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Möbel von Ikea : Verbotene Liebe

  • -Aktualisiert am

Wo ist Billy? Bild: Jan Roeder

Fast jeder hat welche, aber niemand will es zugeben. Kann man bei Ikea Möbel kaufen, ohne dass man es der Wohnung gleich ansieht?

          Dreimal umgezogen ist wie einmal abgebrannt. Das Sprichwort stammt vermutlich aus der Zeit vor 1974, bevor Ikea nach Deutschland kam. Denn mit den Ikea-Möbeln geht es meist schneller: Abbauen, aufbauen - schon klemmt die Schublade, die Rückwand passt nicht mehr, das Regal kippelt. Das ist auch meistens gar nicht schlimm, denn wenn wir ehrlich sind, wollten wir die Sachen sowieso loswerden. Sieht einfach zu sehr nach Ikea aus. Außer die Kommode und das Bücherregal. Die haben den Umzug gut überstanden (weil sie aufgebaut transportiert wurden), und sehen ja auch gar nicht nach Ikea aus. „Was?“, sagt meine Freundin. „Na klar, sehen die nach Ikea aus! Aber so was von . . . !“ Und sofort beginnt der Mp3-Spieler in meinem Kopf mit seinem Lied. Rainald Grebe singt: „Respekt verdienen Menschen, die bei Ikea einkaufen / Ohne dass es nachher nach Ikea aussieht.“ Ich fühle mich ertappt.

          Immerhin bin ich nicht alleine. Grebes Lied heißt „Dreißigjährige Pärchen“ und tut ein bisschen weh, wenn man ein dreißigjähriges Pärchen ist. Also frage ich meine Freundin: „Ist der Wunsch nach Ikea-Möbeln, die nicht so aussehen, wirklich so eine Sache der Dreißigjährigen? Woher kommt das? Und gibt es solche Möbel überhaupt?“ - „Äh, weiß nicht . . ., aber du schreibst doch nicht etwa, dass wir Ikea-Möbel in der Wohnung haben?“ - „Nie im Leben!“, sage ich und beschließe, die Sache lieber mit anderen Leuten zu besprechen.

          „Wir haben viel von Ikea in der Wohnung“, sagt meine Schwester. „Aber ich finde, das fällt nicht so auf.“ Sie wähle allerdings genau aus. Auffällige Sachen gehen gar nicht. Das sei in ihrem Freundeskreis genauso. Wenn man sich bei jemandem zu Hause trifft, gibt es diesen peinlichen Moment, in dem ein Gast aus Versehen ein Möbelstück lobt, das von Ikea ist. „Woher hast du das?“ - Stille. „Das ist von Ikea!“, geht nicht einfach über die Lippen. Jedenfalls nicht mit Ausrufezeichen.

          „Da muss sich niemand mehr schämen“

          Trotzdem macht Ikea in Deutschland fast ein Siebtel seines weltweiten Umsatzes - mehr als irgendwo sonst auf der Welt. Bisher gibt es in Deutschland 50 Filialen, 70 sollen es werden. Jeder zehnte Westeuropäer, so heißt es, wurde in einem Ikea-Bett gezeugt. Das klingt nicht so, als hätte das schwedische Möbelhaus ein Image-Problem.

          Ist die verschämte Liebe zu Ikea also eine Eigenheit junger Erwachsener? „Ich glaube, das gilt für jede Altersgruppe“, sagt Petra Hölscher. Sie ist Konservatorin an der Neuen Sammlung in München. „Es gibt wohl keine Wohnung in Deutschland ohne Ikea.“ Das sagt ausgerechnet eine, die im ersten Design-Museen der Welt arbeitet. Eine Kuratorin wird doch wohl kein Billy-Regal zu Hause haben? Doch: „Als Kunsthistorikerin habe ich viele Bücher, da ist das Billy prima.“ Ein Bücherregal werde durch das definiert, was man reinstelle: „Die Bücher sagen, wer ich bin.“ Deswegen kann zum Billy-Regal auch greifen, wer sich vor Massenware fürchtet. Außerdem sei Billy längst einer der Klassiker, so wie auch das Sofa Klippan. „Da muss sich niemand mehr schämen, dass er zu Ikea gegangen ist.“

          Hölscher muss es wissen. Vor sechs Jahren hat sie an der ersten Museumsausstellung mitgearbeitet, die sich dem Design von Ikea gewidmet hat. Da ging es um das „Demokratische Design“, wie es Ikea nennt: die schöne Form für alle. Wobei diese Form viele Gesichter habe, sagt Hölscher. So gibt es unter anderem eine Linie, die sich an den schwedischen Möbeln des 18. Jahrhunderts orientiert, und von Beginn an eine praktische Linie, die in ihrer schnörkellosen Funktionalität auch auf das Bauhaus zurückgeht. Schließlich ist da noch die PS-Kollektion, zu der Ikea seit 1995 berühmte Designer einlädt, Möbel zu entwerfen.

          Da sind so gute Sachen dabei, dass Hölscher ins Schwärmen gerät: Die Stehleuchte von den Front-Gruppe - toll! „Aber so ein Kleiderschrank von Matali Crasset ist auch eine besondere Entscheidung für Ihre Wohnung.“ Mit seinem Metallgerüst mit schrill-bunten Plastikplättchen ist er von der französischen Designerin nicht zum Verschwinden entworfen worden und wird sicher nicht so oft verkauft wie Billy.

          „Ikea hat den Vorteil, dass man in einer bestimmten Lebensphase nur schwer daran vorbeikommt“, sagt Hölscher. Dann, wenn der Geldbeutel schmal und die Wohnung kahl ist. Genau das könnte der Nachteil sein: Denn wenn man sich später das eine oder andere leisten kann, fängt das Ikea-Möbel an zu stören. Zumindest wenn man Gäste hat.

          „Immer mehr zur Volksmarke“

          Etwa bei Dominic Multerer. Er hat das Buch „Marken müssen bewusst Regeln brechen, um anders zu sein“ geschrieben, er ist gefragt als Marketingexperte und Redner, aber erst 23 Jahre alt - und hat gerade seine Wohnung renoviert. Im Esszimmer steht jetzt ein massiver Holztisch, darauf ein Dekanter von WMF; von den eisernen Gardinenstangen fallen beige Schals bis zum Boden, an der Wand hängt ein abstraktes Kunstwerk auf Leinwand, und darunter stehen zwei Malm-Kommoden in Weiß. „Jetzt hast du so viele geile Dinger dahin gestellt, wieso hast du noch die Ikea-Kommoden?“, hat ihn ein Freund gefragt. Multerer lässt sie trotzdem stehen. Denn erstens „sind wir nicht alle im Geldspeicher geboren“ und zweitens falle es den meisten Besuchern nicht auf. Die achten auf den teuren Tisch. „Die Kunst ist es, die Basics zu kaufen und abzurunden.“

          Das passe auch zur Strategie, denn Ikea werde „immer mehr zur Volksmarke“, entwickele sich dabei aber ähnlich wie das Bekleidungsunternehmen H&M zu einem Lieferanten für ebenjene „Basics“: weiße und schwarze T-Shirts oder das Expedit-Regal und Kerzen. Das Geld, das man spart, steckt man dann in teures Zubehör. Teller von Ikea, Besteck von WMF. Die teure Design-Linie PS gibt es laut Multerer vor allem fürs Markenimage. „So wie Mercedes den SLS produziert, um die C-Klasse zu verkaufen.“

          Ikea versucht seinen verheimlichenden Verehrern aber auch noch auf anderem Wege entgegenzukommen. Das sieht man in der Möbelausstellung: Aufgeschlagene Bettdecken, Kaffeetassen auf dem Nachtisch, auf einer To-do-Liste steht „Geburtstagsgeschenk für Mara besorgen“ - alles sieht so echt aus, dass man sich verschämt umschaut, bevor man den Kühlschrank oder eine Schublade öffnet. Hier werden keine Möbel verkauft, sondern ganze Leben. Im Möbelhaus wird die Individualität betont, um dem Kunden darüber hinwegzuhelfen, dass er gerade das gleiche Regal kauft wie Millionen andere.

          Im Ausstellungszimmer, das einer jungen Frau gehören soll, die sich für das Thema „Wohnen“ interessiert (Termin-Liste: „Treffen der Wohnblogger“), hängen englische Spruchtafeln an der Wand: „Sie können deinen Stil imitieren, aber nicht deine Kreativität.“ Anderswo schlägt ein Hinweisschild an einem Flechtkorb vor, ihn mit weißer Farbe einzusprühen, um ihn zu „etwas Besonderem“ zu machen. Multerer findet das klug. „Wenn ich zu einem Designer gehe und sage, was kann ich denn noch alles mit deinem Möbel machen, dann zeigt der mir den Vogel.“ Ikea aber schlage den Kunden selbst vor, die Möbel zu individualisieren.

          Nur kommt die Idee nicht von Ikea, sondern von seinen Kunden. Das Bedürfnis, bei Ikea einzukaufen, ohne dass es nachher danach aussieht, ist nämlich keinesfalls auf die dreißigjährigen Pärchen in Deutschland beschränkt. Auch in Malaysia kennt man das: „Viele mögen Ikea wegen der Preise, möchten aber nicht wie in einem Ikea-Katalog leben“, sagt die Bloggerin Jules Yap, die ihr Pseudonym nach einem Stuhl von Ikea gewählt hat. Auf ihrem Blog ikeahackers.net sammelt sie Um- und Weiterbauten von Ikea-Möbeln, die ihr Menschen aus aller Welt schicken: von Malm-Kommoden mit neuen Griffen, Billy-Regalen mit Stuckleisten oder Lampen, die Hacker aus Ikea-Käsereiben gebastelt haben. 850.000 Besucher im Monat zählt der Blog. Er ist längst nicht der einzige.

          In Deutschland gibt es den Blog von Marie-Helen und Florian Hoffstaedter, aus München, die 2011 das Unternehmen Saustark Design gegründet haben. Die beiden haben sich auf neue Bezüge für alte Ikea-Sofas spezialisiert. Durch andere Stoffe, Farben oder Muster wird das Klippan oder Karstad entschärft, durch neue Schnitte manchmal sogar komplett getarnt.

          Ist es also tatsächlich möglich, ein Sofa bei Ikea zu kaufen, ohne dass es nachher so aussieht? Ja, sagen die Hoffstaedters. „Wir haben ein Sofa, bei dem wir auch noch die Holzfüße ausgetauscht haben. Da sagen selbst unsere Freunde, die wissen, wie wir unser Geld verdienen: Mensch, tolles Sofa, aber wo ist denn das von Ikea?“

          Rainald Grebe sollte ihnen also Respekt zollen. Das Ganze funktioniert natürlich nur so lange, wie Saustark moderat wächst. Sonst muss der Liedermacher eines Tages singen: „Respekt verdienen Menschen, die bei Saustark Bezüge kaufen, ohne dass es nachher nach Saustark aussieht.“

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