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Bundesgartenschau in Heilbronn : Es begann an der Küchentheke

Den Heilbronnern blüht etwas: Noch wird gebaut, wo in wenigen Tagen die Bundesgartenschau eröffnen soll. Bild: dpa

Heilbronn nutzt die Investitionen für die Bundesgartenschau, um der Stadt ein neues Gesicht zu geben. Doch die positiven Entwicklungen der einst so unattraktiven Stadt haben ihren Preis.

          Wo bald Tulpen und Rosen blühen, vertauten die Binnenschiffer früher im Winter ihre Lastkähne, wenn der Neckar zufror und nicht mehr schiffbar war. Das Gelände der Heilbronner Bundesgartenschau befindet sich zum Teil am ehemaligen Heilbronner Winterhafen. Es ist die erste Bundesgartenschau seit 1977 in Baden-Württemberg, und die Planer haben die Gartenausstellung vor allem genutzt, um die Stadtentwicklung voranzutreiben: Zur Kilianskirche in der Innenstadt sind es zu Fuß vom Buga-Gelände nur sieben Minuten. Eine Bundesstraße, auf der früher jeden Tag 30.000 Autos unterwegs waren, verlegte man, so dass das Neckarufer samt Alter Reederei wieder zugänglich ist. Die Gartenbauarbeiter renaturierten das Flussufer, legten in den alten Hafenbecken zwei neue Seen an und schufen einen neuen, 1,6 Kilometer langen „Neckaruferpark“.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Niemals zuvor wurde eine Bundesgartenschau in einem solchen Maße städtebaulich genutzt. Für die 144 Millionen Euro, die seit 2013 in der Stadt mit gut 120.000 Einwohnern für die Gartenschau verbaut worden sind, bekommt Heilbronn ein neues Stadtquartier, den Neckarbogen. Etwa zehn von international renommierten Architekten entworfene Wohnhäuser sind schon bezugsfertig, in dem Quartier sollen im Jahr 2040 bis zu 3500 Menschen wohnen. Bauherren waren auch Baugruppen und die städtische Wohnungsbaugesellschaft. Die Stadt hofft deshalb auf bezahlbare Wohnungen auf dem Buga-Gelände. Wenige Tage vor der Eröffnung haben immerhin schon 400 Mieter ihre neuen Wohnungen bezogen. Eine während der Ausstellung bewohnte Gartenschau gab es noch nie.

          Auf dem Buga-Gelände gibt es Strandkörbe, die in einem Blumenmeer stehen, einen Duftgarten und eine alte Oberleitungsfähre mit Anlegestelle. Für die Winzer aus dem Heilbronner Unterland ist ein Weinberg-Häuschen nachgebaut worden, in dem „Buga-Wein“ ausgeschenkt wird. Auf dem Gelände steht auch das höchste Holzhaus Deutschlands, und Stuttgarter Tragwerkspezialisten durften zwei filigrane Pavillons bauen. Auf dem 40 Hektar und somit 56 Fußballfelder großen Buga-Gelände sind eine Million Blumenzwiebeln gesteckt, 8000 Rosen, 1700 Pappeln als Energieholz sowie fast 1000 Bäume dauerhaft gepflanzt worden. Aus dem unwirtlichen Gewerbegebiet mit viel Schmutz, Schlamm und Schrotthalden ist ein ansehnliches Quartier geworden.

          Eine Stadt blüht auf

          Heilbronn hat trotz einer guten wirtschaftlichen Entwicklung viele Jahrzehnte gebraucht, um aus dem Dornröschenschlaf der Nachkriegszeit zu erwachen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Stadt derart zerstört, dass einige Kommunalpolitiker damals ernsthaft erwogen, die Stadt in ein paar Kilometern Entfernung vollständig neu aufzubauen. Der erste Bundespräsident Theodor Heuss, in Brackenheim geboren und in Heilbronn aufgewachsen, schrieb 1945 über die zerstörte Stadt: „Am 4. Dezember 1944 war in 25 Minuten die alte Reichsstadt und der Randbezirk des 19. Jahrhunderts ausradiert. Der herrliche Kiliansturm, auch beschädigt, ragt ungeheuer ernst und traurig über dem Elend – alle Kirchen, das prachtvolle Rathaus, sämtliche Schulen, die Commende des Deutschen Ordens, alles, alles, weg.“ Von vormals 45.000 Einwohnern lägen 5700 nun in Massengräbern.

          Bei der Vorstellung des Buga-Geländes am Donnerstag streuten Oberbürgermeister Harry Mergel (SPD) und der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl (CDU) deshalb auch knappe Bemerkungen zur Stadtgeschichte in ihre Reden ein. „Wir spüren seit Wochen eine veränderte Wahrnehmung unserer Stadt“, sagte Mergel. „Seit Januar haben wir die Technische Universität München mit dem Bildungscampus hier. Das Studienangebot reicht heute vom Bachelor bis zur Promotion. Vor ein paar Tagen ist das Science-Center Experimenta eröffnet worden.“ Man habe immer ein neues Stadtquartier gewollt, diese Kalkulation sei nun für alle aufgegangen.

          Allerdings hat auch diese positive Entwicklung ihren Preis, denn für vieles, was Heilbronn zukunftsfähig gemacht hat – wenn auch nicht für die Buga –, ist ein Mann verantwortlich: Dieter Schwarz, der Besitzer von Kaufland und Lidl, dessen Stiftung die Ansiedlung des Campus der Technischen Universität München sowie der Experimenta mitfinanziert hat. Schwarz’ Vermögen wird auf 37 Milliarden Euro geschätzt. Der Unternehmer hält sich aus der Öffentlichkeit zurück, sein Einfluss in der Stadt dürfte aber kaum zu unterschätzen sein.

          Am 17. April wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Bundesgartenschau eröffnen. Bis dahin wird Thomas Strobl, der aus Heilbronn stammt und viele Jahre im Gemeinderat der Stadt saß, noch häufig auf eine Anekdote angesprochen werden, die er auch am Donnerstag zum Besten gab: Er habe mit seiner Frau Christine Strobl an der Küchentheke die Idee gehabt, die Buga nach Heilbronn zu holen.

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