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Anfang März: Die Abendsonne tröstet zwei im Lockdown eingesperrte Männer.

Über den Dächern von Rom

Matthias Rüb (Text), Daniele Zendroni (Fotos)
Anfang März: Die Abendsonne tröstet zwei im Lockdown eingesperrte Männer.

22. Juli 2020 · Zehn lange Wochen sind die Italiener im Lockdown zu Hause geblieben. Frische Luft gab es für sie nur auf den Balkonen und Dächern.

Am 18. Mai ist Italien aus einem düsteren Traum erwacht. Die Ausgangssperre, gewissermaßen die globale Allzweckwaffe im Kampf gegen Pandemien, wird fast vollständig aufgehoben. Frei spazieren dürfen die Italiener jetzt wieder auf den Straßen und Plätzen, in den Parks und mancherorts sogar am Strand. Nicht mehr nur auf den Dächern und Dachterrassen. Es ist aber nicht so, dass das Land sich an diesem Tag kurz schüttelt und in den neuen Tag hinausmarschiert. Vielmehr ist das Aufwachen ein quälend langsamer Prozess. Die Schockstarre von gut zwei Monaten hat Herz und Glieder der Nation angegriffen. Auf dem Weg zurück zu normalen Verhältnissen ist jeder Schritt ein Schrittchen.


„Ich war im Vorzimmer des Todes.“
MATTIA MAESTRI

Das kann nicht anders sein, wenn man zuvor von einem Alb in den nächsten gestürzt ist. Am 21. Februar wird in der Klinik von Codogno nahe Mailand Italiens vermeintlicher „Patient eins“ positiv auf das Coronavirus getestet. Mattia Maestri ist 38 Jahre alt, passionierter Läufer, vor Corona kerngesund. Bis heute ist rätselhaft, wo und wie sich Maestri angesteckt hat: Er ist noch nie in China gewesen, verbrachte die Monate vor der Erkrankung an Covid-19 in seiner lombardischen Heimatgemeinde Castiglione d'Adda, pendelte von dort zur Arbeit ins nahegelegene Casalpusterlengo. Inzwischen ist klar, dass das Virus schon seit Wochen, womöglich Monaten in Norditalien und zumal in der Region Lombardei grassierte, ehe eine aufmerksame Anästhesieärztin in Codogno die rätselhafte Lungenerkrankung eines jungen Patienten schließlich mit dem Erreger aus der 8700 Kilometer entfernten chinesischen Millionenmetropole Wuhan in Verbindung bringt und den Corona-Test veranlasst.

Mitte März: Nach einer Runde Gymnastik genießen zwei Frauen im Zentrum von Rom den Ausblick von ihrem Dach auf den Altare della Patria.
Mitte März: Nach einer Runde Gymnastik genießen zwei Frauen im Zentrum von Rom den Ausblick von ihrem Dach auf den Altare della Patria.
Mitte März: Ein Dach im Zentrum von Rom, mit Blick auf den Petersdom, muss während der Ausgangssperre als Skate-Park herhalten.
Mitte März: Ein Dach im Zentrum von Rom, mit Blick auf den Petersdom, muss während der Ausgangssperre als Skate-Park herhalten.

Mattia Maestri ist überzeugt, dass er sein Leben seiner kleinen Tochter Giulia verdankt. Die ist noch gar nicht geboren, als man ihn in der Klinik von Codogno wegen immer schlimmerer Atemnot anästhetisiert und ans Beatmungsgerät anschließt – für vier Wochen. Auch Maestris schwangere Ehefrau Valentina ist mit dem Virus infiziert, übersteht die Lungenkrankheit aber mit leichten Symptomen. Am 7. April bringt sie im Krankenhaus in Mailand Giulia zur Welt, das erste Kind der beiden. „Ich war im Vorzimmer des Todes“, berichtet Mattia Maestri später der Zeitung „La Repubblica“. „Doch ich konnte nicht fortgehen, während sie ankam.“ Die anschwellende Tragödie aber verschont auch die Familie Maestri nicht: Mattias Vater stirbt am 21. März an Covid-19.

Ende März: Am Lungotevere, dem Boulevard entlang des Tiber, steht ein Mann auf dem Dach seines Wohnhauses. Er blickt auf die 1886 errichtete Ponte Vittorio Emanuele II.
Ende März: Am Lungotevere, dem Boulevard entlang des Tiber, steht ein Mann auf dem Dach seines Wohnhauses. Er blickt auf die 1886 errichtete Ponte Vittorio Emanuele II.
Ende März: Am Lungotevere, dem Boulevard entlang des Tiber, steht ein Mann auf dem Dach seines Wohnhauses. Er blickt auf die 1886 errichtete Ponte Vittorio Emanuele II.

Am Tag nach dem Corona-Test bei Mattia Maestri werden Codogno und knapp ein Dutzend weiterer Städte und Gemeinden der Umgebung mit zusammen rund 50.000 Einwohnern für zwei Wochen unter Quarantäne gestellt und vollständig abgeriegelt. Mit dem Städtchen Vo Euganeo in der Nachbarregion Venetien wird ebenso verfahren: Dort ist am Abend des 21. Februar der 78 Jahre alte Adriano Trevisan gestorben, das erste bestätigte Covid-19-Opfer in Italien. 53.000 Menschen sind von den Maßnahmen betroffen. Es ist ein schockierender, ein beispielloser Vorgang: So etwas hat es in Italien, in ganz Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht gegeben.

Ende März: Im römischen Viertel Appia Nuova spielt ein Mann auf dem Dach Trompete. Andere hören zu, unterhalten sich, betrachten den Himmel.
Ende März: Im römischen Viertel Appia Nuova spielt ein Mann auf dem Dach Trompete. Andere hören zu, unterhalten sich, betrachten den Himmel.
Ende März: Im römischen Viertel Appia Nuova spielt ein Mann auf dem Dach Trompete. Andere hören zu, unterhalten sich, betrachten den Himmel.

Bald wird klar, dass dies nur der Auftakt zu einer viel größeren Katastrophe ist. Am 8. März wird über die ganze Lombardei mit zehn Millionen Einwohnern der Lockdown verhängt, tags darauf über die Nation mit allen rund 60 Millionen Menschen. Wenig später erfolgt der Shutdown fast der gesamten Wirtschaftstätigkeit im Land. Nur Supermärkte, Obst- und Gemüsegeschäfte, Apotheken, Zeitungs- und Tabakläden bleiben als „lebensnotwendige“ Einrichtungen geöffnet.

  • Anfang April: Kinder schreiben mit Kreide auf das Dach eines Hauses im Viertel Esquilino.
  • Anfang April: Zwei Frauen genießen vom Dach ihres Wohnhauses in Appia Nuova im Süden Roms aus den Sonnenuntergang.
  • Mitte April: Ein Vater trainiert im Viertel Gazometro mit seinem Sohn an einem Boxsack, den er auf dem Dach angebracht hat.<br><br>
  • Anfang April: Kinder schreiben mit Kreide auf das Dach eines Hauses im Viertel Esquilino.
  • Anfang April: Zwei Frauen genießen vom Dach ihres Wohnhauses in Appia Nuova im Süden Roms aus den Sonnenuntergang.
  • Mitte April: Ein Vater trainiert im Viertel Gazometro mit seinem Sohn an einem Boxsack, den er auf dem Dach angebracht hat.

Die Bilder von überfüllten Intensivstationen, von übermüdeten Ärzten und Pflegern in den Kliniken überrollen das Land. Die Todeszahlen gehen rasch in die Hunderte, dann die Tausende. Aus Bergamo werden die Särge der Covid-19-Opfer mit Armeelastwagen zu Krematorien in die Nachbarregionen gebracht. Alten- und Pflegeheime werden zu Todesfallen für jene, die eigentlich besonders vor einer Corona-Infektion hätten geschützt werden müssen. Dem Pflegepersonal fehlt es an Schutzausrüstung. Ärzte und Schwestern bezahlen ihren Dienst an Covid-19-Kranken massenweise selbst mit einer Infektion, viele mit dem Tod. Bis zum Ende des Lockdowns werden mehr als 32.000 bestätigte Covid-19-Tote registriert.


„Doch ich konnte nicht fortgehen, während sie ankam.“
MATTIA MAESTRI

An Balkonbrüstungen und Fenstersimsen befestigen die Leute im ganzen Land die Nationalflagge. Klaglos und diszipliniert unterwerfen sich ausgerechnet die notorisch staatsfernen Italiener den drastischen Einschränkungen ihrer bürgerlichen Freiheiten. Statt zum Protest auf die Straße gehen sie zum Singen der Hymne oder auch zum Flanieren aufs Dach. Und sie bleiben zu Hause. Zehn lange Wochen lang.

Quelle: F.A.Z. Magazin

Veröffentlicht: 16.07.2020 10:26 Uhr