten Braunkohle-Kritiker unter den Klimapolitikern darauf hinweisen, dass es einen sofortigen Ausstieg nicht geben könne. Beim Hambi-Happening ging es um das wohlige Gefühl, auf der moralisch richtigen Seite zu stehen. Es war die öko-hedonistische Variante der urdeutschen Sehnsucht nach waldanschaulicher Aufladung. Der Hambi-Hype ist ein merkwürdiges Phänomen. In den vergangenen Jahren wurden mit gerichtlicher Genehmigung schon 90 Prozent des Walds gerodet. Erstaunlich auch, wie unreflektiert ein Teil der Öffentlichkeit die Baumbesetzer bewertet. Um eine harmlose Öko-Sekte mit schönen Klima-Idealen handelte es sich dabei nie. Vielmehr waren immer auch gewalttätige Linksextremisten Teil der Szene. Mitte September hieß das Oberverwaltungsgericht Münster die Räumung der Baumhaussiedlung gut, weil es zu vielen auch schweren Straftaten, besonders gegen Polizisten, gekommen war. Als dasselbe Gericht später einen einstweiligen Rodungsstopp verfügte, feierten Aktivisten das als Sieg – und begannen wieder mit dem widerrechtlichen Bau von Baumhäusern. Reiner Burger


Mit den Füßen: Eine Artistin schießt einen Pfeil bei den World Nomad Games in Kirgistan ab. Foto: SERGEY PONOMAREV/The New York Times

Razzia im Rotlicht-Milieu: 500 Polizisten durchkämmen das Frankfurter Bahnhofsviertel. Foto: Helmut Fricke

Wie im Luxushotel: Das „Museum of Horse Culture“ in der chinesischen Stadt Jiangyin beherbergt 47 seltene Pferderassen aus mehr als 30 Ländern und steht damit im Guinness-Buch der Rekorde. Foto: EPA

Spur der Zerstörung: Über ein Bürogebäude in Hongkong ist der Taifun Mangkhut hinweggezogen. Auf den Philippinen kamen bei dem Wirbelsturm mehr als zwei Dutzend Menschen ums Leben. Foto: Getty

Foto: AFP

Brett Kavanaugh wusste, dass die Senatsanhörungen ungemütlich würden. Wenn im zerrissenen Amerika ein konservativer Jurist mit gerade einmal 53 Jahren auf Lebenszeit ans Oberste Gericht berufen werden soll, dann steht zu viel auf dem Spiel, als dass sich die Demokraten mit guten Referenzen abspeisen ließen – zumal so kurz vor Wahlen, zumal in der Ära Donald Trump. Wie kontert Kavanaugh die Justizschelte des Präsidenten? Würde er Trump vor einer Anklage bewahren? Auf solche Fragen war der Kandidat vorbereitet. Nicht aber auf das, was nach den regulären Anhörungen kam. Kurz vor dem geplanten Votum wurde bekannt, dass die Psychologie-Professorin Christine Blasey Ford ihm versuchte Vergewaltigung vorwirft – als Schüler im Jahr 1982. Blasey Ford hatte sich einer demokratischen Abgeordneten anvertraut, aber nicht an die Öffentlichkeit gehen wollen. Nun stand sie doch im grellen Licht, das einen Tiefpunkt der amerikanischen Grabenpolitik ausleuchtete, und schilderte die traumatische Erfahrung vor 36 Jahren. An Details erinnerte sie sich kaum, doch sie ließ keinen Zweifel daran zu, dass Kavanaugh der betrunkene Täter gewesen sei. Also wurde auch er abermals im Senat als Zeuge vereidigt, und auch ihm standen Tränen in den Augen. Er bestritt die Vorwürfe und verwies darauf, was seine Familie durchmache. Trump rühmte den Auftritt als „kraftvoll, ehrlich und fesselnd“. Keine zwei Wochen später wurde Kavanaugh wieder vereidigt – als Richter am Supreme Court. Andreas Ross


Alles muss perfekt sein: Ein Model wird vor der Schau des britischen Designers Jasper Conran bei der London Fashion Week geschminkt und frisiert. Foto: EPA

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Oktober


Oktober

Löscharbeiten: Nach einem ICE-Brand bei Montabaur in Rheinland-Pfalz sind Feuerwehrmänner auf den Gleisen im Einsatz. Die Strecke zwischen Frankfurt und Köln ist tagelang nicht befahrbar. Foto: Getty

Herbststimmung: Frankfurts Haus-Weinberg auf dem Lohrberg im Nordosten der Stadt erstrahlt in Gelb und Orange. Foto: Wolfgang Eilmes

Wie ersteigert, so zerschreddert: Das Kunstwerk „The girl and the balloon“ von Banksy zerstört sich direkt nach dem Verkauf bei Sotheby’s in London selbst. Sein Wert ist dadurch noch gestiegen. Foto: AFP

Foto: EPA

Gesichtszüge lassen sich hinterher immer leichter deuten. Dieses Mal besonders. Angela Merkel ist auf dem Weg zum point of no return. Am Abend des 28. Oktober, als die Ergebnisse der Hessenwahl bekannt werden, steht für sie fest, dass sie am nächsten Morgen dem CDU-Parteipräsidium den Verzicht auf eine weitere Kandidatur als Vorsitzende mitteilen wird. Als ihre Limousine Richtung Parteizentrale rollt, schaut sie in die Kameras und durch diese hindurch in eine ungewisse Zukunft. Wie lange wird sie noch Kanzlerin bleiben? Wer wird ihr nachfolgen? Was macht sie danach mit ihrem Leben? Vom Beginn ihrer Kanzlerschaft an hat sie überlegt, wie sie mit Würde wieder aus dem Amt herauskommen kann. Sie hat aus der Nähe erlebt, wie Helmut Kohl mit der fünften Kandidatur gescheitert ist, wie er in den Strudel der von ihm verursachten Spendenaffäre geriet. Sie selbst hat ihn endgültig vom Thron gestoßen. So etwas will sie nicht am eigenen Leib erleben. 2018 ist von Anfang an ein verkorkstes Jahr. Nach der Bundestagswahl im Herbst 2017 scheitern die Gespräche mit Grünen und FDP, nur widerwillig lässt sich anschließend die SPD auf noch eine Runde große Koalition ein. Merkel schafft es nicht, Frieden im Unionslager zu schaffen, die Bundestagsfraktion weigert sich, ihren Freund Volker Kauder wieder zum Vorsitzenden zu wählen, selbst der Austausch eines offen illoyalen Verfassungsschutzchefs überfordert Merkel. Sie erkennt: Es ist Zeit, den Anfang vom Ende einzuleiten. Bevor andere das tun. Eckart Lohse


Foto: Fernando Javier Urquijo

Gefühlt alle Welt hat in letzter Zeit Urlaub in Georgien gemacht oder wird das demnächst tun. Und wer dort war, schwärmt hinterher nicht nur von der Landschaft und den Menschen, sondern auch von der Küche. Die Literatur des Landes am Kaukasus ist in ungeahntem Maß ins Deutsche übertragen worden, und weil auch die Frankfurter Buchmesse das offizielle Gastland Georgien feiert, hat man 2018 ausgiebig Gelegenheit, Autoren wie Aka Morchiladze oder Nino Haratischwili lesen zu hören. Von all den Theateraufführungen und Konzerten georgischer Künstler in Deutschland ganz zu schweigen. In Frankfurt kann man im Oktober nicht nur den 1,8 Millionen Jahre alten Schädel eines extrem frühen Europäers sehen (natürlich war er ein Georgier), sondern gleich zwei prächtige Ausstellungen aus dem Land, das in der Antike als Hort des Goldenen Vlies berühmt war. Die eine, „Medeas Liebe“ im Liebieghaus, versucht zu erklären, warum die Sagengestalt Medea überall auf der Welt als Mörderin ihrer Kinder verschrien ist, in ihrer georgischen Heimat aber so beliebt, dass kleine Mädchen gern nach ihr benannt werden – die Vasenmalereien und Wandfresken zeigen Medea als eine ebenso stolze wie schöne Frau. Die andere Ausstellung, „Gold & Wein – Georgiens älteste Schätze“ im Archäologischen Museum Frankfurt, reiht Kleinod an Kleinod und zeigt zum Beispiel diese zauberhafte Miniaturfigur aus der Region Kachetien, mehr als 4000 Jahre alt und einst wohl Teil eines Begräbniswagens. Ein Löwe soll das sein, auch wenn sein Gesicht etwas von einem gutmütigen Frosch hat und die Beine in vier entzückende Stampferchen auslaufen. Und dann die Granulatkügelchen, die alle miteinander die Löwenmähne bilden sollen und aussehen, als hätte man das Tier in einen Panzer gesteckt! Nachlesen kann man auch diese Dinge in David Lordkipandizes Buch „Georgiens Geschichte in 33 Objekten“. Ein Land wird neu vermessen. Tilman Spreckelsen


In Istanbul: Der Journalist Jamal Khashoggi betritt das saudische Konsulat – und wird dort ermordet. Foto: Reuters

Im Grand Palais: Chanel zeigt bei den Prêt-à-porter-Schauen die Sommermode für 2019 an einer Art Strand. Foto: Helmut Fricke

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November


November

Mittagspause: Arbeiter sitzen im letzten aktiven Steinkohle-Bergwerk des Ruhrgebiets in Bottrop um einen Tisch. Der Weltklimarat mahnt einen kompletten Kohle-Ausstieg bis 2030 an. Foto: Frank Röth

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An den Krieg in der Ukraine hatte Europa sich beinahe gewöhnt: Die Meldungen über Tote an der Front im Donbass schafften es kaum noch in die Nachrichten. Russlands Aggression gegen das Nachbarland kehrte erst Ende November zurück in die Schlagzeilen – mit einer neuen Front, die der Kreml freilich schon Monate zuvor eröffnet hatte. Bis zur Festsetzung dreier ukrainischer Kriegsschiffe und ihrer Besatzungen durch russische Grenztruppen wurde der Krieg im Asowschen Meer mit unspektakulären Mitteln geführt. Eine Waffe darin ist die Durchfahrtshöhe unter der neuen Brücke vom russischen Festland zur Krim: Die ukrainischen Häfen können nun von den größten Schiffen nicht mehr angelaufen werden. Die Handelsschiffe, die unter der Brücke durchpassen, werden von russischen Truppen lange aufgehalten und oft mehrmals kontrolliert. So verlieren die ukrainischen Häfen Mariupol und Berdjansk Kunden, und Betriebe können ihre Produkte kaum noch zu den Käufern bringen. Ob der Kreml es bei diesem wirtschaftlichen Würgegriff gegen den Osten der Ukraine belässt oder ob das die Vorbereitung auf ein militärisches Vorgehen ist, weiß niemand. Nach der Festsetzung der Kriegsschiffe ist in den ukrainischen Grenzregionen für 30 Tage das Kriegsrecht verhängt worden. Weil im März in der Ukraine Präsidentenwahlen stattfinden, stand sofort der Verdacht im Raum, Präsident Petro Poroschenko wolle sich patriotisch profilieren. Ein Ziel hat er so oder so erreicht: Die Welt schaut wieder auf die Ukraine. Reinhard Veser


Flucht vor Armut und Gewalt: Migranten aus Zentralamerika sind von Mexiko aus in die Vereinigten Staaten unterwegs. Präsident Trump spricht von einer drohenden Invasion und fordert Geld für die Mauer. Foto: Getty

Brexit-Statement: Die britische Premierministerin Theresa May erklärt in der Downing Street, dass die Minister ihrer Regierung dem Vertragsentwurf zum EU-Austritt zugestimmt haben. Foto: Getty

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Eine solche Katastrophe konnten sich nicht einmal die feuererfahrenen Kalifornier vorstellen. Das Camp Fire, der verheerendste Flächenbrand in der Geschichte des Pazifikstaats, fraß sich am 8. November bei heftigen Windböen und Trockenheit so schnell durch Paradise, dass viele der fast 27.000 Bewohner in Panik zu Fuß flüchteten. Innerhalb weniger Stunden verwandelte das Feuer die Stadt nordöstlich von San Francisco in einen aschebedeckten Trümmerhaufen. Insgesamt brannten in der Waldregion an den Ausläufern der Sierra Nevada etwa 18.000 Wohnhäuser und Scheunen nieder. Mindestens 88 Menschen starben in den Flammen. Auch als das Camp Fire nach zweieinhalb Wochen vollständig eingedämmt war, suchten Einsatzkräfte in dem mehr als 620 Quadratkilometer großen Brandgebiet weiter nach etwa 200 Vermissten. Donald Trump übte sich derweil in Schuldzuweisungen. „Die riesigen, tödlichen und teuren Brände gehen auf das Konto der Forstbehörde und ihrer Misswirtschaft“, twitterte der Präsident – und wurde von Feuerwehrleuten und Wissenschaftlern über das Zusammenspiel von Wetter, Klimawandel und Bauten in Gefahrenzonen aufgeklärt. Nach Berichten über Stromausfälle kurz vor Ausbruch des Feuers an der Camp Creek Road begannen die kalifornischen Justizbehörden mit einer Untersuchung, warum das Energieunternehmen Pacific Gas & Electric trotz Windwarnungen die Stromversorgung nicht wie vorgeschrieben unterbrochen hatte. Christiane Heil


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Die Frankfurter Skyline im Advent: Vom Domturm wandert der Blick über die Altstadt, den Römer und die Paulskirche bis zur Hochhaus-Kulisse. Foto: Helmut Fricke

Eine Gewinnerin, zwei Verlierer: Annegret Kramp-Karrenbauer wird am 7. Dezember auf dem CDU-Parteitag in Hamburg zur Bundesvorsitzenden gewählt, Jens Spahn und Friedrich Merz treten zurück ins Glied. Foto: Daniel Pilar

„Die Grummeltöne klangen anders, und die Lava an seinem Gipfel erschien heller als sonst“, sagt ein Fischer später über den Moment, bevor der Anak Krakatau ausbrach – und einen Tsunami auslöste, der hunderte Menschen in Indonesien tötete. Foto: AP

Ruhe nach dem Anschlag: In Straßburg tötet ein Terrorist auf dem Weihnachtsmarkt fünf Menschen, zwei Tage später wird er von der Polizei erschossen. Foto: Reuters

Beschädigt: Eine Skulptur von Marianne, dem Symbol der französischen Republik, nach einer Demonstration der „Gelbwesten“ am Triumphbogen. Foto: AP

Quelle: F.A.Z. Magazin

Veröffentlicht: 28.12.2018 10:23 Uhr