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Hier pflanzte Hermann Hesse : In Dichters Garten

Ideal war die nördliche Ausrichtung des Nutzgartens nicht, doch halfen Hesse die Lage am stets besonnten Hang und der fruchtbare Boden, der sehr kalk- und mineralstoffhaltig war. Außerdem schaute sich der Gartennovize, gerade 31 Jahre alt, viel bei den Bauern in der Nachbarschaft ab, um seine Beete fruchtbar zu halten. Skeptisch gegenüber industriell hergestelltem Mineraldünger, verteilte er Gülle aus der Grube auf den Beeten und reicherte die Erde mit verschiedenen Aschen an - zu diesem Zweck brannte in Hesses Gärten meistens ein kleines Feuer. Später nahm er bei den Besuchen seines Freundes Ludwig Finckh gern den Kot seiner zwei Esel mit, um ihn dem Kompost beizumengen. Im Verwerten von Gebrauchtem hätte der Dichter heutigen Upcyclern Konkurrenz gemacht: Weil Pflastersteine und Asphalt teuer waren und er nichts anderes zur Hand hatte, befestigte Hesse den Hauptweg seines Gartens mit alten Gartenzeitschriften und überflüssigen Büchern, die er als Rezensionsexemplare von Verlagen zugeschickt bekam.

Früher waren die Wege mit Büchern befestigt, heute sind sie es mit Steinen.

Pflanzlich und literarisch fruchtbare Zeit

Später, im November 1908, kaufte er eine weitere Fläche hinzu, den sogenannten „unteren Garten“, der im Osten an das Gelände anschloss - zunächst um die Sichtachse auf den See freizuhalten. Hier pflanzte er über 30 Obstbäume, Apfel, Quitten, Birnen, Mirabellen, Zwetschgen und einen Nussbaum. Das gesamte Gelände umfasste der Schriftsteller mit einem improvisierten Zaun aus Holzpflöcken und pflanzte rundherum Setzlinge für eine Hainbuchenhecke - ein Zeichen, dass er wohl länger bleiben wollte, hätte es doch zehn Jahre gedauert, bis die Hecke groß und dicht gewesen wäre. Spätere Besitzer ließen die Hecke wachsen, die das Gelände hufeisenförmig umschließt. Auch dabei hatte Hesse sich etwas gedacht: Im halbrunden Schirm der Hecke blieb der Boden geschützt und einige Grad wärmer als außerhalb des Bogens, so dass Obst und Gemüse besonders prächtig gediehen. Im Süden und Osten sparrte er die Hecke aus, damit kein Schatten auf seine Blumenbeete fiel.

Doch Hesse blieb nicht lang genug, um die Früchte seiner Arbeit zu ernten. Nur fünf Jahre hielt der Freigeist es hier aus, bis es ihn weiterzog. Zwar war es auch literarisch eine fruchtbare Zeit: Hesse veröffentlichte 25 große Erzählungen, einige Gedichtbände und die Romane „Unterm Rad“ und „Gertrud“. Doch die bürgerliche Existenz mit Haus, Garten und Familie, arm an neuen Anregungen, begann ihn zu langweilen, die Gartenarbeit wurde ihm zunehmend zur Last: „Gaienhofen hatte sich erschöpft.“ Im September 1911 brach er zu einer Reise nach Ceylon und Indonesien auf - und vernachlässigte zunehmend seinen Garten. Kurz zuvor ließ er noch eine Laube mit nur einem Sitzplatz am äußersten Rand seines Grundstücks bauen, ein Vorbote von Distanz und Trennung. Nach seiner Rückkehr zog er mit der Familie nach Bern, einige Knollen im Gepäck - doch auch der Ortswechsel sollte Hesse und seiner Frau kein Glück bringen. Das Grundstück samt Garten verkaufte er im September 1912 an Clara Auffermann, eine Gärtnerin aus Hameln, in der Hoffnung, es möge bei ihr in guten Händen sein.

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