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Die Outdoor-Schwestern : Überall unterwegs

  • -Aktualisiert am

Gute Erinnerungen: Mit diesem Motorrad ist Tina Meier die Rallye Dakar in Argentinien gefahren. Bild: Lucas Wahl

Der Drang zum Abenteuer liegt bei Marion und Tina Meier in der Familie – nun schon in vierter Generation. Ein Besuch bei den Schwestern an der Elbe, hinterm Deich.

          7 Min.

          Es war ein gewagtes Unterfangen, das sich die junge Frau im Jahr 1927 vorgenommen hatte: mit dem Faltboot von Hamburg nach Kopenhagen zu fahren. Wäre die Hamburgerin Hertha Meier damals gesellschaftlich besser etabliert gewesen, hätte sie vielleicht so bekannt werden können wie andere Abenteurerinnen der Goldenen Zwanziger, die Flugpionierin Amelia Earhart etwa oder die Rennfahrerin Clärenore Stinnes – schließlich fuhr Hertha Meier auch noch genauso unerschrocken Motorrad. So aber gibt es heute nur noch zwei vergilbte Zeitungsausschnitte aus den fünfziger Jahren, in denen sich ihr Mann an ihre Tour de Force mit dem Boot erinnert.

          Nach besonderer Anstrengung klingt seine Beschreibung allerdings nicht. „Drei Wochen Urlaub lagen vor uns“, schrieb er. „Warum sollten wir nicht mit dem Kajak nach Kopenhagen fahren?“ Los ging es im Hamburger Stadtteil Eppendorf am Isebek-Kanal und dann über Schleusen zum Alsterlauf Richtung Kayhude. Bei allem Leichtsinn notierte Meier immerhin die Verwunderung seiner Außenwelt. „Der Schleusenwärter fragte wegen der Gebühren, ob wir am selben Tag zurückkommen. 'Nee, so gau nich – wir wollen nach Kopenhagen.' Schief angeguckt hat er uns – aber nicht für voll genommen.“

          Auch wenn das schön beschriebene Abenteuer von Hertha und Willy Meier es nicht einmal in die Annalen der Hamburger Lokalgeschichte geschafft hat: Der Wagemut des Paars scheint überlebt zu haben – in Gestalt seiner Urenkelinnen Marion und Tina Meier.

          Unerschrocken: Tina Meier fuhr die Rallye Dakar und coacht heute Frauen.
          Unerschrocken: Tina Meier fuhr die Rallye Dakar und coacht heute Frauen. : Bild: Lucas Wahl

          Der Bootsverleih Paddel-Meier liegt in den Hamburger Vier- und Marschlanden, hinterm Deich. Gewächshäuser, Felder und Wiesen, eine schöne alte Kirche und ein Ausflugslokal namens Zollenspieker Fährhaus, das schon vor 800 Jahren als Zollstation an der Elbe diente. Alles wirkt nett, gemächlich und nicht gerade aufregend. Seit Jahrzehnten wird das Leben vieler Vierländer durch Feuerwehrfeste, Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen getaktet. Zugezogene sollten sich bemühen, möglichst bald das örtliche „Veerlanner Platt“ zu lernen.

          Der Name Paddel-Meier passt perfekt in dieses bodenständige Ambiente. Und Tina und Marion Meier wirken zunächst auch eher unauffällig. Dass sie unter dem Namen „Dirt Girls“ bei Motorrad-Rallyes Pokale abräumen, dass Tina schon viermal bei der Rallye Dakar gestartet und Marion alleine mit dem Motorrad von Hamburg nach Dakar gebrettert ist – das sieht man ihnen nicht an.

          Es liegt in der Familie

          „Motorradfahren und Paddeln liegen bei uns irgendwie in der Familie“, sagt Marion Meier. „Unser Vater fährt Offroad, seit er 60 ist. Da haben wir ihn gleichsam von der Straße geholt.“ Wie ihre Schwester Tina fährt sie seit Jugendzeiten in ihrer Freizeit Motorrad. Das Kajakfahren dagegen hat sie mit der Übernahme des Bootsverleihs der Eltern zu ihrem Beruf gemacht, nach einer eher kurzen Bürosessel-Karriere als Technische Zeichnerin.

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          Tina lebt ein vordergründig noch ruhigeres Leben, sie macht als Finanzbeamtin Betriebsprüfungen. „Da habe ich eine Teilzeitstelle und arbeite 60 Prozent“, sagt sie. „Die restliche Zeit verbringe ich mit den Abenteuern, auf die ich gerade Lust habe.“

          „Unsere Familie war einfach immer unterwegs“, sagt Tina Meier. „In jeder freien Minute mit ihren Faltbooten, das war das Sonntagsvergnügen.“ Die Frauen hätten mit großer Selbstverständlichkeit Dinge getan, die als „Männersache“ galten. „Meine Großmutter väterlicherseits, die Herthas Sohn Jürgen geheiratet hat, war auch paddelnd unterwegs. Sie ist überall hingefahren mit Sack und Pack.“ Ihre andere Großmutter war sogar „Bootsmann“ auf Hamburg-Kaltehofe. „Also auch eine abenteuerlustige Frau. Sie musste an der Schleuse die Boote festbinden und an Bord mitarbeiten.“ Der dazugehörige Großvater betrieb auf der Elbinsel eine Bootswerft.

          Unerlässlich: Marion Meier betreibt einen Bootsverleih – ein Bürojob wäre nichts für sie.
          Unerlässlich: Marion Meier betreibt einen Bootsverleih – ein Bürojob wäre nichts für sie. : Bild: Lucas Wahl

          Es erscheint fast folgerichtig, dass bei so vielen „Lüt vonne Waterkant“, so vielen vom Wasser geprägten Vorfahren, in den siebziger Jahren Paddel-Meier gegründet wurde. Zunächst auf der nahe Kaltehofe liegenden Peute, die zum Stadtteil Veddel gehört. Nach der verheerenden Sturmflut 1976 und der Überschwemmung ihres neuen Bootsbetriebs zogen Marions und Tinas Eltern mit beiden Kindern in die Vierlanden. Neben dem Verleih von Kajaks bauten sie eigene Modelle, die man noch heute in der großen Bootshalle besichtigen kann – moderne Glasfaserkajaks, die die Faltboote mit Holzgerüst und Tierhautbespannung ablösten.

          Offroad-Fahren in der Sahara

          Anders als Hertha Meier fuhren die Frauen der Familie damals nicht mehr Motorrad. Dafür widmeten sie sich umso intensiver dem Paddeln. „Mit meinen Eltern haben wir ganze Urlaube auf dem Boot verbracht“, erinnert sich Tina. „Jeder nahm ein Kind mit hinein, Gepäck und Zelte. Wir konnten Fische fangen, hatten überhaupt keine Angst draußen.“ Sie seien alle recht neugierig „und dadurch auch wagemutig“, sagt die 47 Jahre alte Tina Meier. „Ich bin immer auf die höchsten Bäume geklettert und auch heruntergefallen. Wir hatten keine Angst, uns dreckig zu machen. Bei meinen Coachings in der Wüste haben einige am Anfang sogar Scheu, den Sand anzufassen.“ Diese Coachings sind Tina Meiers zweites Standbein. Mehrmals im Jahr fährt sie mit einer Gruppe Frauen in die Sahara, um dort durch Offroad-Fahren das Selbstbewusstsein der Teilnehmerinnen zu stärken – ein Nebenprodukt ihres eigenen großen Abenteuers, der Teilnahme an der Rallye Dakar.

          Zum Motorradfahren kam sie schon als Jugendliche. Damit nahm sie die Tradition ihrer Urgroßmutter auf. „Das spielte aber keine Rolle“, sagt sie. „Mein Vater hatte ein Motorrad, und ich wollte immer bei ihm mitfahren. Als ich mir mit 16 selbst eines wünschte, fanden meine Eltern das zu gefährlich. Ich bin dann heimlich gefahren.“ Heimlich machte sie auch den Führerschein und kaufte mit Anfang 20 von ihren Ersparnissen eine Yamaha XT 500. „Danach bin ich trotzdem auf den Feldwegen geblieben, als Offroad-Fahrerin. Obwohl ich ja nun offiziell auch auf die Straße gedurft hätte.“ Die XT 500 gilt als sehr geländegängig und kam auch bei der Rallye Dakar zum Einsatz. Das Rennen, das 1978 als Rallye Paris-Dakar ins Leben gerufen wurde, führte am Anfang von Frankreich nach Senegal. Danach fand es in verschiedenen südamerikanischen Ländern statt, 2020 soll es in Saudi-Arabien ausgetragen werden. Immer noch gilt die Dakar als bedeutende Langstrecken- und Wüstenrallye. Kein Wunder, dass Tina Meier früh davon träumte mitzufahren.

          Paddeln für alle: Tina und Marion Meier erklären Schülern das Kajakfahren.
          Paddeln für alle: Tina und Marion Meier erklären Schülern das Kajakfahren. : Bild: Lucas Wahl

          Zunächst begann sie mit kleineren Rallyes, zusammen mit ihrer Schwester, die ein Jahr nach ihr den Führerschein machte. Oft waren die beiden „Dirt Girls“ die einzigen Frauen. Bei der Rallye Dakar müssen Tausende Kilometer vorwiegend auf Wüstenboden bewältigt werden, gewöhnlich erreicht weniger als die Hälfte der gemeldeten Motorräder und Autos das Ziel. Die Fahrer sind fast jeden Tag unterwegs, ohne Mechanikerteam ganz auf sich gestellt. „Ich wollte unbedingt wissen, ob ich das kann. Einfach heil ins Ziel kommen“, sagt Tina Meier. „2006 war ich im Sommer bei einer Rallye mit Teams aus Holland und Belgien, die nahmen zu Trainingszwecken teil. Eigentlich fuhren sie Dakar.“ Bei der Siegerehrung erhielt Tina Meier einen Pokal. „Da haben wir immer wieder Schnaps reingefüllt und getrunken, und dann habe ich ganz lässig ein Dakar-Team gefragt, ob sie nicht auch einen Damenpokal haben wollten. Die hatten nämlich alle anderen Pokale, nur diesen nicht. Den hatte ich ja.“ Als ihr dann ernsthaft angeboten wurde, bei der Rallye Dakar mitzufahren, zögerte sie noch. „Danach hatte ich aber so eine Art Haken im Fleisch.“

          Mit Stickern verziert: Mit ihrem Motorrad gewann Tina Meier eine Dakar Rally in Argentinien
          Mit Stickern verziert: Mit ihrem Motorrad gewann Tina Meier eine Dakar Rally in Argentinien : Bild: Lucas Wahl

          Und so trat die damals 37 Jahre alte Motorradfahrerin im Jahr 2008 endlich an. Doch das Rennen wurde aus Sicherheitsgründen abgesagt. Dreimal fuhr Tina Meier in den Folgejahren mit, einmal schaffte sie es tatsächlich bis ins Ziel. Bei einem anderen Start ging ihr Motorrad kaputt, ein weiteres Mal musste sie wegen schwerer Nierenkoliken nach der zehnten Etappe abbrechen.

          Ein Leben am Schreibtisch

          Heute erzählt sie davon so locker, als hätte sie einen Schnupfen gehabt. „Wahrscheinlich hatte ich eine Nierenentzündung. Wir nehmen sowieso alle erlaubten Schmerzmittel, und da wir auf 4000 Meter Höhe waren, hatte ich auch etwas gegen Höhenkrankheit genommen. Das geht ja alles durch die Nieren.“ Sie habe wenig getrunken, da das Wasser bei Minusgraden gefroren war. „Ich musste andauernd, mir war saukalt, da kam einiges zusammen.“ Es war das letzte Mal, dass sie die Rallye fuhr.

          Die Schulden für ihre Wüstenabenteuer hat sie immer noch nicht ganz abbezahlt. Jeder Start habe etwa 80.000 Euro verschlungen. Dafür hat sie, wie sie sagt, „eine Geschichte zu erzählen, aus der man etwas lernen kann“. Die nutzt sie für ihre Coachings, Motto „Dranbleiben“. „Es gibt bei mir verschiedene Möglichkeiten. Das Motorrad ist eine davon.“ Allein schon das Halten des Motorrads helfe, Selbstbewusstsein aufzubauen. „Überall heißt es: Das große Ding ist nichts für dich.“ Aber wenn man es schaffe, traue man sich auch andere Sachen zu.

          „Mädchen werden zu Bescheidenheit und Zurückhaltung erzogen“, sagt sie. Das seien limitierende Muster, die nicht fürs Leben taugten. „Poesiealben-Sprüche bringen uns nicht weiter.“ Dass sie und ihre Schwester anders aufwuchsen, empfinden beide als großes Glück. Anders als Tina, die nie in Dakar war, ist Marion auf einer Suzuki von Hamburg in den Senegal gefahren. Einfach so aus Spaß. Wie ihre Schwester hat die 44 Jahre alte Marion Meier genügend Zeit dafür. Ihr Bootsverleih wirft als Ein-Frau-Betrieb so viel ab, dass sie und ihr Sohn gut davon leben können. Wenn die Saison vor dem Winter aufhört, erledigt sie Arbeiten wie Buchhaltung und Reparatur der Boote. Ein Leben am Schreibtisch kann sich die alleinerziehende Mutter nicht mehr vorstellen.

          Vorbild: Die Urgroßmutter der beiden Schwestern fuhr im Jahr 1927 mit dem Kajak nach Kopenhagen.
          Vorbild: Die Urgroßmutter der beiden Schwestern fuhr im Jahr 1927 mit dem Kajak nach Kopenhagen. : Bild: Lucas Wahl

          Es sei nur wenig nötig, um ein glückliches Leben zu führen, sagt Tina Meier. Zum Beispiel Mut und Unternehmungsgeist. „Unser Unterwegssein ist vielleicht eine Art Erbe“, sagt sie. „Dass man nicht darauf wartet, dass die Dinge zu einem kommen. Sondern dass man selbst aufbricht und etwas erlebt.“ Wer mit Boot, Zelt oder Motorrad auf Reisen sei, habe nicht viel dabei. „Aber du hast Begegnungen mit Menschen, sitzt abends am Lagerfeuer und isst zusammen. Das ist total schön.“

          Immer auf Tour: Marion und Tina Meier mit einer Gruppe Schülern beim Kanu-Unterricht
          Immer auf Tour: Marion und Tina Meier mit einer Gruppe Schülern beim Kanu-Unterricht : Bild: Lucas Wahl

          Eine ganz ähnliche Vorstellung eines erfüllten Daseins kann man den alten Aufzeichnungen über die Paddelreise ihrer Urgroßeltern entnehmen. „Da lag die See vor uns: ruhig, langsam atmend, im letzten Tageslicht. Ist das schön! Wie im Traum“, schrieb Willy Meier 1955 über die Fahrt an der holsteinischen Küste. „Wir paddelten weiter. Das Feuer von Pelzerhaken gab die Richtung. Ganz weit am Kimm flimmerten die Lichter wie Perlenketten.“

          Der Spaß am Ungewissen.

          Kurz zuvor hatte das Ehepaar ein Stück zu Fuß zurücklegen müssen, mit dem Kajak auf einem mitgenommenen Bootswagen. Bei Bad Oldesloe konnten die beiden in die Trave einsteigen und gelangten dann wieder paddelnd zur Ostsee. Auf der Halbinsel Fehmarn berieten sie mit einem Leuchtturmwärter die Fahrt über den Belt. Allerdings musste das Paar angesichts der rauen See noch einen Tag bis zur Weiterfahrt warten. Wie später bei ihren Urenkelinnen gehörten auch für sie Zelt und Lagerfeuer zu einer gelungenen Tour dazu. Und natürlich der Spaß am Ungewissen.

          Hohe Wellen zwangen sie am kommenden Tag wieder zur Rast – doch da hatten sie es dank harter Paddelarbeit schon bis hinter Rødby geschafft. „Der Kahn voll bis zum Rand mit Wasser, Sand, Muscheln und Tang. Nicht mal meine Frau lachte, obwohl sie von Natur sehr schadenfroh ist.“ Kurz vor der Insel Seeland mit der Stadt Kopenhagen versuchte noch ein Bauer, sie vor der gefährlichen Querung der Faxe-Bucht zu warnen. Und tatsächlich: Als der Wind drehte, verloren die beiden erstmals die Kontrolle über ihr Boot. Es war Hertha, der es gelang, das Kajak einzufangen und zu steuern.

          Ähnliche Situationen empfindet ihre Urenkelin heute teils als Antrieb. „Wenn man permanent spontan entscheiden und improvisieren muss“, sagt Tina Meier, „erlebt man das als Flow-Momente. Und es ist aufregend.“

          Dennoch genossen es die paddelnden Meiers damals, dass das letzte Stück ihrer Tour ruhig verlief. Sie machten sich ein paar schöne Tage in Kopenhagen und schipperten dann auf einem Bäderdampfer nach Hause zurück. Nebst ihrem Kajak. Das wurde einfach an Deck vertäut.

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