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Einrichterin Ilse Crawford : „Wir wollen uns überall wie zu Hause fühlen“

  • -Aktualisiert am

Seegras, Wasserhyazinthe und ganz viel Kork: Die „Sinnerlig“-Kollektion für Ikea Bild: Marcus Lawett für Inter IKEA Systems B.V.

Ilse Crawford ist eine der großen Einrichterinnen unserer Zeit. Jetzt hat sie eine Kollektion für Ikea entworfen. Wie will sie Atmosphäre und Massenmarkt zusammenbringen?

          7 Min.

          Ilse Crawford, Tochter einer Färöerin und eines Kanadiers, gestaltet mit ihrem Londoner Studio Ilse öffentliche Räume und individuelle Rückzugsorte, vom Soho House in New York bis zur Privatwohnung in Hongkong. Mit der „Sinnerlig“-Kollektion kann jetzt jeder ein bisschen Crawford haben: Für den schwedischen Möbelkonzern Ikea hat sie als erste Designerin überhaupt eine eigene Linie herausgebracht. Die Schweden wollen künftig verstärkt auf etablierte Designer setzen, weil manche Kunden von den immergleichen Basics langsam müde werden. Mit Crawford hat der Konzern ein gutes Händchen bewiesen: Ihre Handschrift, schrieb die „New York Times“, sei kein Stil, sondern ein Gefühl.

          Frau Crawford, Sie richten für gewöhnlich Restaurants, Geschäfte und Hotels ein. Sie beraten Marken, Sie entwerfen Produkte, Sie schreiben Bücher. Wie nennt man das, was Sie tun?

          Ich bin Innenarchitektin. Das ist ein komischer Begriff für einen schönen Job. Ich nenne mich nur so, weil es keine treffendere Bezeichnung gibt. Aber ist es das, was ich mache? Keine Ahnung. Es ist ja auch egal, wie man sich nennt. Alles klingt müßig. Im Mittelpunkt meiner Arbeit steht der Mensch. Die Frage ist: Wie können wir Räume schaffen, in denen sich Leute wohl fühlen?

          Selbst bekannte Innenarchitekten arbeiten oft im Schatten der großen, „richtigen“ Architekten.

          Absolut. Aber schauen wir uns einmal Mies van der Rohe an: Seine bekanntesten Gebäude hat er zusammen mit der Lilly Reich entworfen – einer Innenarchitektin. Das Innenleben eines Gebäudes war ihm genauso wichtig wie die Fassade. Ich glaube nicht, dass wir von der Villa Tugendhat reden würden, wenn da nicht der Onyx, das Ebenholz, der Travertin, die Seide wären. Manchmal wirkt die Arbeit von Architekten wie Geschenkpapier: Da wird eine Schale ohne Innenleben verkauft. Architekten vernachlässigen den Innenraum zuweilen. Das könnte ihnen bald zum Problem gereichen. Andere Leute werden kommen, um diese Lücke zu füllen. Das müssen aber nicht unbedingt Innenarchitekten sein.

          Wenn Sie Räume einrichten, will man die meisten Gegenstände dort gleich anfassen. Sind Sie besessen von Oberflächen?

          Besessen nicht. Aber sie sind ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit. Ich bin besessen davon, wie unsere Umgebung uns beeinflusst. Oberflächen gehören dazu. Wir leben ja in einer zweidimensionalen Welt: Die Stofflichkeit ist uns verlorengegangen. Ich glaube, dass wir uns umso mehr nach dem Physischen sehnen, je virtueller unser Leben wird. Wir verbringen so viel Zeit am Bildschirm, dass wir dafür einen Ausgleich suchen.

          Seit wann interessieren Sie sich dafür, wie Menschen leben?

          Das geht zum Teil auf meine Kindheit zurück. Meine Mutter wurde schwer krank, als ich jung war; ich musste früh Verantwortung übernehmen. Ich lernte sehr früh, die Macht des Raumes zu verstehen, ich verbrachte ja auch viel Zeit im Krankenhaus. Der öffentliche Raum wirkt oft so hart und unmenschlich. Wenn man am Flughafen ist, setzt gleich diese Anspannung ein. Vor einigen Wochen ging ich nach Stansted, um von dort nach Eindhoven zu fliegen. Es war noch früh am Morgen, die Frau an der Sicherheitskontrolle nimmt mich zur Seite und … glättete einfach nur meinen Kragen. Ich war gerührt, weil diese Herzlichkeit im öffentlichen Raum heute weitgehend verloren gegangen ist.

          Zurück zum Natürlichen: Ilse Crawfords Kollektion Bilderstrecke

          Sie haben jetzt eine Kollektion für Ikea entworfen, in der Sie einen Schwerpunkt auf natürliche Materialien legen. Was hat Sie an der Idee gereizt?

          Vor drei Jahren fragte mich Marcus Engman, der Designchef von Ikea, ob ich nicht eine Kollektion für sie entwerfen wolle. Unser kleines Studio packte der Ehrgeiz: Mir hatte bei Ikea ein bisschen die Wertschätzung für das Stoffliche gefehlt, und jetzt hatten wir selbst die Chance, mit diesem großen Unternehmen zu arbeiten, um erschwingliche und nachhaltige Möbel zu produzieren. Aber ich glaube, so unterschiedlich sind wir letztlich gar nicht. Wir beide entwerfen elementare, zurückhaltende Möbel. Und Dinge, die wir alle nutzen.

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