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Gregor Mendel : Bis zur letzten Hülse

Ein Porträt des Mönchs als junger Mann: Denkmal Gregor Mendels im Garten seiner Abtei. Bild: Berthold Steinhilber/laif

Vor 150 Jahren veröffentlichte Gregor Mendel seine Vererbungsregeln. Ein Besuch im Klostergarten, in dem bis heute Erbsen blühen.

          6 Min.

          Die Invasoren in Gregor Mendels Garten sind längst keine Exoten mehr. Weder die amerikanischen Touristen, die vor dem „Café Mendel“ sitzen und Kaffee und Kuchen genießen, noch die Pflanzen, die im späten 19. Jahrhundert aus tropischen Gefilden nach Europa eingewandert sind. Sie wurden seither so oft gekreuzt und dadurch genetisch verändert, dass es inzwischen ungezählte Hybriden gibt.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Was aber würde wohl Gregor Mendel dazu sagen, dass vor seiner Abtei nun einen Sommer lang die ihm damals noch unbekannten rot- und weißblühenden Eisbegonien in Reih und Glied stehen? Wenigstens säen die Gärtnerinnen an diesem warmen Tag im Mai ein paar Meter weiter auch einige Erbsen. Das scheint unvermeidbar, schließlich kommen die Besucher von weit her, um mehr über den Mann zu erfahren, der mit seinen Erkenntnissen, die er den Hülsenfrüchten und ihren Blüten verdankt, Generationen von Schülern quälte.

          Das Erbe Gregor Mendels

          Mit den knapp sechs Quadratmetern Beet, die man den Erbsen in diesem Jahr vor der Tür des Klosters einräumt, hätte Mendel wenig anfangen können. „Damals muss er fast den ganzen Garten genutzt haben“, ist sich Ondrej Dostál sicher. Der Direktor des Mendel-Museums hat versucht herauszufinden, wie viele der Nutzpflanzen der Naturforscher damals insgesamt bei seinen Feldversuchen verbrauchte. „Es müssen mindestens 13.000 im Laufe der acht Jahre gewesen sein.“ Wahrscheinlich waren es sogar 27.000 und mehr Zöglinge, um die sich der Augustinermönch täglich mehrere Stunden kümmerte.

          Ondrej Dostál ist eigentlich Geologe und Paläontologe sowie Vorsitzender des Vereins der Museen und Galerien in der Tschechischen Republik. Erst seit er auch noch zuständig für das Erbe Gregor Mendels in Brünn (Brno) ist, kann er seinen Besuchern die „Mendelschen Regeln“ bis ins Detail erklären. Vor 150 Jahren hatte Mendel die Ergebnisse seiner Erbsenstudien in der Schrift „Versuche über Pflanzen-Hybriden“ zusammengefasst. Das wertvolle Dokument kann Direktor Dostál nur ausnahmsweise aus seinem Büro holen und im Original zeigen, weil sein Museum in der alten Abtei bis Ende Juli noch umgebaut wird und viele Exponate, darunter auch das kostbare Mikroskop Mendels, zur Zeit nicht in Vitrinen stehen.

          Wie Mendels Forschung politisch ausgelegt wurde

          Noch als Abiturient hat Dostál sich um die komplizierte Materie herumgedrückt, im Fach Biologie eine Frage zu Mendel und seiner Genetik lieber ausgelassen und sich stattdessen der Systematik von Reptilien gewidmet. Ähnlich geht es bis heute seinen Gästen, die meist nach wenigen Sätzen genug vom dominant-rezessiven Erbgang haben, mit dem zum Beispiel erklärt werden kann, warum rot- und weißblühende Erbsen, wenn man sie kreuzt, in erster Generation nur rotblühende Töchter haben, in der nächsten sich die rezessiven weißblühenden Enkel dann aber doch langsam durchsetzen. Spätestens wenn Magister Dostál bei seinem Rundgang dann über Homozygotie und Haplodie spricht, steigen die Freizeitgenetiker aus.

          Das Mikroskop des Gregor Mendel: Ondøej Dostál, Direktor des Mendel-Museums in Brünn, mit der kostbaren Sehhilfe.

          Viel interessanter erscheinen den Touristen die politischen Verwicklungen, für die Mendel und seine Lehren im 20. Jahrhundert sorgten. In seiner Heimat, meint Dostál, sei Mendels Werk lange verleugnet worden und darum auch weniger bekannt. 85 Prozent der etwa 15.000 Museumsbesucher im Jahr kämen deshalb aus dem Ausland. Schuld daran ist vor allem Josef Stalin, der nach dem Zweiten Weltkrieg das Werk des lange schon verstorbenen Augustiners verbannte. „Mendel war Deutscher, Mönch und Genetiker“, sagt Dostál. „Das war für die Sowjets gleich ein dreifacher Grund, gegen ihn vorzugehen.“

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