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Berliner Altbau : Eine Wohnung als Gesamtkunstwerk

Wahl zwischen 30 Grau-Tönen

Eine Mammutaufgabe war die Farbauswahl. Der Gestalter schlug vor, sich vor allem an Grautöne zu halten, denen je nach Nutzung und Ausrichtung des Raums Farbe beigemischt wurde. „Gisbert mit seinen Farbschnipseln“, witzelt Karl-Ulrich Ansorg. „Da muss man alleine zwischen 30 Grau-Nuancen wählen.“ Was für Pöppler insofern ungewöhnlich ist, weil er es sonst farblich gerne krachen lässt und offensichtlich keine Angst vor starken Tönen kennt. In Ansorgs Wohnung geht es, so gesehen, ziemlich dezent zu. Allein im Berliner Zimmer, das Lachsrot gestrichen ist, bekannte man wirklich Farbe.

Mit seinen 55 Quadratmetern ist es zudem der größte Raum der Riesenwohnung - und mit Blick auf Nutzung und Gestaltung grundsätzlich der schwierigste. Denn als Bindeglied zwischen den Gebäuden ist es stets ein Durchgangszimmer und hat nur ein einziges Fenster zur Hofseite.

Gisbert Pöppler hat es als das inszeniert, was es ist: einen Dreh- und Angelpunkt der Wohnung. Am Tischchen vor dem Fenster sitze sie am liebsten, sagt Sigal Ansorg. Dort ist Platz für zwei großformatige Werke von Bernard Frize und Wolfgang Tillmans sowie für die „Structure Series“ von Nejat Sati und ein Bild von Hubert Scheibl.

Wohin mit all den Kunstwerken?

Um die Kunstwerke richtig zur Geltung zu bringen, engagierte man eigens einen Fachmann aus dem Museumsbetrieb. Der sichtete zunächst den gesamten Bestand, versuchte, den roten Faden der Sammlung zu identifizieren und zu verstehen, welches der Werke für die Besitzer von persönlicher Bedeutung ist. Die Altbauwohnung mit ihren Vor- und Rücksprüngen und Schrägen erwies sich dabei als geeignete Bühne.

Es zahlte sich auch aus, dass Pöppler und seine Kollegen bei ihrer Planung perspektivisch die angrenzenden Räume mit einbezogen. Paradebeispiel dafür sind die beiden Werke von Georg Baselitz: Das eine mit dem Titel „Dreimal“ hängt im Esszimmer, rechts neben der Durchgangstür zum Arbeitszimmer, wo der Kunsthistoriker Baselitz' „Hinterglasvogel II“ plazierte. Wer am Esstisch mit Blick ins Arbeitszimmer sitzt, kann also beide Bilder betrachten.

Kalligraphien in der Bibliothek, Erotisches im Arbeitszimmer

Weil eine Wohnung keine Ausstellungshalle ist, kann sich auch die Kunst hier anders zeigen. Mal hängte der Fachmann die Werke „petersburgisch“, das heißt en gros. Vier Werke des Krefelder Künstlers Hellmut Seegers, dessen Arbeit Hans-Ulrich Ansorgs Eltern begleitet hatten, streben im Esszimmer über dem Sideboard im Pulk in die Höhe. Anderswo hat der Kunsthistoriker den Raum nach unten ausgenutzt. Kalligraphien brachte er in der kleinen Bibliothek neben dem Eingang unter, Erotisches im Arbeitszimmer. Als dankbar erwies sich der große Flur im Privattrakt für all jene Kunstwerke, die es nicht bis in die repräsentativen Räumlichkeiten geschafft haben.

„Die Planung für eine solche Wohnung braucht wahnsinnig viel Zeit“, sagt Pöppler beim Tee. „Am Ende sieht alles so selbstverständlich aus.“ Man sitzt im Esszimmer, das Karl-Ulrich Ansorg auch als Raum für Besprechungen mit Geschäftspartnern nutzt. Das riesige Blumenarrangement hat an einem Ende des ovalen Esstischs seinen Platz gefunden. Da macht es Eindruck, ohne von den eigentlichen Attraktionen abzulenken: dem doppelten Baselitz hier und vier Mal Seegers da. Dann ist es Zeit zu gehen. Im Flur grüßt Dalí ein letztes Mal, und die Tür schließt sich. Wie eine Fassade täuschen kann.

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