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Kölner Möbelmesse : Das Haus der Zukunft

Wie man sich ein Zukunfts-Haus so vorstellt: Bretterwände, Dach und in der Mitte das Licht als große Leuchtkugel. Bild: Koelnmesse GmbH/Todd Bracher

Zum sechsten Mal entwickelt ein Designer für die Kölner Möbelmesse ein Konzept zum Wohnen der Zukunft. Todd Bracher aus New York beschränkt sich aufs Nötigste. Geduscht wird vor der Tür.

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          Vor zwei Jahren kam das Haus für die Kölner Möbelmesse aus dem fernen Osten. Neri & Hu, das erfolgreiche Designer-Ehepaar Lyndon Neri, geboren auf den Philippinen, und Rossana Hu aus Taiwan mit Studio in Schanghai (und gemeinsamem Studium in Berkeley), schienen ganz in der Tradition ihrer Wahlheimat gebaut zu haben. Fünf enge Räume mit sehr hohen Decken, als „Wohnkäfige“ bezeichnet, in der Mitte ein kleiner Innenhof. Es war mühsam, sich durch ihr Haus zu bewegen. Über schmale Brücken und auf Zick-Zack-Wegen schoben sich die zahllosen Gäste hindurch. Man fühlte sich wie in den engen Gassen Schanghais. Und doch war es eine Wohnvision für die Zukunft, im Inneren viel wohnlicher, als der Besucher von außen ahnte.

          Peter-Philipp Schmitt
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Im vergangenen Jahr kam „das herausragende Design-Event der internationalen Einrichtungsmesse imm cologne“ aus Offenbach. Sebastian Herkner entwarf ein Haus, das fast ohne feste Wände auskam. Der Shooting-Star der Designszene beließ es zwar ebenfalls bei der traditionellen Aufteilung Bad, Küche, Wohnen, Schlafen, und auch bei
          ihm gab es in der Mitte einen Innenhof, über den alle Räume erreichbar waren. Die Wände aber waren textile Schichten, transparent und fließend, wie bei einer Zwiebel. Seine Gäste konnten einfach durch die geschlitzten Vorhänge hindurchschlüpfen. Nur Schlaf- und Badezimmer hatten feste Wände.

          Wichtig sei ihm gewesen, das Haus barrierefrei zu machen, sagte Herkner. Das gelang ihm nicht ganz: Am Ende musste er sich allerlei Vorschriften wie dem Brandschutz beugen und zusätzliche Geländer und Absperrungen einbauen. So wurde sein global gedachtes Konzept am Ende doch ein sehr deutsches.

          Designer Todd Bracher ist der erste Amerikaner, der auf der Kölner Möbelmesse ein Haus bauen darf.
          Designer Todd Bracher ist der erste Amerikaner, der auf der Kölner Möbelmesse ein Haus bauen darf. : Bild: Koelnmesse GmbH/Lutz Sternstein

          In diesem Jahr kommt das Haus aus dem nicht ganz so fernen Westen. Der New Yorker Todd Bracher wurde ausgewählt, um in der Halle 2.2 eine etwa 200 Quadratmeter große Fläche zu gestalten. Der Zweiundvierzigjährige ist der erste Amerikaner, der in Köln ein Haus bauen darf. Zumindest nach Lesart der Messe, die das Konzept der Kurzzeit-Installation als „Das Haus“ 2012 erstmals ins Programm aufnahm. Zuvor wurden einige Jahre lang „ideal houses“ von jeweils mindestens zwei verschiedenen Designern errichtet, unter anderen auch von dem New Yorker Karim Rashid, dessen Entwurf 2002 der Arbeit von Konstantin Grcic gegenübergestellt wurde.

          Todd Bracher aber ist ein ganz anderer Designer als der Pop-Künstler Rashid, der es grell und laut und vor allem flüchtig liebt. Der 14 Jahre jüngere Bracher geht grundsätzlich an seine Arbeit. „Meine Objekte müssen ehrlich und natürlich sein“, sagt er. Ein Tisch ist bei ihm ein Tisch – mit vier Beinen und einer Platte obendrauf. Für ihn ist das typisch amerikanisch, seine Landsleute wüssten Design noch immer nicht recht zu schätzen. „Ein lebensgroßes Pferd mit einem Lampenschirm auf dem Kopf ist sicher eine lustige Idee“, meint Bracher und spielt damit auf den zehn Jahre alten Entwurf der schwedischen Design-Gruppe Front für den niederländischen Hersteller Moooi an. „Doch wenn das dann als die Zukunft des Designs verkauft wird, steige ich aus.“

          Für sein Haus für Köln wollte und sollte Bracher eine transatlantische Brücke bauen. So hatte es der Kreativ-Direktor der IMM, Dick Spierenburg, in seiner Aufgabenstellung formuliert. Er erwarte von ihm zudem ein Haus, „das sowohl aktuell als auch zeitlos ist“, sagte der Niederländer, dem die Messe in Köln maßgeblich ihren Aufschwung der vergangenen Jahre zu verdanken hat. Bracher ging darauf ein, zum Beispiel indem er die Idee des offenen Wohnens aufgriff, von dem Amerikaner geradezu besessen sind, wie er meint.

          Ein Mond geht auf: Die große leuchtende Kugel im ersten Entwurf Brachers erinnert an das Himmelsgestirn.
          Ein Mond geht auf: Die große leuchtende Kugel im ersten Entwurf Brachers erinnert an das Himmelsgestirn. : Bild: Koelnmesse GmbH/Todd Bracher

          Zunächst zeichnete er ein Haus, wie man sich ein Haus so vorstellt – mit Bretterwänden und einem darüber schwebenden Dach. Der Klecks in der Mitte ist das Licht, eine große Leuchtkugel, die im fertigen Entwurf wie ein voller Mond aussieht. Im Inneren gibt es zwei rechteckige Räume, davor eine Art Terrasse. Alles geht ineinander über. Bracher nennt die drei Bereiche „multifunktionale Zonen“. Sein Haus kleide die menschlichen Grundbedürfnisse – Ernährung und Erholung im Haus. Die Hygiene findet vor der Tür statt. So soll der Mensch beim Duschen zurück zur Natur finden.

          Zur „Ernährung“ gehören auch Regale mit Büchern, damit man sein Hirn mit Wissen füttern kann. Ansonsten will Bracher auf Möbel weitgehend verzichten – für eine Möbelmesse recht ungewöhnlich. Denn eigentlich will der Veranstalter mit der Wohnhaus-Simulation vor allem auch einigen seiner Aussteller einen Gefallen tun, deren Möbel normalerweise von dem Designer für die besonders im Fokus stehende Installation ausgewählt wurden.

          Bracher aber will sich aufs Essentielle beschränken, und Spierenburg steht hinter dem Konzept des Designers. So kommt das Haus mit dem Notwendigsten aus, ein paar Stühlen und einem Tisch zum Beispiel, dazu ein paar Objekten, die Bracher wichtig sind, weil Kollegen und Freunde sie ihm zur Verfügung gestellt haben. Das muss reichen.

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