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Leben in der Arktis : So hell kann die Dunkelheit sein

Tim Heitland ist Arzt und „Base Commander“ der Neumayer-Forschungsstation. Außerdem ist er „Overwintering Expedition Leader 2017“.
Tim Heitland ist Arzt und „Base Commander“ der Neumayer-Forschungsstation. Außerdem ist er „Overwintering Expedition Leader 2017“. : Bild: Tom Heitland

Also gibt es auch in der Antarktis die uns bekannten Phänomene wie Dämmerung und blaue Stunde?

Ja. Es gibt blaue Stunden, goldene Stunden, alles Mögliche! Die Dämmerung ist vor allem am Anfang und Ende der Polarnacht intensiv. Wenn die Sonne zum ersten Mal nicht mehr aufgeht, ist sie ja nicht plötzlich ganz weit weg hinterm Horizont. Das geht sukzessive. Selbst an dem Tag, an dem sie schließlich gar nicht mehr zu sehen ist, gibt es fast die gleiche Dämmerungsphase wie zuvor. Dabei stellen sich unwahrscheinliche Farben und Lichtstimmungen ein, die man so in Deutschland nicht kennt. Denn die Sicht ist dort nicht so weit, der Horizont nicht so klar. Erst wenn es auf Mittsommer zugeht, kommt es auch in der Antarktis praktisch nicht mehr zur Dämmerung. Eine Woche lang bleibt es dann fast permanent rabenschwarz. Natürlich sind auch die restlichen Wochen in der Polarnacht von Dunkelheit gekennzeichnet, daran ändern auch zwei Stunden Dämmerung nichts.

Wie haben Sie die Dunkelheit erlebt?

Der ganze Biorhythmus geht verloren. Ich wurde müder und auch ein bisschen schlapper. Man muss sich die Strukturen dann selbst schaffen und merkt dabei, wie sehr man doch durch den Tag-Nacht-Rhythmus geprägt ist und wie sehr der hilft, um aktiv zu sein.

Wie schafft man sich die nötigen Strukturen?

Vor allem durch gemeinsame Essenszeiten. Die sind für die Gruppe ohnehin wichtig und wurden in der Polarnacht umso bedeutsamer. Mittag ist dann eben, wenn es Mittagessen gibt. Der Abend beginnt mit dem Abendessen. Ansonsten muss man versuchen, sich einen normalen Alltag zu erhalten, also die Arbeit weiterhin in der üblichen Kernarbeitszeit zu erledigen. Aber man kann noch so viel versuchen, man kommt nicht raus aus dem Gefühl: Hier ist immer Nacht.

Schon in Europa stellt sich der Körper mit dem Herbstbeginn erheblich um. Er produziert weniger Vitamin D, und das Schlafhormon Melatonin löst das Glückshormon Serotonin ab. All das kann erhebliche Auswirkungen haben. Haben Sie vor der Polarnacht entsprechende Vorkehrungen getroffen?

Ja, wir konnten Vitamin D zu uns nehmen und haben hier Tageslichtlampen. Außerdem machen wir die ganze Zeit viel Sport. Auf unserer Station haben wir einen Sportraum. In den Sommermonaten machen wir auch mal draußen Sport. Ich habe zum Beispiel meine Langlaufskier dabei. Aktiv zu bleiben ist immens wichtig, auch für die Psyche. Von Depressionen sind wir hier aber alle ohnehin weit entfernt.

Wie haben Sie das Ende der Polarzeit erlebt?

Ich war fast ein bisschen traurig, weil es so eine besondere Erfahrung war.

Die deutsche Polarforschungs-Station Neumayer III Öffnen
Antarktis-Station Neumayer III : Arbeiten im ewigen Eis Bild: Stefan Christmann, Alfred-Wegene

Sie zitieren in Ihrem Blog Peter Licht, der singt: „In weiter Ferne lauter Licht“. Inwiefern bringt die Zeile Ihre Erfahrungen zum Ausdruck?

Das Dasein hier bietet einem White-Box-Bedingungen, wie man sie sonst aus der Kunst kennt. Ein weißer Ausstellungsraum, den man bespielen kann. Daran muss ich oft denken, weil einem die endlose Weite hier so viel Platz lässt. Abgesehen von den Wetterphänomenen wirkt die Umgebung wenig auf einen ein. Und wenn von außen weniger kommt, bleibt eben mehr Platz fürs Innere.

Hat sich Ihr Verhältnis zum Licht verändert?

Ja. Ich nehme die Nuancen viel stärker wahr. Wenn man auf dem Times Square steht und es aus allen Ecken blinkt, fällt ein spektakulärer Sonnenuntergang nicht mehr ins Gewicht. Hier hat das Licht aber eine richtige Bühne. Ich kann dem Ganzen etwas sehr Romantisches abgewinnen. Novalis sagte „Der Poet braucht die Dinge und Worte wie Tasten“, die etwas zum Erklingen bringen. Das kann man aufs Licht übertragen.

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