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Stararchitekt Charles Jencks : Mehr ist anders

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Faszinierende kosmische Spielereien

In jüngeren Jahren hinzugekommen ist zum Beispiel der Garten der „Scottish worthies“ an einer Eisenbahnstrecke auf seinem Grundstück, in dem die Namen von Persönlichkeiten der schottischen Aufklärung verewigt sind. Faszinierender sind jedoch die kosmischen Spielereien, zum Beispiel die Darstellung des Schwarzen Lochs durch eine optische Illusion perspektivisch verzogener Quadrate. Solche Elemente leben, ähnlich wie die polierten Strukturen der Skulpturen, von der exakten Form. Doch je schärfer die Linien, desto angreifbarer werden sie in einem Garten. Moos setzt sich an, Herbstlaub fällt, Tiere kratzen Rasen heraus. Leicht ist die Pflege nicht, selbst in einem wohlhabenden Haushalt wie dem der Familie Jencks. Zu groß sind die 120 Hektar. Doch das macht diesen Garten lebendig, sympathisch.

Alles ist besetzt mit Bedeutung, von den schmiedeeisernen Gartentoren bis hin zur Bepflanzung. Nichts ist entstanden, weil Jencks um Besuchergunst buhlt. Der Garten wirkt wie der großartige Spielplatz eines Mannes, der auch mit 77 noch so begeisterungsfähig wie ein Junge ist. Vieles wirkt genial, doch nicht alles gefällt, manches stößt sogar arg an die Grenzen des guten Geschmacks, so dass man lieber den Mantel des Schweigens darüber breiten möchte, zum Beispiel über das überdimensionale weibliche Hinterteil aus Grashügeln samt Hinweisschild „Bitte steigen Sie nicht auf den Hintern“. Möglich aber auch, dass Besucher den Garten deutlich ernster nehmen als der Hausherr selbst.

Wie andere Gärten auch, befindet sich der Garden of Cosmic Speculation stets im Wandel. Ein ehemaliger Tennisplatz zum Beispiel ist durch die umstehenden Nadelbäume zugewachsen und wird nicht mehr genutzt. Dies ist Jencks’ jüngstes Projekt, hier entsteht ein „Garten der Exaptation“, ein Begriff, der aus der Evolutionstheorie stammt. „Exaptation bedeutet Beiprodukt“, erläutert Jencks. Im Universum gebe es immer mehr als notwendig und in der Evolution nicht nur das, das durch Anpassung erklärt werden könne. „Sondern auch das, was einfach dabei war, ohne zum direkten Überleben notwendig zu sein. Auch Mathematik und Musik gehören dazu.“ Im neuen Gartenabschnitt wiederum sortiert Jencks gerade mit Clark die „Beiprodukte“, die beim Bau der Eisenbahnbrücke auf seinem Grundstück abgefallen sind. Sie wurde aus dem Material einer alten Brücke errichtet, und alles, was nicht benutzt wurde, landete zunächst als Müll in einer Ecke. Nun erhalten diese Teile ein Forum. „Alle diese Dinge sind nicht angepasst, aber trotzdem dabei“, sagt Jencks und sinniert: „Eigentlich sind Gärten an sich auch ein Beiprodukt. Denn was kann sinnloser sein als ein Garten?“

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