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Texte gegen Heimweh : Sage und schreibe

  • -Aktualisiert am

Wolfgang Möhrig-Marothi grub für sein neunbändiges Werk „Mirquidis Raunen“ sagenhafte Geschichten aus. Bild: Klein, Nora

Fliegende Gegenstände, verhexte Jungfrauen und gar ein Mord in der Schule – wer dachte im Erzgebirge sei nicht viel los, der irrt sich. Wolfgang Möhrig-Marothi sammelt diese Sagen gegen sein Heimweh.

          Die Wölfe waren auch schon da. Ihre Spuren entdeckte Emese Möhrig-Marothi eines Morgens neben ihrem Haus am Ortsrand. Ein ganzes Rudel war hier wohl unterwegs. „Uns war das schon ziemlich unheimlich“, sagt Möhrig-Marothi. Andererseits: Besser hätten es die Tiere kaum treffen können. Denn das vogtländische Walddorf Kottenheide, in der deutschen Literaturgeschichte bislang nur als gelegentliche Zuflucht Reiner Kunzes zu düsteren DDR-Zeiten vermerkt, beherbergt in einem seiner drei Forsthäuser den womöglich emsigsten Sagensammler Deutschlands. Wie einst Jacob und Wilhelm Grimm, Ludwig Bechstein und Johann Karl August Musäus, durchwühlte Wolfgang Möhrig-Marothi jahrzehntelang Archive und befragte Gewährsleute. Allerdings nicht in Kottenheide, sondern in seiner Heimat Johanngeorgenstadt im Erzgebirge, 30 Kilometer entfernt.

          Der Einundsiebzigjährige packt im Kachelofenzimmer sein vielbändiges Kompendium auf den Tisch. „Die traditionellen Volkskundler wissen gar nicht, dass sie mit Dynamit arbeiten“, sagt er. Für ihn sind seine Sagenschätze ein „Beleg der tiefen Dimension“, Hinweise auf Übersinnliches und Grenzwissenschaften. Aber sie seien aus Verwurzelung erwachsen – und nicht, wie Fantasy-Esoterik, querbeet aus germanischer Mythologie, keltischem Druidenkult und Elfen- und Engelskitsch.

          Im Vorwort des ersten Bands bestimmt Möhrig-Marothi das Schürfgebiet seiner Sondierungen. Es sind „die Territorien folgender westerzgebirgischer Kammsiedlungen (die in der Vorkriegszeit insgesamt etwa 20.000 Einwohner zählten). Auf sächsischer Seite: Johanngeorgenstadt mit Wittigsthal, Jugel und Steinbach; Breitenbrunn mit Breitenhof und Halbmeile; Steinheidel-Erlabrunn; Jägerhaus; Sosa, Wildenthal und Carlsfeld; auf böhmischer Seite: Breitenbach, Platten und Hirschenstand.“

          Mittel gegen Heimweh

          Das Revier erschloss er sich auf einem Umweg. 1947 in Johanngeorgenstadt geboren und aus einer Fotogeschäfts-Familie stammend, wuchs er DDR-typisch auf. Nach der Mittleren Reife trat er 1964 in Aue eine zweijährige Lehre im Einzelhandel an, erwarb 1966 die Fachschulreife und machte während seiner Tätigkeit als Verkaufsstellenleiter in Eibenstock 1968 nebenher das Abitur. Bis 1975 studierte er Evangelische Theologie in Greifswald und Erfurt, dann stellte er einen Ausreiseantrag. Er konnte die DDR unbehelligt verlassen und siedelte sich in Nürnberg und Bamberg an.

          Möhrig-Marothi hat keinen Fernseher, keinen Computer, kein Telefon – aber neun Bücherkammern.

          Von 1977 an arbeitete er als Schriftsteller. Weil er so belesen war, setzten ihn Verlage auf Herausgebertätigkeiten an – eine Sammlung etwa von „Hexen-, Zauber- und Spukgeschichten aus dem Blocksberg“ des alten Leipziger Sagensammlers und Rübezahl-Promoters Johannes Praetorius. Außerdem brachte er ein Projekt auf den Weg, das ihm den Dank der Arno-Schmidt-Gemeinde sicherte: eine fünfzehnbändige Werkausgabe des Schmidt-Lieblingsautors Friedrich de la Motte-Fouqué. Fast genauso vielbändig war eine von ihm betreute Bechstein-Werkausgabe. Eine Neuauflage parapsychologischer Werke Justinus Kerners scheiterte mangels Subskribenten, eine Kollektion mit humoristischen Passagen aus dem Werk Sigmund Freuds lehnten die Verlage ab.

          Gegen gelegentliches Heimweh im fränkischen Exil griff Möhrig-Marothi zu einem probaten Mittel: Er durchstöberte alle zugänglichen Chroniken, Kirchenbücher und Reisebeschreibungen zu Johanngeorgenstadt – bis zu Schriftstücken wie Christian Lehmanns „Historischem Schauplatz derer natürlichen Merckwürdigkeiten in dem Meißnischen Ober-Ertzgebirge“ von 1699. Und er machte von seinem nunmehr bundesdeutschen Pass Gebrauch, besuchte erzgebirgische Heimatforscher, fuhr in die Tschechoslowakei, um im Grenzland lebende Sudetendeutsche wie den stellvertretenden Bürgermeister von Platten (Horní Blatná) volkskundlich zu befragen.

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