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Gregor Mendel : Bis zur letzten Hülse

Ein Porträt des Mönchs als junger Mann: Denkmal Gregor Mendels im Garten seiner Abtei. Bild: Berthold Steinhilber/laif

Vor 150 Jahren veröffentlichte Gregor Mendel seine Vererbungsregeln. Ein Besuch im Klostergarten, in dem bis heute Erbsen blühen.

          Die Invasoren in Gregor Mendels Garten sind längst keine Exoten mehr. Weder die amerikanischen Touristen, die vor dem „Café Mendel“ sitzen und Kaffee und Kuchen genießen, noch die Pflanzen, die im späten 19. Jahrhundert aus tropischen Gefilden nach Europa eingewandert sind. Sie wurden seither so oft gekreuzt und dadurch genetisch verändert, dass es inzwischen ungezählte Hybriden gibt.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Was aber würde wohl Gregor Mendel dazu sagen, dass vor seiner Abtei nun einen Sommer lang die ihm damals noch unbekannten rot- und weißblühenden Eisbegonien in Reih und Glied stehen? Wenigstens säen die Gärtnerinnen an diesem warmen Tag im Mai ein paar Meter weiter auch einige Erbsen. Das scheint unvermeidbar, schließlich kommen die Besucher von weit her, um mehr über den Mann zu erfahren, der mit seinen Erkenntnissen, die er den Hülsenfrüchten und ihren Blüten verdankt, Generationen von Schülern quälte.

          Das Erbe Gregor Mendels

          Mit den knapp sechs Quadratmetern Beet, die man den Erbsen in diesem Jahr vor der Tür des Klosters einräumt, hätte Mendel wenig anfangen können. „Damals muss er fast den ganzen Garten genutzt haben“, ist sich Ondrej Dostál sicher. Der Direktor des Mendel-Museums hat versucht herauszufinden, wie viele der Nutzpflanzen der Naturforscher damals insgesamt bei seinen Feldversuchen verbrauchte. „Es müssen mindestens 13.000 im Laufe der acht Jahre gewesen sein.“ Wahrscheinlich waren es sogar 27.000 und mehr Zöglinge, um die sich der Augustinermönch täglich mehrere Stunden kümmerte.

          Ondrej Dostál ist eigentlich Geologe und Paläontologe sowie Vorsitzender des Vereins der Museen und Galerien in der Tschechischen Republik. Erst seit er auch noch zuständig für das Erbe Gregor Mendels in Brünn (Brno) ist, kann er seinen Besuchern die „Mendelschen Regeln“ bis ins Detail erklären. Vor 150 Jahren hatte Mendel die Ergebnisse seiner Erbsenstudien in der Schrift „Versuche über Pflanzen-Hybriden“ zusammengefasst. Das wertvolle Dokument kann Direktor Dostál nur ausnahmsweise aus seinem Büro holen und im Original zeigen, weil sein Museum in der alten Abtei bis Ende Juli noch umgebaut wird und viele Exponate, darunter auch das kostbare Mikroskop Mendels, zur Zeit nicht in Vitrinen stehen.

          Wie Mendels Forschung politisch ausgelegt wurde

          Noch als Abiturient hat Dostál sich um die komplizierte Materie herumgedrückt, im Fach Biologie eine Frage zu Mendel und seiner Genetik lieber ausgelassen und sich stattdessen der Systematik von Reptilien gewidmet. Ähnlich geht es bis heute seinen Gästen, die meist nach wenigen Sätzen genug vom dominant-rezessiven Erbgang haben, mit dem zum Beispiel erklärt werden kann, warum rot- und weißblühende Erbsen, wenn man sie kreuzt, in erster Generation nur rotblühende Töchter haben, in der nächsten sich die rezessiven weißblühenden Enkel dann aber doch langsam durchsetzen. Spätestens wenn Magister Dostál bei seinem Rundgang dann über Homozygotie und Haplodie spricht, steigen die Freizeitgenetiker aus.

          Das Mikroskop des Gregor Mendel: Ondøej Dostál, Direktor des Mendel-Museums in Brünn, mit der kostbaren Sehhilfe.

          Viel interessanter erscheinen den Touristen die politischen Verwicklungen, für die Mendel und seine Lehren im 20. Jahrhundert sorgten. In seiner Heimat, meint Dostál, sei Mendels Werk lange verleugnet worden und darum auch weniger bekannt. 85 Prozent der etwa 15.000 Museumsbesucher im Jahr kämen deshalb aus dem Ausland. Schuld daran ist vor allem Josef Stalin, der nach dem Zweiten Weltkrieg das Werk des lange schon verstorbenen Augustiners verbannte. „Mendel war Deutscher, Mönch und Genetiker“, sagt Dostál. „Das war für die Sowjets gleich ein dreifacher Grund, gegen ihn vorzugehen.“

          Vom Mendel-Dankmal verschwand die Inschrift

          Der führende Biologe der UdSSR, Trofim Denissowitsch Lyssenko, lehnte die Existenz von Genen ab und damit die Erkenntnisse von Genetikern wie Mendel, Charles Darwin, August Weismann und Thomas Hunt Morgan. Lyssenko glaubte, dass erworbene Eigenschaften vererbt würden. Die Mendelschen Regeln wurden verboten, selbst in Brünn sollte die Erinnerung an den berühmten Mann getilgt werden. Die Stalinisten verjagten daher 1950 nicht nur die Augustiner aus ihrem Kloster. (Erst 1989, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, bekamen sie die heruntergekommenen Gebäude zurück.) Auch ein Mendel zu Ehren gestiftetes Denkmal, das seit 1910 auf dem Platz vor dem Kloster gestanden hatte, wurde abgebaut und hinter den Mauern seiner Abtei verborgen.

          Dort, im Garten, steht es noch heute. Den Auftrag für das mehr als lebensgroße Werk hatte der Wiener Bildhauer Theodor Charlemont bekommen. Es zeigt den jungen Priester im einfachen Ordenshabit vor rankenden Erbsen. Am Sockel reichen sich zwei nackte Kniende, ein Junge und ein Mädchen, ihre rechten Hände. Der Reliefschmuck deute „in zarter Allegorie die große allgemeine, auch auf das menschliche Leben sich erstreckende Bedeutung der Mendelschen Vererbungsgesetze aus“, heißt es in einer 1924 in Prag veröffentlichten Biographie. Auf dem Sockel stand damals noch zu lesen: „Dem Naturforscher P. Gregor Mendel 1822 -1884. Errichtet 1910 von Freunden der Wissenschaft.“ Die Inschrift wurde später verkürzt, der Naturforscher, der Pater und die Freunde der Wissenschaft wurden gestrichen. Irgendwann verschwand selbst der schlichte Schriftzug „Gregor Mendel 1822 -1884“.

          Mendel kam erst spät zu verdienter Ehre

          Auch Mendels Garten erlebte einen Bilder sturm - und das schon kurz nach seinem Tod. Anselm Rambousek, der ihm 1868 bei der Wahl zum Abt unterlegen war und ihm nun, 1884, als Souverän über die Abtei folgte, ließ das Gewächshaus abreißen. Nur eine Kiesfläche, auf der heute Kinder spielen, erinnert noch an den gläsernen Bau, in dem Mendel mit Messer und Pinsel die Blüten zu öffnen pflegte, um sie zu bestäuben. Mit Besuchern scherzte er: „Meine Aufgabe ist eben zu kopulieren.“ Rambousek vernichtete auch Briefe sowie persönliche und wissenschaftliche Aufzeichnungen seines einstigen Rivalen.

          „Versuche über Pflanzen-Hybriden“: Original der Mendelschen Regeln, veröffentlicht 1866.

          Für die Mendel-Forschung ist das eine Katastrophe, und es ist auch eine Erklärung dafür, dass erst im frühen 20. Jahrhundert die „Mendelschen Gesetze“ und mit ihnen der „Vater der Genetik“ wieder entdeckt wurden. Unverstanden allerdings fühlte sich Mendel schon zu Lebzeiten. Seine „Versuche über Pflanzen-Hybriden“ stießen kaum auf Interesse. Von ihm ist der Satz überliefert: „Meine Zeit wird noch kommen!“ Nur 13 von ihm veröffentlichte Artikel sind erhalten, alleine neun beschäftigen sich mit Meteorologie. Mendel war, nachdem er seine Erbsenversuche zwischen 1856 und 1863 abgeschlossen hatte, ein begeisterter Atmosphärenforscher. Unter anderem gelang es ihm am 13. Oktober 1870, einen Tornado in Brünn zu beobachten. Drei Wochen später hielt er einen Vortrag über den Wirbelwind, lange bevor Alfred Wegener eine Luftwirbel-Definition zu Papier brachte, und veröffentlichte seine Erkenntnisse in den „Verhandlungen des naturforschenden Vereines in Brünn“.

          Vom Ziel, Bienen ohne Stacheln zu züchten

          Heute findet sich im hinteren Teil des Klostergartens wieder eine kleine Wetterstation. Sie steht dort, wo einst die Orangerie, Mendels „Gartensalon“, an die Mauern der Klosterbrauerei stieß. In der Orangerie hielt sich der Abt besonders gerne auf und empfing Gäste. 1972 brannte sie nieder und wurde trotz vieler Bestrebungen wohlmeinender Brünner Bürger nicht wieder aufgebaut. Für 30 Kronen (1,20 Euro) lässt sich das Bienenhaus besichtigen, das Gregor Mendel weit abseits der eigentlichen Abtei 1871 errichten ließ. 15 Bienenstöcke fanden in ihm Platz. Es sei nicht auszuschließen, dass er an seinen Bienen auch die Ergebnisse seiner Pflanzenstudien erproben wollte, heißt es im Kloster.

          Unverkennbar Mendels Garten: Blick auf die Abtei St. Thomas in Alt Brünn, gegründet 1323 als Zisterzienserinnenkloster „Aula Sanctae Mariae“ von Königin Elisabeth, der Witwe Rudolfs von Habsburg.

          Tatsächlich widmete er sich auch hier „dem Kopulieren“, aber mit wenig Erfolg für den Honig-Ertrag. Ihm soll es auch gelungen sein, ein stachelloses Volk heranzuzüchten, das umgehend von einem Volk mit Stachel ausgerottet wurde. „Wichtig ist, dass jeder Bienenzüchter etwas ausprobiert, was mit der Bienenzucht in Verbindung steht, da man nur auf diesem Wege zu nützlichen Erkenntnissen gelangen kann“, schrieb Mendel 1875 in der Zeitschrift „Die Honigbiene von Brünn“, einem „Organ der Bienenfreunde in Mähren und Oester. Schlesien“.

          Mendel war nicht ohne Hintergedanken in die Augustinerabtei nach Brünn geholt worden. Er sollte dort genau solche Untersuchungen betreiben. Der mährische Ort war im 18. Jahrhundert zu Reichtum gelangt, da Kaiserin Maria Theresia in Brünn den Stoff für die Uniformen ihrer Soldaten herstellen ließ. Die Industriellen in „Österreichs Manchester“, wie Brünn wegen seiner Textilproduktion genannt wurde, investierten schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts viel in die Forschung, mit der sie den landwirtschaftlichen Ertrag auf ihren Gütern erhöhen wollten.

          Mendel stammt aus armen Verhältnissen

          Mit gewinnbringenden Ergebnissen, die die „Mährisch-Schlesische Gesellschaft zur Beförderung des Ackerbaues, der Naturund Landeskunde“ regelmäßig veröffentlichte. Experimentiert wurde zum Beispiel mit den Samen verschiedener Kleearten, mit Frühkartoffeln, aber auch mit Bienen. Langjähriges Mitglied der Gesellschaft und ihr späterer Direktor war Franz Napp (1792 bis 1867), der als Augustiner den Ordensnamen Cyrill trug. Napp, seit 1824 Abt des Alt-Brünner Stiftes, war es auch, der den hochbegabten Johann Mendel 1843 als Novizen ins Kloster holte. Dort sollte der 1822 in Heinzendorf (Hyncice) geborene Bauernsohn landwirtschaftliche Untersuchungen anstellen.

          Es ist bis heute umstritten, warum Johann Mendel, der sich den Ordensnamen Gregor zulegte, Mönch und Priester geworden ist. Seine Eltern waren arm. Nur unter widrigsten Umständen und mit Unterstützung seiner Schwestern konnte der einzige Sohn den ihm vorgezeichneten Weg verlassen und studieren. Er selbst schrieb in seiner in der dritten Person verfassten Biographie: „Mit dem Aufwande aller seiner Kräfte gelang es demselben, die beiden Jahrgänge der Philosophie zu absolviren.“ Danach habe er sich gezwungen gesehen, „in einen Stand zu treten, der ihn von den bitteren Nahrungssorgen befreite. Seine Verhältnisse entschieden seine Standeswahl.“

          Direktor Dostál bezweifelt, dass Mendel dem Kloster nur beitrat, um sich seiner materiellen Sorgen zu entledigen. „Mendel muss mit ganzem Herzen Ordensmann gewesen sein.“ Zudem ließ er sich 1868 sogar zum Abt wählen, was bedeutete, dass er viel weniger Zeit für seine Studien hatte. Dostál ist davon überzeugt, dass die große Verantwortung und nicht zuletzt der Streit mit den Behörden um eine Klostersteuer, die das reiche Stift arg beutelte, zum frühen Tod Mendels mit 61 Jahren beitrugen.

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