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Trotz Ärgers : Italien braucht die „vermaledeiten Touristen“

40000 Sonnenschirme im Sand: Rimini im Sommer. Bild: mauritius images / Rytis Bernota

Sitzen auf der Spanischen Treppe? Verboten. In Rom wird gegen Feriengäste hart durchgegriffen. Dabei ist das Land so sehr auf sie angewiesen. Das Beispiel Rimini zeigt es. Ein Sommertag.

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          In Rimini ist der Strandurlaub die Fortsetzung des Alltags mit anderen Mitteln. Das weiß niemand so gut wie Gabriele Pagliarani. Gemeinsam mit seinem Vetter Fabrizio betreibt er seit 1987 den „Bagno Ventisei“, den Abschnitt 26 am Stadtstrand Marino Centro im Herzen von Rimini. Tag um Tag, natürlich auch am Wochenende, steht er von morgens früh bis abends spät an seinem Strand. Es sind lange Arbeitstage, die Stunden zählt er nicht. Immerhin, von ein Uhr nachts bis morgens fünf müssen die Strandbäder schließen. Das ist Vorschrift in Rimini.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Pagliarani ist braungebrannt und gut gelaunt. Er trägt ein schwarzes Trägerhemd mit der weißen Aufschrift „Bagnino 26 Rimini“; darüber prangt ein kleines Wappenschild in den Landesfarben. Gäbe es Nationalmannschaften für Bademeister, das Trikot der Italiener müsste etwa so aussehen wie das Trägerhemd von Pagliarani. Er hat nichts dagegen, dass man ihn in Rimini und Umgebung „Il Bagnino d’Italia“ nennt, den „Bademeister Italiens“.

          Gabriele Pagliarani wacht darüber, dass seine saisonalen Angestellten am Morgen die Liegen auseinanderklappen, die Sonnenschirme öffnen und sie am Abend wieder zusammenklappen. Auch die Platten der Fußwege, die durch den ab elf Uhr vormittags brennend heißen Sand führen, müssen stets sauber gefegt sein. Die Mülleimer – getrennt für Papier, Dosen und Plastikflaschen sowie Restabfall – müssen regelmäßig geleert werden. Die Tische im Strandrestaurant müssen für Frühstück, Mittag- und Abendessen eingedeckt und abgeräumt werden. Und so weiter.

          Rimini ist oft totgesagt worden und lebt noch immer

          Auf Touristen ist man hier eben vorbereitet. Rund 250 Bagni, von Pächterfamilien seit Jahren oder Jahrzehnten bewirtschaftete Strandabschnitte, gibt es am 15 Kilometer langen Sandstrand. Von Torre Pedrera im Norden bis Miramare im Süden stecken gut 40.000 Sonnenschirme im Sand, in Reih’ und Glied.

          Rimini ist schon oft totgesagt worden und lebt noch immer. Es gibt zweifelsohne viel zu tun. Damit ist die Stadt emblematisch für den Fremdenverkehr in Italien. Längst wurde das Belpaese als Ziel für den Badeurlaub der Mittel- und Nordeuropäer abgehängt: von Spanien, Griechenland und der Türkei, von Tunesien, Ägypten und der Dominikanischen Republik. Doch zugleich platzt das Land dieser Tage vor lauter Touristen aus allen Nähten. Die jüngste Freitagsbeilage der Tageszeitung „La Repubblica“ titelt über einem Foto von Selfie schießenden Chinesen auf der Piazza della Signoria in Florenz: „Maledetti Turisti“, vermaledeite Touristen.

          Einen Eindruck von den Folgen des Touristenansturms liefert auch die Hauptstadt. In Rom wies Bürgermeisterin Virginia Raggi von der linkspopulistischen Fünf-Sterne-Bewegung die Lokalpolizei an, das neue Sitzverbot auf der weltberühmten Spanischen Treppe durchzusetzen. Die Maßnahme ist Teil eines Anfang Juli in Kraft getretenen Aktionsplans, um die ungezählten historischen Monumente der Ewigen Stadt vor den Zudringlichkeiten der stetig wachsenden Besuchermassen zu schützen. Es ist unter anderem untersagt, vor und in Denkmälern zu essen und zu trinken, in den Brunnen der Stadt zu baden oder ohne Hemd oder T-Shirt durch die Stadt zu bummeln.

          Lieblingsort der Kommunisten

          Vielleicht ist Rimini, vielleicht ist ganz Italien als Urlaubsziel so alterslos wie Gabriele Pagliarani. Der ist 57 Jahre, sagt aber lachend, er werde sich niemals zur Ruhe setzen. Das Grand Hotel von Rimini, 1908 als eklektizistisches Ausrufezeichen für das damals schon schicke Seebad errichtet, strahlt noch heute wie vor gut einem Jahrhundert.

          Andererseits wurde der Kursaal, den die ehrgeizige Stadtverwaltung schon 1873 hatte errichten lassen und der wunschgemäß sogleich zum Treffpunkt der Rimineser Gesellschaft und ihrer betuchten Gäste zumal aus dem deutschsprachigen Raum wurde, in den fünfziger Jahren auf Geheiß des kommunistischen Bürgermeisters abgerissen. Heute nennt sich ein unansehnlicher Betonklotz „Hotel Kursaal“. Auch das ist Rimini.

          Überhaupt, die Kommunisten und ihre Liebe zum Beton. So wie die gesamte „rote“ Emilia-Romagna, die bis heute von der Linken beherrschte Region im Norden Italiens, befand sich auch Rimini nach dem Zweiten Weltkrieg jahrzehntelang fest im Griff der Kommunisten. Diese veranlassten den Umbau des einst großbürgerlichen Kur- und Seebads zum Arbeitererholungsheim aus gestaltlosen Zweckbauten. Noch heute gibt es in Rimini 1500 Hotelwürfel mit blumigen Namen. Schon in den frühen sechziger Jahren kamen verdiente sowjetische Funktionäre auf Einladung der italienischen Bruderpartei zur Sommerfrische hierher.

          Rimini wurde ein „Teutonengrill“

          Als die Stadt an der Adria 1966 ans italienische Autobahnnetz angeschlossen wurde, gab es vor allem für die Deutschen kein Halten mehr. Auch die Familie mit dem VW-Käfer durfte nun ihre Italien-Sehnsucht ausleben. Rimini wurde zum vielgescholtenen „Teutonengrill“. Doch ab Mitte der achtziger Jahre, zumal nach der verheerenden Algenpest an der Adria von 1988, zogen die Deutschen in den Pauschalurlaub auf die Balearen und in die Türkei weiter.

          Zum Glück für Rimini fiel 1989 der Eiserne Vorhang, dann nahmen Polen und Ungarn, Tschechen und Slowaken, später auch Ukrainer und Russen die leeren Betten der Deutschen ein. Längst ist Rimini im Sommer in Russenhand. Auch am „Bagno Ventisei“ hört man viel Russisch, kaum noch Deutsch. Rimini war der erste italienische Flughafen, der von Chartermaschinen aus Moskau angeflogen wurde. Heute kommen vier von fünf Flugzeugen, die am Aeroporto Federico Fellini landen, aus Russland.

          Selbst der lange Arm des rabiaten Innenministers Matteo Salvini von der rechtsnationalistischen Lega vermag das Strandleben von Rimini und anderswo an der rund 9000 Kilometer langen Küste Italiens nicht nachhaltig zu verändern. Schon im vergangenen Sommer hatte Salvini die Operation „Sichere Strände“ gestartet und verkündet: „Die Party ist vorbei“ – für Strandverkäufer mit gefälschten Markenprodukten, für fliegende Händler und Masseurinnen ohne Lizenz.

          Es zählt das Geschäft

          Heute kann man jeden Morgen am „Bagno Ventisei“ und entlang der Promenade Lautsprecherdurchsagen hören, die vor saftigen Geldstrafen warnen – gerade auch für Käufer und Kunden der illegalen Waren und nicht lizenzierten Dienstleistungen. Doch den vielfältigen Handel am Strand beeinträchtigt das kaum. Gerade die Russen sind dankbare Abnehmer. Die Pächter der Strandbäder verjagen die von ihrer Kundschaft geschätzten Händler nicht. Es zählt das Geschäft.

          Das gilt auch in Rom. Noch mehr als die Polizisten an der Spanischen Treppe die auf den Stufen sitzenden Touristen aufschrecken, denen Geldstrafen von bis zu 400 Euro drohen, bereitet Raggis Vorgehen den Gastronomen und Hoteliers des Viertels Sorge: Die Maßnahme sei überzogen und verschrecke Kundschaft, ohne dass sie nennenswert zum Schutz des Baudenkmals beitrage, kritisieren sie. Die Wirtschaft des Landes braucht die „vermaledeiten Touristen“ wie eh und je. Und in Zeiten des stagnierenden Wachstums kann es sich „Bella Italia“ nicht leisten, wählerisch zu sein.

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