https://www.faz.net/-hrx-8hl2g

Individualisierte Möbel : Kein Stück wie das andere

  • -Aktualisiert am

Einmal anpassen bitte: Die Modebranche hat’s vorgemacht, die Möbelindustrie zieht nach. Bild: Masterfile

Müssen wir die gleichen Möbel wie die Nachbarn haben? Von wegen! Der Trend steuert hin zum Individualismus – per Mausklick kann man nun auch Serienprodukte selbst gestalten.

          5 Min.

          Handgefertigte Gegenstände sind etwas Besonderes. Jedes Stück fällt anders aus und ist ein Unikat, ganz egal ob gestrickt, getöpfert oder eigens vom Tischler angefertigt. Industrieprodukte hingegen sind weder einzigartig noch individuell, weil sie tausend- und millionenfach in Serie hergestellt werden. Da keine Handarbeit in ihnen steckt, kosten sie zwar weniger. Doch jedes Stück ist identisch mit dem anderen, eine persönliche Note oder Abweichungen gibt es in der Regel nicht. Galten Industrieprodukte früher als Fortschritt der Moderne, so wirken sie heute oft beliebig und austauschbar. Es sei denn, sie lassen sich individualisieren und an persönliche Wünsche anpassen.

          Mit verschiedenen Hilfsmitteln, die Optionen und Variationen erlauben, werden Massenprodukte zu persönlichen Kreationen. Customizing lautet das Zauberwort, mit dem die Industrie 4.0 auf den Kundenwunsch nach Individualität und Einzigartigkeit reagiert. Das Design wird damit zum Mittel der sozialen Distinktion in allen Lebensbereichen. Vorbei die Zeiten, als Telefone noch einheitlich klingelten. Heute geben Lady-Gaga-Songs, Pipi-Langstrumpf-Lieder oder Old-phone-Klänge viel von der Persönlichkeit des Handybesitzers preis. Lebensmittel kommen nicht mehr aus der Standardpackung, sondern werden individuell zusammengestellt.

          Individualisierung in der Möbelindustrie

          Per Mausklick lassen sich auch die Knöpfe und die Steppnähte auf den Gesäßtaschen der Jeans noch bestimmen, die „Make Your Own Jeans“ im Internet anbietet und von Mumbai aus an Käufer in aller Welt verschickt. Selbst Louis-Vuitton-Taschen, die früher einmal an sich schon zur sozialen Distinktion ausreichten, werden heute mit der Aktion „mon monogramme“ von tausendfach identischen Luxuslederwaren zu personalisierten Accessoires – mit farbigen Streifen und Namensinitialen. All das soll dem Käufer ein Gefühl der Einzigartigkeit suggerieren.

          Auch bei der Einrichtung des eigenen Zuhauses, dem privaten und persönlichen Bereich schlechthin, macht die Individualisierung des Angebots nicht halt. Möbel schaffen schließlich eine persönliche Vorstellungswelt, die Teil der eigenen Identität ist und die Haltung der Bewohner widerspiegelt. Wer will seine Küche schon mit Stühlen einrichten, die einem ständig und überall im Alltag begegnen und nicht nur zu Hause, sondern auch im Café nebenan, im Büro und an etlichen anderen Orten der Welt herumstehen?

          Keine Geschichte verpassen: F.A.Z. Stil bei Facebook und Instagram

          Die Möbelindustrie hat für den Wunsch nach Individualisierung neuerdings Antworten, die Hand in Hand mit der seriellen Produktion gehen. So ist die Variationstiefe von Einrichtungsobjekten in den vergangenen Jahren explosionsartig gestiegen und hat nichts mehr mit dem einfachen Modulprinzip der Addition zu tun. Mit vielfachen Kombinationsmöglichkeiten und individuellen Konfigurationen verändern Möbel ihren Charakter. Sie können deutlich mehr, als ihre Abbildung im Katalog oder der Blick ins Schaufenster vermuten lässt.

          „So ist der Stuhl immer lebendig geblieben“

          Richard zum Beispiel, das neue Sofa des Mailänder Architekten und Designers Antonio Citterio, verändert seine Form, Farbe und seine Funktion je nach individueller Zusammenstellung. Das Polstermöbelsystem besteht aus 76 Elementen in verschiedenen Tiefen, für das formale Sitzen oder das Lümmeln. Die Sessel, Bänke, Ottomanen, Chaise Longues, Eck- und Mittelelemente sind je nach Wunsch unterschiedlich gepolstert und zeigen je nach Stoff- oder Lederbezugsvariante ein eigenes Gesicht.

          Passt sich an: Sofa Richard von B&B Italia

          Hersteller B&B Italia bietet allein 33 Blautöne an – Satin oder Samt, Leinen oder Jersey. Der Käufer macht Richard mal zum repräsentativen und kompakten Zweisitzer in Leder, mal zur Liegewiese für die ganze Familie oder zur klassischen Polstergarnitur, die über Eck läuft. Mit einem einfachen, herkömmlichen Sofa hat diese Kombinationsvielfalt nichts mehr zu tun.

          Neben solchen neuen Möbelfamilien werden auch bestehende Produkte stetig erweitert und auf neue Wünsche zugeschnitten. „Vor 16 Jahren ist der erste Catifa auf den Markt gekommen. Seitdem haben wir das Konzept fast jedes Jahr ergänzt. So ist der Stuhl immer lebendig geblieben“, sagt Jeannette Altherr vom spanischen Designer-Trio Lievore Altherr Molina. Das Grundkonzept des Arper-Bestsellers, dessen Name auf Katalanisch „Teppich“ bedeutet, besteht aus einer gebogenen Kunststoffschale, die höher oder breiter, schlichter oder bequemer, mit oder ohne hohe Rückenlehne und Armlehnen daherkommt, mal tiefer und dann wieder höher ist und natürlich unterschiedliche Stuhlbeine, Polster-, Leder- und Kunststofffarbvarianten hat.

          Käufer können überfordert werden

          Im Lauf der Jahre wurden aus der Ursprungsidee sechs verschiedene Kollektionen mit unterschiedlichen Einsatzmöglichkeiten und Funktionen. Heute ist Catifa sowohl ein nüchterner Barhocker als auch ein extravaganter Lounge-Chair, ein Bürostuhl mit Rollen, Armlehnen und kippbarer Rückenlehne in schwarzem Leder oder ein praktischer Stapelstuhl für Auditorien und Konferenzsäle. Die Nummern unterscheiden die Modelle und geben die Breite ihrer Sitzfläche an. Erst dieses Jahr kamen für den Catifa 46 neue Farben für die Sitzschale in Rosé, Petrol, Gelb, Elfenbein, Rauchgrau und Hellrosa hinzu.

          Dass Käufer angesichts all dieser Möglichkeiten auch überfordert sein können, wenn sie die richtige Wahl treffen wollen, verwundert kaum. „Das Problem mit dem Customizing ist, dass der Kunde letztlich eine konkrete Vorstellungswelt braucht“, meint Jeannette Altherr. Funktioniert der Stuhl mit Holzbeinen in der Küche, passt der Stoffbezug zur Wandfarbe? Fallen die Proportionen doch zu groß aus für den Raum, sind die Armlehnen notwendig, und ist die Sitzhöhe auch optimal? Manche Hersteller bieten Konfiguratoren im Internet an, die Antworten auf ähnliche Fragen liefern sollen. Doch komplexe Möbel wie Regalsysteme am Bildschirm zu planen ist oft nicht einfach. Neben den Oberflächen müssen die Maße bestimmt werden, die Zahl der Tablare, die Tiefe, die Abstände und so weiter.

          Bunte Vielfalt: „Catifa 46“-Stühle

          Manchmal wird der Konfigurator zur Geduldsprobe – für den Rechner und den Käufer. „Unsere Kunden werden immer internetaffiner. Im Netz haben sie die Möglichkeit, sich über ihr persönliches Traumregal vorzubilden“, sagt Nils Holger Moormann, dessen gleichnamige Möbelfirma aus Aschau am Chiemsee gleich für mehrere Regalmodelle Online-Konfiguratoren anbietet. „Sie kommen dann schon mit weniger Fragen zum Händler und haben eine konkrete Preisvorstellung.“

          Möbel aus 3D-Druckern bisher zu kostspielig

          Das Internet mag viele Fragen vorab klären, doch ohne fachkundige Hilfe, darf man angesichts der Kombinationsmöglichkeiten und Entscheidungsfülle vermuten, wird es nicht gehen. Das stärkt den Fachhandel, der damit die wichtigste Anlaufstelle für Käufer bleibt, etwa wenn es gilt, die passende Lösung eines individuell zusammenstellbaren Kleiderschranks von Porro zu finden. Dafür stehen 16 Holzarten mit 24 unterschiedlichen Oberflächenbehandlungen und fast unendlich vielen Hängevorrichtungen, Tablaren,und sonstigen Varianten zur Verfügung, die mit oder ohne Beleuchtung kombiniert werden können. Allein die Quantität der Möglichkeiten übersteigt das Vorstellungsvermögen der meisten Kunden.

          Besonders vielversprechend für eigene Vorstellungen ist die Technologie des 3D-Druckens. Allerdings sind ihre Möglichkeiten längst noch nicht so ausgereift, dass jeder von uns Alltagsgegenstände drucken könnte – vielleicht wird es dazu auch nie kommen. Derzeit ist das Laser-Sinter-Verfahren für Industrieprodukte jedenfalls eher eine Spielerei, die Liebhaber kleiner Editionen und Labels wie der Schmuckkollektion von Maison 203 besonders schätzen. Möbel 3D zu drucken ist für die Serienproduktion bisher zu kostspielig. Deshalb bleibt der 3D-Drucker ein verheißungsvolles Experiment, das noch in den Kinderschuhen steckt.

          Bis es so weit ist, dass die Vorteile der Technologie auch für die Serienproduktion wahr werden, muss die Einrichtungsbranche auf andere Customizing-Konzepte zurückgreifen. Sie ist dabei auch mit einfachen Tricks sehr erfinderisch, wie Philippe Starck mit seiner Chapo-Tischleuchte für Flos zeigt. Der verchromte Lampenfuß hat keinen Schirm, stattdessen sind auf seinem nackten kreuzförmigen Ende LEDs integriert. Zur Lampe wird Chapo erst, wenn sein Besitzer einen Hut auf das nüchterne Gestell stülpt. Je nachdem ob Borsalino, Baseball-Cap oder Strohhut mit breiter Krempe, werfen die LEDs unterschiedliche Lichtkegel in den Raum. Die per sönliche Note, die so entsteht, lässt sich je nach Lust und Laune oder Jahreszeiten im Handumdrehen ändern. Noch mehr kann Industriedesign dem Wunsch nach Individualität kaum nachkommen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Trumps Nahost-Friedensplan : Ein Konflikt mit vielen Dimensionen

          Gleich will der amerikanische Präsident Trump seinen Friedensplan für den Nahen Osten vorstellen. Es geht um den Kern des jahrzehntelangen Konflikts, den Streit um Land, Grenzen und israelische Siedlungen. Was Sie jetzt wissen sollten.
          Ein DHL-Paketbote auf Tour

          F.A.Z. exklusiv : Post soll Paketpreise senken

          Kunden der Deutschen Post müssen seit einiger Zeit deutlich tiefer in die Tasche greifen. Jetzt hat die Bundesnetzagentur ein Verfahren eingeleitet – sie pocht auf eine Rücknahme der Preiserhöhungen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.