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Hotel La Mamounia : Nationalerbe zu verkaufen

Traditionshaus: Das Hotel La Mamounia hat eine lange Geschichte. Bild: Polaris/laif

Während der Konferenz zur Unterzeichnung des UN-Migrationspakts in Marrakesch ist das legendäre Hotel La Mamounia wieder ausgebucht. Zum Entsetzen vieler Marokkaner soll es privatisiert werden.

          Angela Merkel wurde am Sonntagabend erwartet. Auch andere führende Politiker und UN-Vertreter logieren in diesen Tagen im Hotel La Mamounia. Während der Konferenz zur Unterzeichnung des UN-Migrationspakts in Marrakesch ist das Mamounia wieder ausgebucht, obwohl ein Zimmer 600 Euro und die Suite mehr als 5000 Euro kosten kann. Im fliegenden Wechsel machten Schauspieler wie Robert de Niro und Daniel Brühl nach dem Finale des Filmfestivals am Samstagabend den Politikern und Diplomaten Platz. Im gedämpften Licht der Bars und im Garten, wo gerade die Orangen geerntet werden, besprachen sie die letzten Einzelheiten des UN-Pakts.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Wer etwas auf sich hält, steigt in der marokkanischen Stadt im Mamounia ab. Es ist mehr als nur ein Fünf-Sterne-Hotel. Vor kurzem hat „Architectural Digest“ es auf seine Liste der „sieben historisch bedeutsamsten Hotels der Welt“ aufgenommen. Doch jetzt erregt das Traditionshaus aus anderen Gründen Aufsehen: Die marokkanische Regierung will das Mamounia im nächsten Jahr privatisieren. Die erhofften 300 Millionen Euro sollen dem Sozialhaushalt zugutekommen. Manche Marokkaner konnten gar nicht glauben, dass ihre Regierung das Mamounia verkaufen will, das sie mit dem Eiffelturm und dem Schloss von Versailles vergleichen; es sei untrennbar mit dem Mythos von Marrakesch verbunden und verdiene nicht den Anhang einer internationalen Hotelkette an seinen Namen.

          Warten auf Hillary Clinton 2009: Wer etwas auf sich hält, steigt in der marokkanischen Stadt im Mamounia ab.

          Tatsächlich mangelt es nicht an luxuriösen Hotels in Marrakesch. Aber für viele gehört das Mamounia zum marokkanischen Nationalerbe, wie die vielen anderen Sehenswürdigkeiten. Fast vier Millionen Besucher kamen 2018 in die Stadt am Rand des Atlas-Gebirges. Die prominentesten unter ihnen erwarten, dass die Regierung sie im Mamounia unterbringt – der orientalischen Gastfreundschaft entsprechend auf Staatskosten, was für das nordafrikanische Land teuer wurde.

          Die Rolling Stones wohnten dort ebenso wie Edith Piaf, Nelson Mandela, Tom Cruise und besonders oft Winston Churchill. Der britische Premierminister floh vor den nasskalten britischen Wintern nach Marrakesch, um dort zu malen. Während der Konferenz von Casablanca nahm er 1943 den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt zu einem Abstecher mit nach Marrakesch – „the most lovely spot in the world“, wie er die Stadt nannte. Auch nach Kriegsende stieg Churchill oft in dem Hotel ab. Abend zog er von Balkon zu Balkon, um die Sonnenuntergänge zu verfolgen, die ihn besonders faszinierten. Mehrere Bilder malte er in den weitläufigen Gartenanlagen. Das Hotel diente auch als Filmkulisse. Der amerikanische Regisseur Alfred Hitchcock drehte dort „Der Mann, der zu viel wusste“ mit Doris Day und James Stewart. Zuvor war auf dem Anwesen „Marokko“ mit Marlene Dietrich entstanden.

          Die Rolling Stones wohnten ebenso im Mamounia wie Edith Piaf, Nelson Mandela, Tom Cruise und besonders oft Winston Churchill.

          Im Vergleich zu der jahrhundertealten Oasenstadt ist das Mamounia relativ jung. Das Grundstück trägt den Namen des Prinzen Moulay Mamoun, dem vierten Sohn des Sultans Sidi Mohamed Ben Abdellah, der im 18. Jahrhundert regierte. Zu seinen Lebzeiten war es Brauch, dass der Herrscher seinen Söhnen als Hochzeitsgeschenk einen üppigen Garten und ein Haus außerhalb der Kasbah schenkte. Dort sollen Feste gefeiert worden sein, die „Tausendundeiner Nacht“ würdig waren. Im Jahr 1922 erhielten die Architekten Henri Prost und Antonio Marchisio, den Auftrag, das gleichnamige Hotel zu errichten. Die Order kam von der staatlichen Bahngesellschaft, die noch heute den größten Teil der Anteile hält. Damals fehlte ein gutes Haus in der Nähe des Bahnhofs.

          Die Architekten verbanden traditionelle marokkanische Architektur mit Art Déco. Anfangs gab es nur 50 Zimmer, heute verfügt das Haus über 137 Zimmer und 71 Suiten. 1986 und noch einmal 2010 wurde das Mamounia sanft, aber grundlegend renoviert und erhielt sein heutiges Gesicht. Das gefiel nicht allen Stammgästen. Der französische Modeschöpfer Yves Saint Laurent und sein Partner Pierre Bergé wandten sich von dem Hotel ab, dessen Bars und Restaurants sie früher gerne aufgesucht hatten. Als dort auf einmal Touristen in kurzen Hosen und Sandalen auftauchten, kamen sie nicht mehr.

          Als in den Hotel-Restaurants auf einmal Touristen in kurzen Hosen und Sandalen auftauchten, kamen Yves Saint Laurent und sein Partner Pierre Bergé nicht mehr.

          Angeblich bescherten auch die langwierigen Renovierungen in vergangenen Jahre dem Mamounia Verluste, die die Regierung darin bestärkten, zunächst einen Anteil von 51 Prozent zu verkaufen. Momentan sind die staatliche Eisenbahngesellschaft, ein vom Staat kontrollierter Investmentfonds und die Stadtverwaltung von Marrakesch die Eigentümer. Hassan II., der Vater des heutigen Königs Mohamed VI., hatte in den neunziger Jahren mit den ersten Privatisierungen begonnen. Sie brachten der Staatskasse bisher schon mehr als zehn Milliarden Euro ein. Der marokkanische König selbst wohnt in Marrakesch nicht im Mamounia. Er hat dort einen eigenen Palast. Wegen des angenehmeren Klimas verbrachte besonders Hassan II. dort so viel Zeit, dass Marrakesch zeitweise als heimliche Hauptstadt galt.

          Der UN-Migrationsgipfel dauert nur zwei Tage. Viele Staats- und Regierungschefs übernachten nicht einmal im Mamounia, sie bleiben nur ein paar Stunden. Vor 75 Jahren war das noch anders. Nach der Konferenz von Casablanca folgte Charles de Gaulle dem Beispiel Churchills und Roosevelts. Der spätere französische Staatschef gönnte sich noch ein paar Tage im Mamounia – während draußen der Weltkrieg weiter tobte.

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