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Berliner Altbau : Eine Wohnung als Gesamtkunstwerk

Vor Anker in Berlin: Karl-Ulrich und Sigal Ansorg haben ihre Wohnung bis ins Detail durchgeplant. Bild: Andreas Pein

Ein „Immobilienhai“ und seine Frau haben sich in Charlottenburg kunstvoll eingerichtet. Ihr 300 Quadratmeter großes Zuhauses ist mit dem Wort Wohnung nur unzureichend beschrieben.

          6 Min.

          Berlin-Charlottenburg, in einer ruhigen Seitenstraße in der Nähe des Kurfürstendamms. Aus einem kleinen Auto steigt eine Frau mit einem Blumenstrauß von fast buschähnlichem Ausmaß und verschwindet in einem der Gründerzeithäuser. Die Nachbarbauten stellen ihren reichen Fassadenschmuck zur Schau und protzen mit wilhelminischer Pracht. Haus Nummer 68 dagegen hat nichts als glatten Putz zu bieten – und sticht gerade deshalb heraus. Drinnen dann ein reizarmes Treppenhaus, in dem von Stufe zu Stufe der Zweifel wächst, ob man hier überhaupt richtig ist. Oder ob der Innenarchitekt womöglich nur maßlos übertrieben hat, als er die Wohnung eine Bilderwelt nannte, die bis ins Detail durchkomponiert sei.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Als sich die schwere Wohnungstür öffnet, ist Schluss mit gepflegter Langeweile und uninspirierter Nüchternheit, die einen eben noch umgeben hat. Karl-Ulrich Ansorg, in Jeans und mit blauen Leinenturnschuhen zum gleichfarbigen Jacket, steht im Flur seines mehr als 300 Quadratmeter großen Zuhauses, das mit dem Wort Wohnung nur unzureichend beschrieben ist. Seine Frau Sigal arrangiert in der Küche den gewaltigen Blumenstrauß in einer Vase entsprechenden Formats. In wenigen Augenblicken hat sich die Frage erübrigt, wo um Himmels willen jemand Platz finden soll für ein derart raumfüllendes Schnittpflanzenensemble.

          Wie eine Fassade täuschen kann: Drinnen geht es kunstvoll zu. Bilderstrecke

          Kaum eingetreten, ahnt man schon das Ausmaß der Wohnung: dank der hohen, offenen Türen, die den Blick in die angrenzende weitläufige Wohnlandschaft freigeben; dank des in leuchtendem Rot lackierten stattlichen Garderobenschranks, der in seinem Umfeld als Einbaumöbel dennoch Hauptdarsteller ist; und dank der riesigen skulpturalen schwarzen Lampe, die über dem Küchenblock hängt, vor dem die Hausherrin mit den Blumen beschäftigt ist.

          Auf 300 Quadratmetern dreht sich alles um Kunst

          „Es gibt gleich Tee“, ruft Sigal Ansorg den Besuchern zu, die immer noch im Flur stehen, weil Salvador Dalí sie aufgehalten hat. An dem Surrealisten kommt man schließlich nicht einfach so vorbei. Seine beiden Grafiken sind kein schlechter Auftakt für eine Wohnung, in der sich alles um Kunst dreht. Man kann einen Empfang auch langweiliger gestalten.

          Seit dem Jahr 2012 lebt das Ehepaar Ansorg in Berlin. Wenn Internatsferien sind, ist auch Sigals Sohn aus erster Ehe hier. Karl-Ulrich Ansorg ist Projektentwickler. „Immobilienhai“, wie er lachend sagt. Viele Jahre hat er vor allem in Hamburg Geschäfte gemacht, hat Townhäuser und Wellness-Immobilien gebaut, in die Jahre gekommenen Einkaufszentren ein neues Gesicht verpasst. Vor ein paar Jahren nahm er dann eine Auszeit, von der Arbeit und von der Hansestadt. In seinem Sabbatical ging der heute Dreiundsechzigjährige zusammen mit seiner Frau, die aus Tel Aviv stammt, nach Aix-en-Provence. „Danach haben wir eine Stadt gesucht, in der die Familie neu ihren Anker legen kann.“ Dafür kam schließlich nur Berlin in Frage.

          In Charlottenburg passte alles

          Vor allem Charlottenburg, wo die Synagoge in der Fasanenstraße bis zur Pogromnacht am 9. November 1938 Zentrum einer schnell wachsenden jüdischen Gemeinde war. Und wo damals viele Künstler wie Heinrich Mann, Käthe Kruse, Asta Nielsen, Tatjana Gsovsky und Essad Bey lebten. „Die Geschichte hat uns angezogen, und die Tatsache, dass es hier heute viele Galerien gibt“, sagt Ansorg. Anfangs wohnten sie zur Miete, nicht weit von ihrem heutigen Zuhause. Erst mal den Kiez kennenlernen, ausloten, ob man hierher passt, sich wirklich wohlfühlt. Charlottenburg mit seinen vielen kleinstädtischen Milieus und den wilhelminischen Großbürgertumfassaden war dafür wunderbar geeignet.

          Die Ansorgs fanden schließlich eine Wohnung, die ihren Vorstellungen entsprach - einen Jahrhundertwendebau von typisch Berliner Zuschnitt. Das heißt: mit großen Räumen zur Straße hin und dem sogenannten Berliner Zimmer, das wie ein Scharnier das Vorderhaus mit dem Seitenflügel verbindet. Und mit reichlich Platz.

          Ursprünglich war das Mehrfamilienhaus genauso reich verziert wie die Nachbarbauten. Doch Pfusch am Bau ist nicht nur ein Phänomen der Nachkriegszeit. Schon in den zwanziger Jahren löste sich Stuck, und Puttenteile fielen auf die Straße. Passanten riefen die Baupolizei, und der damalige Besitzer beschloss, das vor der Zeit müde gewordene Material abzutragen, um dem Haus eine unkomplizierte und für Passanten ungefährliche Putzfassade zu verpassen.

          Auf der Jagd nach dem Exklusiven

          Nur zweimal wechselte das Gebäude den Besitzer. Nach dem Ersten Weltkrieg teilte der neue Eigentümer die weitläufigen Etagenwohnungen in kleinere Einheiten auf. Nur bei drei Wohnungen blieben die Grundrisse unverändert. Eine davon kauften die Ansorgs. „Ein Riesenglück!“

          Gut ein Jahr dauerten der Umbau und die Sanierung der Wohnung, in der nichts, aber auch wirklich gar nichts dem Zufall überlassen wurde. Gisbert Pöppler ist ein Mann für solche Fälle. Er ist in Deutschland und im Ausland immer auf der Jagd nach dem Besonderen, dem Exklusiven, ob es um Stoffe oder Bodenbeläge, Leuchten oder Armaturen geht. Die Ansorgs und der Interior-Designer hatten sich über einen Galeristen kennengelernt, dessen Wohnung, die in der Nachbarschaft liegt, der Berliner Architekt ebenfalls gestaltet hatte. Für seine neuen Bauherren war er zunächst in deren Mietwohnung im Einsatz: Lichtplanung, Farbkonzept, Garderobenentwurf, Küche und Fußboden. „Ein paar Kleinigkeiten als Aufwärmübung“, sagt Pöppler. Und das ist kein Scherz.

          Im neuen Zuhause seiner Auftraggeber ging es um mehr als Oberflächen, auch wenn deren Opulenz alles andere leicht vergessen macht. Die Ansorgs hatten zwei wesentliche Anforderungen an ihre Wohnung: Erstens sollte ein Großteil ihrer Kunstsammlung hier Platz finden. Und zweitens mussten die privaten von den eher öffentlichen Räumen getrennt sein - Karl-Ulrich Ansorg verlegte nach dem Umzug auch sein Büro an die neue Adresse.

          Komplett-Sanierung war nötig

          So entstand im entlegensten Winkel der Wohnung das Masterbad, an einer Stelle, die nie dafür vorgesehen war. Der Einbau tangierte die gesamte Abwasserleitung des Seitentrakts, weshalb alle anderen Parteien der Umbaumaßnahme zustimmen mussten. „So etwas ist kein Kinderspiel“, sagt Pöppler. Außerdem mussten alle Leitungen hinter Putz verschwinden, Wände wurden aufgedoppelt, Fernseher bündig in die Wand eingepasst. Holzpaneele wurden als Verkleidung angefertigt und von Hand lackiert, am Schallschutz wurde gefeilt, und die alten Stuckdecken wurden aufwendig saniert. Das vom Schwamm befallene Parkett war ein schwerer Sanierungsfall.

          Eine Herausforderung war auch der Einbau des roten Garderobenschranks am Eingang. Damit er seine Rolle überhaupt erfüllen kann, ohne sich zu breit zu machen, wurde eine tragende Wand geöffnet und in die Tiefe gebaut. Überhaupt scheuten Bauherren und Inneneinrichter bei Mobiliar und Ausstattung keinen Aufwand. Man reiste gemeinsam zur Möbelmesse nach Mailand und nach Süditalien, wo ein kleines Unternehmen Fliesen mit Lavasteinglasur herstellt, die man nicht an jeder Ecke bekommt. Und schon gar nicht mit einem Klick im Internet.

          Wahl zwischen 30 Grau-Tönen

          Eine Mammutaufgabe war die Farbauswahl. Der Gestalter schlug vor, sich vor allem an Grautöne zu halten, denen je nach Nutzung und Ausrichtung des Raums Farbe beigemischt wurde. „Gisbert mit seinen Farbschnipseln“, witzelt Karl-Ulrich Ansorg. „Da muss man alleine zwischen 30 Grau-Nuancen wählen.“ Was für Pöppler insofern ungewöhnlich ist, weil er es sonst farblich gerne krachen lässt und offensichtlich keine Angst vor starken Tönen kennt. In Ansorgs Wohnung geht es, so gesehen, ziemlich dezent zu. Allein im Berliner Zimmer, das Lachsrot gestrichen ist, bekannte man wirklich Farbe.

          Mit seinen 55 Quadratmetern ist es zudem der größte Raum der Riesenwohnung - und mit Blick auf Nutzung und Gestaltung grundsätzlich der schwierigste. Denn als Bindeglied zwischen den Gebäuden ist es stets ein Durchgangszimmer und hat nur ein einziges Fenster zur Hofseite.

          Gisbert Pöppler hat es als das inszeniert, was es ist: einen Dreh- und Angelpunkt der Wohnung. Am Tischchen vor dem Fenster sitze sie am liebsten, sagt Sigal Ansorg. Dort ist Platz für zwei großformatige Werke von Bernard Frize und Wolfgang Tillmans sowie für die „Structure Series“ von Nejat Sati und ein Bild von Hubert Scheibl.

          Wohin mit all den Kunstwerken?

          Um die Kunstwerke richtig zur Geltung zu bringen, engagierte man eigens einen Fachmann aus dem Museumsbetrieb. Der sichtete zunächst den gesamten Bestand, versuchte, den roten Faden der Sammlung zu identifizieren und zu verstehen, welches der Werke für die Besitzer von persönlicher Bedeutung ist. Die Altbauwohnung mit ihren Vor- und Rücksprüngen und Schrägen erwies sich dabei als geeignete Bühne.

          Es zahlte sich auch aus, dass Pöppler und seine Kollegen bei ihrer Planung perspektivisch die angrenzenden Räume mit einbezogen. Paradebeispiel dafür sind die beiden Werke von Georg Baselitz: Das eine mit dem Titel „Dreimal“ hängt im Esszimmer, rechts neben der Durchgangstür zum Arbeitszimmer, wo der Kunsthistoriker Baselitz' „Hinterglasvogel II“ plazierte. Wer am Esstisch mit Blick ins Arbeitszimmer sitzt, kann also beide Bilder betrachten.

          Kalligraphien in der Bibliothek, Erotisches im Arbeitszimmer

          Weil eine Wohnung keine Ausstellungshalle ist, kann sich auch die Kunst hier anders zeigen. Mal hängte der Fachmann die Werke „petersburgisch“, das heißt en gros. Vier Werke des Krefelder Künstlers Hellmut Seegers, dessen Arbeit Hans-Ulrich Ansorgs Eltern begleitet hatten, streben im Esszimmer über dem Sideboard im Pulk in die Höhe. Anderswo hat der Kunsthistoriker den Raum nach unten ausgenutzt. Kalligraphien brachte er in der kleinen Bibliothek neben dem Eingang unter, Erotisches im Arbeitszimmer. Als dankbar erwies sich der große Flur im Privattrakt für all jene Kunstwerke, die es nicht bis in die repräsentativen Räumlichkeiten geschafft haben.

          „Die Planung für eine solche Wohnung braucht wahnsinnig viel Zeit“, sagt Pöppler beim Tee. „Am Ende sieht alles so selbstverständlich aus.“ Man sitzt im Esszimmer, das Karl-Ulrich Ansorg auch als Raum für Besprechungen mit Geschäftspartnern nutzt. Das riesige Blumenarrangement hat an einem Ende des ovalen Esstischs seinen Platz gefunden. Da macht es Eindruck, ohne von den eigentlichen Attraktionen abzulenken: dem doppelten Baselitz hier und vier Mal Seegers da. Dann ist es Zeit zu gehen. Im Flur grüßt Dalí ein letztes Mal, und die Tür schließt sich. Wie eine Fassade täuschen kann.

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