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Stararchitekt Charles Jencks : Mehr ist anders

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Ungewöhnlicher Garten: Die „Universe Cascade“ ist das Herzstück der Anlage. Bild: Charles Jencks

Architekt, Kulturtheoretiker und Historiker: Charles Jencks ist ein ungewöhnlicher Mann mit vielen Interessen. Eines gilt seinem nicht minder ungewöhnlichen Garten in Schottland.

          Der Anstieg ist anstrengender als erwartet. Der Schnecken-Hügel sieht nicht besonders hoch aus, doch er hat es in sich. Der Weg zieht sich spiralförmig um die grüne Kuppe, nur zweieinhalb Windungen sind es bis oben und doch eine ganz schöne Steigung. Von höchsten Punkt aber öffnet sich der Blick auf spiegelglatte Wasserflächen, einen langgezogenen Hügel gegenüber und die dahinter liegende Landschaft mit Feldern und Bäumen. Einmal um die eigene Achse gedreht, sind weiße Gebäude zu sehen und eine merkwürdig anmutende Terrasse.

          Sie ist gewölbt und aufgeteilt in helle und dunkle Felder, deren Ordnung aber nach links hin abnimmt und wild durcheinandergewürfelt endet: Ein Spielfeld, das entfernt an das Schachbrett in Lewis Carrolls „Alice hinter den Spiegeln“ denken lässt. Überhaupt erinnert der Garden of Cosmic Speculation an ein Wunderland, das entdeckt werden will. Es gibt schwarze Löcher, weiße Kaskadentreppen, rote Wege und einen Zeitgarten, den sich Carroll kaum besser hätte ausdenken können. Dieser Garten hier oben in Schottland steckt voller rätselhafter Überraschungen. Und dann läuft auch noch – zwar kein weißes Kaninchen, aber immerhin – ein Hase in gestrecktem Galopp über einen grünen Hügel.

          Zufall? Er passt nur zu gut ins Bild von der Wunderlandgeschichte. Um literarische Anspielungen geht es Charles Jencks, dem Erschaffer des Gartens, zwar nicht im Entferntesten. Doch glaubt der Architekt und Kulturtheoretiker an die Suche, an die Sehnsucht nach Bedeutung, die Menschen umtreibt. Mit Vergnügen erzählt er die Anekdote, als er einem Kritiker seinen Garten gezeigt habe und der nur meinte: „Ich verstehe hier überhaupt nichts von den wissenschaftlichen Bezügen. Aber ich habe verstanden, dass Ihr Garten ein Porträt von Margaret Thatcher ist.“

          „more is different“

          Tatsächlich: Beim Betrachten des Grundrisses lassen sich mit etwas Phantasie die markante Frisur und Perlenkette herauslesen. Reiner Zufall? „Absolut!“, sagt Jencks und lacht. „Aber das ist genau das, was die Theorie sagt.“ Denn die Theorie, die Jencks vertritt, heißt „more is different“, mehr ist anders, ein vom Physiker Philip Warren Anderson geprägter Terminus. Er besagt das Gegenteil des „less is more“ der Modernisten. „Aber damit lag Mies van der Rohe komplett falsch“, urteilt Jencks, der am Ende der Gropius-Ära Moderne Architektur in Harvard studiert hat. „Stecken Sie irgendwo mehr rein in ein System, mehr Geld, mehr Information, mehr Energie, mehr Materie, dann organisiert es sich neu. Oft komplexer. Man bekommt mehr heraus.“ Die Modernisten hätten geglaubt, das Universum sei bedeutungslos. „Alles ist ein Versehen, man sollte nichts reininterpretieren. Diesen Trend habe ich immer bekämpft.“

          Sein Garten in Portrack bei Dumfries ist so ein System, dicht gespickt mit Bedeutungen, aus denen sich tatsächlich immer neue herauslesen lassen. Der Kern sind kosmologische Ideen, Spekulationen, wie Jencks die sich über die Jahrzehnte wandelnden wissenschaftlichen Theorien nennt und mit denen er sich intensiv auseinandersetzt. Die Leidenschaft, sich mit dem Kosmos zu beschäftigen auf der Suche nach Wissen, treibe alle Lebewesen an, ist sich Jencks sicher. Er selbst versucht, Erkenntnisse aus Philosophie und Wissenschaft in der Gartenkunst in Objekte umzusetzen - sei es in seinem eigenen Garten, sei es an der Scottish National Gallery of Modern Art und im Skulpturenpark Jupiter Artland in Edinburgh oder, wie jüngst, im Crawick Multiverse, nur ein paar Kilometer von Portrack entfernt.

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