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Alles wird parfürmiert : Immer der Nase nach

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Duft-Diffusor auf dem Tisch: Immer beliebter bei den Deutschen Bild: mauritius images

Ob Bad, Bahn oder Boutique: Unsere Lebensräume werden zunehmend parfümiert. Düfte definieren das Zuhause, machen Luxusimmobilien noch teurer und lassen Allergiker verzweifeln.

          Süß wie Rosenmacarons, stechend wie Gorgonzola, froschig wie Gartenkompost: Jeder Mensch hat einen eigenen, ganz individuellen Geruch. So wie auch der Familienlabrador, die alte Fontane-Gesamtausgabe und die Kiste mit dem Altglas in der Küche. Doch den Geruch des eigenen Körpers oder Hauses mit Worten zu beschreiben, das können die wenigsten Sterblichen. Dabei ist für die meisten Menschen das Zuhause mit einem speziellen Geruch verbunden - die Heimat wird vor allen anderen Sinnen über die Nase definiert. Das hat gerade der aktuelle „Life at home Report“ des schwedischen Möbelherstellers Ikea bestätigt. Der Konzern hat für diese Studie 12.000 Menschen in zwölf Städten auf der ganzen Welt dazu befragt, was ihr Zuhause ausmacht. Überraschenderweise bestimmten die meisten Befragten ihre Wohnung über den Duft, nämlich 40 Prozent, weit vor Licht (30 Prozent), taktilen Eindrücken (22 Prozent), Geräuschen (19 Prozent) oder Geschmack (18 Prozent). Die 40 Prozent der ausgeprägten Hausnasen erklärten, ihre Wohnung habe einen ganz speziellen Duft; manche konnten ihn gut, andere aber kaum beschreiben.

          Die unter Maklern lange geltende Formel, dass der Geruch von teuren Zigarren oder offenem Kaminfeuer den subjektiven Wert des Objektes bei den Käufern erhöht, gilt heute als Kinderkram aus einem olfaktorischen Steinzeitalter. Duft ist sexy. Duft wird in Designhochschulen als Teil der Raumgestaltung gelehrt. Duft wird in Museen als Installation gezeigt, in Theatern als Teil der Inszenierung behandelt. Nicht nur in den Höhen der Luxuswelten bedurften Produktparfümeure selbstverständlich Limousinen und Spülmaschinen-Showrooms, um den Marken mittels Brand Scent eine einmalige sinnliche Erinnerung zu geben und Kunden zu binden. Auch in stinknormalen Reisebüros wurde herausgefunden, dass Sonnencreme-Duft vor allem die Verweildauer von Frauen erhöht. Und man weiß so erstaunliche Dinge, wie dass Krankenhauszimmer, in denen es nach Gurke riecht, als größer empfunden werden, als sie tatsächlich sind, und dass der Geruch eines Grills die Zimmer kleiner erscheinen lässt.

          Duft ist zu einem Element des Designs geworden, das keinen Raum braucht, aber viel Raum einnehmen und genauso prägen kann wie eine neue Farbe. Viele Menschen fasziniert das Spiel mit Düften in den eigenen vier Wänden. Kein Wohnzimmer ohne parfümierte Kerze für fünf oder fünfzig Euro, deren Etikett mentale Frische, geistiges Gleichgewicht oder gleich Frieden verspricht. Kein Gästeklo ohne Glasflache mit goldig schimmerndem Parfümöl und Holzstäbchen, die so schön ursprünglich aussehen. Die Zeiten, in denen ein schamhaft versteckter Klostein das Bad meist penetrant stinken ließ, sind vorbei.

          Hausdüfte 2.0 von „Smell Artists„ oder „Scent Designern“

          Neben den immer zahlreicheren Duft-Amateuren gibt eine neue Generation an professionellen Raumbeduftern: Sie nennen sich Smell Artists oder Scent Designer. Manche von ihnen vermarkten sich als attraktive Social-Media-Figuren, wie die New Yorkerin Dawn Goldworm, die vier Raumparfums für das gerade im Bau befindliche, 62-stöckige Luxus-Hochhaus „One Thousand Museum“ in Miami entworfen hat. Im von Zaha Hadid Architects entworfenen Wolkenkratzer sollen nach Fertigstellung unterschiedliche Raumdüfte in Lobby, Schwimmbad, Fitnessbereich und Spa über die Klimaanlage verbreitet werden. Aus den Vereinigten Staaten kommt der Trend, dass Immobilienentwickler die Beduftung von Neubauten oder großen Sanierungen gleich bei Planungsbeginn vorsehen. „Jemand, der in eine tolle Wohnung investiert, möchte totale Kontrolle über alle Details des Zuhauses haben. Der Duft soll genauso bestimmt werden wie das Muster der Fußböden, das Licht, das Küchendesign. Ich kann mit meiner Arbeit die Stimmung der verschiedenen Hausteile formen“, erklärt die 37 Jahre alte Parfümeurin, die ihr junges Unternehmen „12.29“ gemeinsam mit Zwillingsschwester Samantha führt.

          Die Bewohner des Hadid-Hauses können die Düftöle auch über die Klimaanlagen in ihren vier Wänden einsetzen oder ganz eigene Parfums kreieren lassen. Maßgeschneiderte Raumdüfte sind jedoch kein Spleen für superreiche Amerikaner. Auch in Bologna, London, Helsinki, Paris oder Berlin gibt es eine Start-up-Szene kleiner Scent-Agenturen, die Parfüms für Landhäuser, Appartements, Boote und sogar Hochzeiten entwerfen. Kostenpunkt: ab mehreren tausend Euro, aber über Preise spricht man in den Agenturen mit der Presse nur sehr ungern.

          Eine Sony-Mitarbeiterin präsentiert portable Duft-Diffusoren.

          Wie sich der Umsatz von erschwinglicheren Mittelklasse-Raumdüften im deutschsprachigen Raum in konkreten Zahlen niederschlägt, ist schwer zu ermitteln. Denn die sogenannten Interior Scents liegen in einem Schnittbereich von Kosmetikbranche, chemischer Industrie und Dekorationsunternehmen, die nicht in einem Branchenverband zusammengeschlossen sind und keine gemeinsamen Daten erheben. Klar ist jedoch: Die Zahlen gehen rasant nach oben. Die deutsche Raumduft-Marke Ipuro, die vom Geschäftsführer der Einrichtungskette „Depot“, Christian Gries, gegründet wurde, verzeichnet seit mehreren Jahren ein zweistelliges Umsatzwachstum. Der Unternehmer sieht noch großes Potential auf ausländischen Märkten und im gewerblichen Bereich, wie bei der Beduftung von Hotels. Allein im Jahr 2015 setzte Ipuro mit flüssigen Raumdüften und Duftkerzen 50 Millionen Euro um. Am besten verkaufen sich Duft-Diffuser, also mit Duftgemisch befüllte Glasflaschen, die durch darin steckende Holzstäbe über zwei bis drei Monate den Raum parfümieren.

          Neue Beduftungskonzepte für die Küche

          Die Produktdesigner suchen nun Weiterentwicklungen auf anderen Trägern wie Silikon für duftende Accessoires und denken im Rahmen von elektrischer Raumbeduftung via Kapseln über die Kombination von Parfum mit Musik über Bluetooth-Technik nach. Selbst Konzepte zur Parfümierung von aus sich selbst heraus duftenden Orten wie Küchen sollen erprobt werden, da die Kochwut der Deutschen und ihre Liebe zu repräsentativen Küchen Erfolg versprechen.

          Ob Geruch in Küche, Klo, Schlafzimmer oder Eingang - was macht ein gutes Raumparfum aus? Die französische Parfümeurin Céline Ellena, Autorin eines literarischen Parfum-Blogs und freie „Nase“ für Luxushäuser sowie internationale Handelsketten, sagt: „Der Duft des Zuhauses muss uns beruhigen und trösten wie ein Plüschbär ein Kind. Man sollte ihn pflegen und streicheln mit einem Raumparfum! Wir sind einfach zu glücklich, am Abend oder bei der Rückkehr aus den Ferien den vertrauten Hausgeruch wiederzufinden.“ Ellena rät davon ab, ein Deo für das Haus zu schaffen, das seinen natürlichen Geruch zerstört. „Man kauft neue Möbel, sucht andere Farbe für die Wände aus, aber ändert niemals völlig den Duft!“

          Auch der Berliner Parfümeur Geza Schön, Schöpfer der Independent-Linie „Escentric Molecules“, sieht Raumdüfte als wachsenden Markt, hält es jedoch für schwierig, eine Art universellen Gesamtgeruch zu entwickeln, der allen gefällt. Denn nicht alle Kunden teilten die deutsche Duftidentität mit ihrer Wurzel in den achtziger Jahren, als die Bevölkerung durch Parfums von Joop, Jil Sander und Davidoff ein Faible für süßliche Geruchsstoffe wie Cumarin und Vanillin entwickelte. „Natürlich braucht kein Mensch parfümierte Räume. Stattdessen könnte man auch sagen, dass es reicht, wenn wir alle mit einem großen Bettlaken um den Hals herumlaufen. Aber das machen wir ja auch nicht, weil es elegantere Lösungen gibt in Form von exzellenter Mode!“ Schön ist überzeugt, dass es irgendwann dazugehören wird, seinen Räumlichkeiten oder seiner Marke eine olfaktorische Identität zu verleihen. Gesundheitliche Gefahren erwartet er durch Raumbeduftung jedoch nicht. „Die Konzentration, in der die Raumgerüche unsere Nase erreichen, ist nicht höher, als wenn jemand an uns vorbeihuscht, der einen Duft trägt“, sagt der Parfümeur.

          Gesundheitliche Gefahren von Raumdüften

          Ganz anders sieht das die Sprecherin des Deutschen Allergie- und Asthmabundes (DAAB), Silvia Pleschka: „Wir bekommen eine steigende Zahl Beschwerden von Asthmatikern und Allergikern, die große Probleme mit Raumbeduftung in Verkehrsmitteln, Krankenhäusern und Hotels haben. Die zunehmende Parfümierung, auch unterhalb der Wahrnehmungsgrenze, ist für diese Menschen eine Katastrophe! Sie melden sich bei uns, da sie Kopfschmerzen, Hustenreiz und Atemnot bekommen“, sagt die Chemikerin.

          Für ihren Verband liegt das Hauptproblem darin, dass viele Menschen gar nicht wissen, ob öffentliche Räume beduftet werden, geschweige denn die Zusammensetzung der Stoffe bekanntgemacht werden. Duftstoffe für den Raum fallen nicht unter die strengere Gesetzgebung für Kosmetikprodukte, sondern ihr Einsatz ist im Lebensmittel- und Futtermittelgesetz national geregelt, das besagt, dass von diesen Produkten keine Gefährdung für die menschliche Gesundheit ausgehen darf. In der EU unterliegen Duftstoffe den Regelungen der Chemikalienverordnung „Reach“. Das Umweltbundesamt informiert in seinem aktuellen „Ratgeber Duftstoffe“ über gesundheitliche Aspekte und weist darauf hin, dass es vor allem Kontaktallergien geben kann. Die Inhalation von Duftstoffen in der Umgebungsluft würde nur in den seltensten Fällen Allergien hervorrufen. Allerdings seien Unverträglichkeiten in Form von Aversionen, Kopfschmerz und Unwohlsein möglich. Das Umweltbundesamt nimmt grundsätzlich eine klare Position gegen die Beduftung von öffentlichen Räumen ein und lehnt Duftmarketing ab.

          Genug gebastelt: Elphilharmonie bleibt clean

          Abgesehen von diesen Warnungen parfümieren auch Verkehrsbetriebe ihre Luft. Schon seit den neunziger Jahren wird in der Pariser Metro der Duft „Madeleine“ eingesetzt, pro Jahr sind es viele Tonnen Parfumstoff, die sich in Gängen und auf Bahnsteigen entfalten. Denn sauber und sicher soll es in der Unterwelt riechen, nicht nach Pipi und nassem Beton. Auch Hamburg hat gerade sein Madeleine-Experiment gewagt, doch das ging schief: So wurden in der Hamburger S-Bahn im November 2016 in zwei von 164 Kurzzügen Duftkartuschen der Firma „Scentcommunication“ mit den Noten „Energize“ und „Relax“ getestet. Mit Aufklebern im Zug wurden die Bahnfahrer informiert und zum Online-Feedback aufgerufen. Für das Gel lag eine Unbedenklichkeitsbescheinigung vor. Doch nach kurzer Zeit beschwerten sich Passagiere über Hustenreiz, und der Deutsche Allergiker- und Asthmabund schaltete sich ein. Die Deutsche Bahn sah sich gezwungen, das Experiment abzubrechen. Laut Bahn war der Duft intern mit Mitarbeitern getestet und mehrere Monate in den Büroräumen der S-Bahn Hamburg erprobt worden.

          Ganz und gar pur bleibt jedoch das bekannteste neue Bauwerk Deutschlands, das im Januar 2017 eingeweiht wird: „Für die Elbphilharmonie gibt es kein Duftkonzept, mit der Ausnahme, dass die Architekten sehr bewusst Öffnungen in die Glasfassade eingebaut haben, damit man die Geräusche, den Wind und die Gerüche von der Außenwelt in die Zimmer lassen kann - wenn man das will“, erklärt der Sprecher der Hamburger Kulturbehörde, Enno Isermann. So darf man gespannt sein, wie Menschen auf die Mischung von Elgar und Elbe reagieren werden. Und ob die nächste Generation weiterhin so geruchsaffin bleibt, ist abzuwarten, denn Smartphone, Tablet und PC scheinen die neue Verlängerung unserer Sinne zu werden: Laut der aktuellen Ikea-Home-Studie würden 53 Prozent der Menschen im Alter von 16 bis 22 Jahren und 48 Prozent der Befragten im Alter von 23 bis 30 Jahren ihren Geruchssinn aufgeben, wenn sie dafür eines ihrer elektronischen Geräte behalten könnten. Vielleicht brauchen sie für ihr Zuhause auch keine Nase. Denn das Internet hat keinen Geruch.

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