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Trotz Ärgers : Italien braucht die „vermaledeiten Touristen“

Andererseits wurde der Kursaal, den die ehrgeizige Stadtverwaltung schon 1873 hatte errichten lassen und der wunschgemäß sogleich zum Treffpunkt der Rimineser Gesellschaft und ihrer betuchten Gäste zumal aus dem deutschsprachigen Raum wurde, in den fünfziger Jahren auf Geheiß des kommunistischen Bürgermeisters abgerissen. Heute nennt sich ein unansehnlicher Betonklotz „Hotel Kursaal“. Auch das ist Rimini.

Überhaupt, die Kommunisten und ihre Liebe zum Beton. So wie die gesamte „rote“ Emilia-Romagna, die bis heute von der Linken beherrschte Region im Norden Italiens, befand sich auch Rimini nach dem Zweiten Weltkrieg jahrzehntelang fest im Griff der Kommunisten. Diese veranlassten den Umbau des einst großbürgerlichen Kur- und Seebads zum Arbeitererholungsheim aus gestaltlosen Zweckbauten. Noch heute gibt es in Rimini 1500 Hotelwürfel mit blumigen Namen. Schon in den frühen sechziger Jahren kamen verdiente sowjetische Funktionäre auf Einladung der italienischen Bruderpartei zur Sommerfrische hierher.

Rimini wurde ein „Teutonengrill“

Als die Stadt an der Adria 1966 ans italienische Autobahnnetz angeschlossen wurde, gab es vor allem für die Deutschen kein Halten mehr. Auch die Familie mit dem VW-Käfer durfte nun ihre Italien-Sehnsucht ausleben. Rimini wurde zum vielgescholtenen „Teutonengrill“. Doch ab Mitte der achtziger Jahre, zumal nach der verheerenden Algenpest an der Adria von 1988, zogen die Deutschen in den Pauschalurlaub auf die Balearen und in die Türkei weiter.

Zum Glück für Rimini fiel 1989 der Eiserne Vorhang, dann nahmen Polen und Ungarn, Tschechen und Slowaken, später auch Ukrainer und Russen die leeren Betten der Deutschen ein. Längst ist Rimini im Sommer in Russenhand. Auch am „Bagno Ventisei“ hört man viel Russisch, kaum noch Deutsch. Rimini war der erste italienische Flughafen, der von Chartermaschinen aus Moskau angeflogen wurde. Heute kommen vier von fünf Flugzeugen, die am Aeroporto Federico Fellini landen, aus Russland.

Selbst der lange Arm des rabiaten Innenministers Matteo Salvini von der rechtsnationalistischen Lega vermag das Strandleben von Rimini und anderswo an der rund 9000 Kilometer langen Küste Italiens nicht nachhaltig zu verändern. Schon im vergangenen Sommer hatte Salvini die Operation „Sichere Strände“ gestartet und verkündet: „Die Party ist vorbei“ – für Strandverkäufer mit gefälschten Markenprodukten, für fliegende Händler und Masseurinnen ohne Lizenz.

Es zählt das Geschäft

Heute kann man jeden Morgen am „Bagno Ventisei“ und entlang der Promenade Lautsprecherdurchsagen hören, die vor saftigen Geldstrafen warnen – gerade auch für Käufer und Kunden der illegalen Waren und nicht lizenzierten Dienstleistungen. Doch den vielfältigen Handel am Strand beeinträchtigt das kaum. Gerade die Russen sind dankbare Abnehmer. Die Pächter der Strandbäder verjagen die von ihrer Kundschaft geschätzten Händler nicht. Es zählt das Geschäft.

Das gilt auch in Rom. Noch mehr als die Polizisten an der Spanischen Treppe die auf den Stufen sitzenden Touristen aufschrecken, denen Geldstrafen von bis zu 400 Euro drohen, bereitet Raggis Vorgehen den Gastronomen und Hoteliers des Viertels Sorge: Die Maßnahme sei überzogen und verschrecke Kundschaft, ohne dass sie nennenswert zum Schutz des Baudenkmals beitrage, kritisieren sie. Die Wirtschaft des Landes braucht die „vermaledeiten Touristen“ wie eh und je. Und in Zeiten des stagnierenden Wachstums kann es sich „Bella Italia“ nicht leisten, wählerisch zu sein.

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