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Alles wird parfürmiert : Immer der Nase nach

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Die Bewohner des Hadid-Hauses können die Düftöle auch über die Klimaanlagen in ihren vier Wänden einsetzen oder ganz eigene Parfums kreieren lassen. Maßgeschneiderte Raumdüfte sind jedoch kein Spleen für superreiche Amerikaner. Auch in Bologna, London, Helsinki, Paris oder Berlin gibt es eine Start-up-Szene kleiner Scent-Agenturen, die Parfüms für Landhäuser, Appartements, Boote und sogar Hochzeiten entwerfen. Kostenpunkt: ab mehreren tausend Euro, aber über Preise spricht man in den Agenturen mit der Presse nur sehr ungern.

Eine Sony-Mitarbeiterin präsentiert portable Duft-Diffusoren.

Wie sich der Umsatz von erschwinglicheren Mittelklasse-Raumdüften im deutschsprachigen Raum in konkreten Zahlen niederschlägt, ist schwer zu ermitteln. Denn die sogenannten Interior Scents liegen in einem Schnittbereich von Kosmetikbranche, chemischer Industrie und Dekorationsunternehmen, die nicht in einem Branchenverband zusammengeschlossen sind und keine gemeinsamen Daten erheben. Klar ist jedoch: Die Zahlen gehen rasant nach oben. Die deutsche Raumduft-Marke Ipuro, die vom Geschäftsführer der Einrichtungskette „Depot“, Christian Gries, gegründet wurde, verzeichnet seit mehreren Jahren ein zweistelliges Umsatzwachstum. Der Unternehmer sieht noch großes Potential auf ausländischen Märkten und im gewerblichen Bereich, wie bei der Beduftung von Hotels. Allein im Jahr 2015 setzte Ipuro mit flüssigen Raumdüften und Duftkerzen 50 Millionen Euro um. Am besten verkaufen sich Duft-Diffuser, also mit Duftgemisch befüllte Glasflaschen, die durch darin steckende Holzstäbe über zwei bis drei Monate den Raum parfümieren.

Neue Beduftungskonzepte für die Küche

Die Produktdesigner suchen nun Weiterentwicklungen auf anderen Trägern wie Silikon für duftende Accessoires und denken im Rahmen von elektrischer Raumbeduftung via Kapseln über die Kombination von Parfum mit Musik über Bluetooth-Technik nach. Selbst Konzepte zur Parfümierung von aus sich selbst heraus duftenden Orten wie Küchen sollen erprobt werden, da die Kochwut der Deutschen und ihre Liebe zu repräsentativen Küchen Erfolg versprechen.

Ob Geruch in Küche, Klo, Schlafzimmer oder Eingang - was macht ein gutes Raumparfum aus? Die französische Parfümeurin Céline Ellena, Autorin eines literarischen Parfum-Blogs und freie „Nase“ für Luxushäuser sowie internationale Handelsketten, sagt: „Der Duft des Zuhauses muss uns beruhigen und trösten wie ein Plüschbär ein Kind. Man sollte ihn pflegen und streicheln mit einem Raumparfum! Wir sind einfach zu glücklich, am Abend oder bei der Rückkehr aus den Ferien den vertrauten Hausgeruch wiederzufinden.“ Ellena rät davon ab, ein Deo für das Haus zu schaffen, das seinen natürlichen Geruch zerstört. „Man kauft neue Möbel, sucht andere Farbe für die Wände aus, aber ändert niemals völlig den Duft!“

Auch der Berliner Parfümeur Geza Schön, Schöpfer der Independent-Linie „Escentric Molecules“, sieht Raumdüfte als wachsenden Markt, hält es jedoch für schwierig, eine Art universellen Gesamtgeruch zu entwickeln, der allen gefällt. Denn nicht alle Kunden teilten die deutsche Duftidentität mit ihrer Wurzel in den achtziger Jahren, als die Bevölkerung durch Parfums von Joop, Jil Sander und Davidoff ein Faible für süßliche Geruchsstoffe wie Cumarin und Vanillin entwickelte. „Natürlich braucht kein Mensch parfümierte Räume. Stattdessen könnte man auch sagen, dass es reicht, wenn wir alle mit einem großen Bettlaken um den Hals herumlaufen. Aber das machen wir ja auch nicht, weil es elegantere Lösungen gibt in Form von exzellenter Mode!“ Schön ist überzeugt, dass es irgendwann dazugehören wird, seinen Räumlichkeiten oder seiner Marke eine olfaktorische Identität zu verleihen. Gesundheitliche Gefahren erwartet er durch Raumbeduftung jedoch nicht. „Die Konzentration, in der die Raumgerüche unsere Nase erreichen, ist nicht höher, als wenn jemand an uns vorbeihuscht, der einen Duft trägt“, sagt der Parfümeur.

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