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Hütten auf Industriebrache : Ein Dorf mitten in London

  • -Aktualisiert am

Im Verborgenen: Der Innenhof mit Pool ist für die Nachbarn kaum einsehbar. Bild: Heiko Prigg

Bei Grundstücken, die keiner haben will, wird Architekt Henning Stummel hellhörig. Sein jüngster Fund: eine Industriebrache im Westen der Metropole, auf die er ein Hütten-Ensemble für seine Familie gebaut hat.

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          Ein verlassener Abwrackhof ohne Adresse, eingepfercht zwischen viktorianischen Reihenhäusern im Londoner Multikulti-Viertel Shepherd’s Bush – das Angebot für die Industriebrache aus einem Auktionskatalog klang alles andere als verlockend. Der deutsche Architekt Henning Stummel jedoch war trotzdem an der 450-Quadratmeter-Parzelle interessiert. Beim ersten Blick über die Umzäunung ließ er sich weder von dem verwinkelten Umriss, der kaum eine Gerade bot, noch von den vielen Fenstern der Nachbarhäuser abschrecken, die von allen Seiten freie Sicht auf das Grundstück boten.

          Dem Fünfzigjährigen gebürtigen Frankfurter, der 1993 zum Bau des Reichstags ins Büro von Norman Foster nach London kam und dann bei David Chipperfield arbeitete, bis er sich im Jahr 2000 selbständig machte, gefiel die Seitenstraße mit ihren Gründerzeithäusern. Sie wirkte wie ein Ruhepol abseits der quirligen Uxbridge Road, an der sich Take-away-Restaurants und Mini-Supermärkte von Syrern, Persern, Äthiopiern und Libanesen aneinanderreihen. Er bot den geforderten Mindestpreis, schlug einen einzigen Konkurrenten aus dem Rennen und erhielt den Zuschlag bei 450 000 Pfund (520.000 Euro) – inklusive einer Baugenehmigung für einen mittig plazierten Bungalow.

          Rost, innen wie außen: Das Farbschema ist korallenrot. Bilderstrecke

          Doch Stummel hatte andere Pläne. Schon auf den ersten Skizzen rückte er die Bebauung aus der Mitte so dicht wie möglich an die umliegenden Nachbarhäuser heran. Er wollte für sich und seine Frau Alice Dawson, eine Filmproduzentin, sowie für die Teenager-Töchter Justine und Ayesha eine Art Wohnenklave schaffen, in der sie nicht wie in einem Amphitheater von allen Seiten beäugt werden würden. „Ich habe gar nicht erst versucht, die seltsam kantige Geometrie der Grundstücksgrenzen zu begradigen, sondern habe sie als Stilmittel genutzt“, sagt er und gießt an der langen Kücheninsel eine Kanne grünen Tee auf.

          Statt eines Gebäude-Solitärs entwarf er sechs miteinander verbundene Pavillons, alle unterschiedlich groß und hoch, die er an der vor- und zurückspringenden Silhouette entlangführte. Das Ergebnis am Rechner war eine ungleichmäßige, 260 Quadratmeter große Hufeisenform, auf die er – Hütte für Hütte – Master Bedroom mit Wannenbad, Entrée, Wohnraum und -küche, Kinderzimmer mit Schlafgalerie sowie die Garage mit dem zweiten darüberliegenden Kinderzimmer verteilte und sie mit quadratischen Luken, breiten Fensterbändern und drei Eingängen zum Hof hin öffnete. Treppen, Bäder und eine Ankleide versteckte er in den breiten Übergängen zwischen den Hütten.

          Das Motiv des gemeinschaftlichen Stadtraums, um den sich Gebäude wie ein schützender Ring gruppieren, fasziniert ihn schon lange. Eingesetzt hat er das Konzept schon beim Bau einer Schule für ehemalige Kindersoldaten in Uganda und bei seinem vorigen Wohnprojekt in Camden (sein Loft „The Workshop“ gewann 2014 den RIBA London Housing Award): „Keine der Parteien dort hatte einen Privatgarten, aber jeder einen Schlüssel zum Hof“, erinnert sich der Planer. „Es war wie ein Zimmer in der Stadt, ein Außenraum für alle, in dem man sich trifft und kennenlernt. Dafür muss man nur das Potential von Räumen erkennen, die zwischen den Immobilien liegen.“

          Um die Idee auch bei seinem neuesten Bauvorhaben umsetzen zu können, brauchte er allerdings Geduld, denn es erlitt einen herben Dämpfer. Was in den Kaufunterlagen als Verdacht auf Industriekontamination angemerkt war, bewahrheitete sich. Sechs Monate lang wurde das Erdreich auf seinem Grundstück untersucht. Das Ergebnis war ein 140 Seiten langer Bericht über die mit Chemikalien, Ölen, Lacken und Metallteilen verschmutzte Halde, die man irgendwann mit einer Betonplatte bedeckt hatte. „Zum Glück reichte die Kontamination nur bis zum London Clay“, erklärt der Architekt. „Der lehmige Boden wirkt wie eine natürliche Dichtung. So konnten die Schadstoffe nicht tiefer in die Erde dringen.“ Dennoch war der Aushub mehr als einen Meter tief. Die Detox-Maßnahmen kosteten mehr als 50.000 Pfund.

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