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Alles wird parfürmiert : Immer der Nase nach

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Gesundheitliche Gefahren von Raumdüften

Ganz anders sieht das die Sprecherin des Deutschen Allergie- und Asthmabundes (DAAB), Silvia Pleschka: „Wir bekommen eine steigende Zahl Beschwerden von Asthmatikern und Allergikern, die große Probleme mit Raumbeduftung in Verkehrsmitteln, Krankenhäusern und Hotels haben. Die zunehmende Parfümierung, auch unterhalb der Wahrnehmungsgrenze, ist für diese Menschen eine Katastrophe! Sie melden sich bei uns, da sie Kopfschmerzen, Hustenreiz und Atemnot bekommen“, sagt die Chemikerin.

Für ihren Verband liegt das Hauptproblem darin, dass viele Menschen gar nicht wissen, ob öffentliche Räume beduftet werden, geschweige denn die Zusammensetzung der Stoffe bekanntgemacht werden. Duftstoffe für den Raum fallen nicht unter die strengere Gesetzgebung für Kosmetikprodukte, sondern ihr Einsatz ist im Lebensmittel- und Futtermittelgesetz national geregelt, das besagt, dass von diesen Produkten keine Gefährdung für die menschliche Gesundheit ausgehen darf. In der EU unterliegen Duftstoffe den Regelungen der Chemikalienverordnung „Reach“. Das Umweltbundesamt informiert in seinem aktuellen „Ratgeber Duftstoffe“ über gesundheitliche Aspekte und weist darauf hin, dass es vor allem Kontaktallergien geben kann. Die Inhalation von Duftstoffen in der Umgebungsluft würde nur in den seltensten Fällen Allergien hervorrufen. Allerdings seien Unverträglichkeiten in Form von Aversionen, Kopfschmerz und Unwohlsein möglich. Das Umweltbundesamt nimmt grundsätzlich eine klare Position gegen die Beduftung von öffentlichen Räumen ein und lehnt Duftmarketing ab.

Genug gebastelt: Elphilharmonie bleibt clean

Abgesehen von diesen Warnungen parfümieren auch Verkehrsbetriebe ihre Luft. Schon seit den neunziger Jahren wird in der Pariser Metro der Duft „Madeleine“ eingesetzt, pro Jahr sind es viele Tonnen Parfumstoff, die sich in Gängen und auf Bahnsteigen entfalten. Denn sauber und sicher soll es in der Unterwelt riechen, nicht nach Pipi und nassem Beton. Auch Hamburg hat gerade sein Madeleine-Experiment gewagt, doch das ging schief: So wurden in der Hamburger S-Bahn im November 2016 in zwei von 164 Kurzzügen Duftkartuschen der Firma „Scentcommunication“ mit den Noten „Energize“ und „Relax“ getestet. Mit Aufklebern im Zug wurden die Bahnfahrer informiert und zum Online-Feedback aufgerufen. Für das Gel lag eine Unbedenklichkeitsbescheinigung vor. Doch nach kurzer Zeit beschwerten sich Passagiere über Hustenreiz, und der Deutsche Allergiker- und Asthmabund schaltete sich ein. Die Deutsche Bahn sah sich gezwungen, das Experiment abzubrechen. Laut Bahn war der Duft intern mit Mitarbeitern getestet und mehrere Monate in den Büroräumen der S-Bahn Hamburg erprobt worden.

Ganz und gar pur bleibt jedoch das bekannteste neue Bauwerk Deutschlands, das im Januar 2017 eingeweiht wird: „Für die Elbphilharmonie gibt es kein Duftkonzept, mit der Ausnahme, dass die Architekten sehr bewusst Öffnungen in die Glasfassade eingebaut haben, damit man die Geräusche, den Wind und die Gerüche von der Außenwelt in die Zimmer lassen kann - wenn man das will“, erklärt der Sprecher der Hamburger Kulturbehörde, Enno Isermann. So darf man gespannt sein, wie Menschen auf die Mischung von Elgar und Elbe reagieren werden. Und ob die nächste Generation weiterhin so geruchsaffin bleibt, ist abzuwarten, denn Smartphone, Tablet und PC scheinen die neue Verlängerung unserer Sinne zu werden: Laut der aktuellen Ikea-Home-Studie würden 53 Prozent der Menschen im Alter von 16 bis 22 Jahren und 48 Prozent der Befragten im Alter von 23 bis 30 Jahren ihren Geruchssinn aufgeben, wenn sie dafür eines ihrer elektronischen Geräte behalten könnten. Vielleicht brauchen sie für ihr Zuhause auch keine Nase. Denn das Internet hat keinen Geruch.

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