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Vermächtnis von Christian Dior : Der Garten des Modeschöpfers

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Der sanfte Rosaton der Villa ist auch in der Mode Diors Lieblingsfarbe geblieben. Bild: Reuters

Christian Dior verbrachte seine ersten Lebensjahre in einer Villa am Meer. Die Blumenpracht des Gartens prägt seine Kreationen noch heute.

          Es sind die Eindrücke der Kindheit, die uns nachhaltig prägen. So war es auch bei Christian Dior. Der Garten seiner Kinder- und Jugendjahre in Granville in der Normandie hinterließ intensive, charakteristische Spuren in seinen genialen Kreationen. Dem kleinen Christian erschien dieser Garten wie das Paradies. Dort inhalierte er die Sinnlichkeit von Blumen, ihre Farben, Formen und Düfte, um sie später in glamourösen Roben und Parfüms zu verewigen. Der Couturier, der mit dem „New Look“ zum Star wurde, die Mode revolutionierte und Mitte des 20. Jahrhunderts als berühmtester Modeschöpfer der Welt galt, wurde bei seinen Schöpfungen stets inspiriert von seinen Erinnerungen an diesen Ort. Er transformierte dessen florale Fülle später in seine Haute Couture.

          Wenn derzeit im Londoner Victoria & Albert Museum sein Erbe gezeigt wird, erhascht man einen Eindruck von Diors Brillanz. Viel näher aber ist man ihm an seinem normannischen Geburtsort: Haus und Garten der Villa „Les Rhumbs“, heute ein Museum, sind nach gründlicher Restaurierung fast original erhalten. Hier sind seine Wurzeln, hier weht sein Geist, hautnah und mit allen Sinnen zu spüren. Absolut Dior.

          Einsam wie auf einer Insel

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          der wohlhabende Düngemittel-Fabrikant Maurice Dior und seine Frau Madeleine die Villa „Les Rhumbs“, auf einer Steilküste hoch über dem Meer gelegen. Dort wächst Christian, am 21. Januar 1905 geboren, mit vier Geschwistern auf. Sein großbürgerliches Elternhaus beschreibt er später in seiner Autobiographie „Dior und ich“: „Wie alle angloamerikanischen Bauten der Jahrhundertwende war es scheußlich. Dennoch bewahre ich ihm eine zärtliche, bewundernde Erinnerung ... Mein Leben, mein Stil, fast alles verdanken sie seiner Lage und Bauweise ... Es war in einem sanften, mit grauem Kies vermischten Rosaton getüncht, diese beiden Farben sind in der Mode meine Lieblingsnuancen geblieben.“

          Heute strahlt das Anwesen in exakt diesem Puderdosenton wieder zwischen nun mächtigen Bäumen hervor. „Es lag inmitten eines ziemlich großen Parks, damals mit jungen Bäumen bepflanzt, die gleich mir gegen Wind und Fluten kämpfend heranwuchsen. Das Haus lag direkt am Meer, das man durch ein Gitter sehen konnte. Ein Pinienwald – der fünfzig Zentimeter hoch sein mochte – verkörperte in meinen Kinderaugen einen Urwald.“

          „Mein Faible ist meine Berufung zum Architekten, die mich seit meiner Kindheit umtreibt“, schreibt Christian Dior in seiner Autobiografie.

          Nach dem Ansturm der Badegäste lebten die Diors während der übrigen neun Monate einsam wie auf einer Insel und bekamen kaum jemanden zu Gesicht. Diese Abgeschiedenheit sei ganz nach seinem Geschmack gewesen, schreibt Dior. „Von meiner Mutter hatte ich die Vorliebe für Blumen geerbt, und so genoss ich die Gesellschaft von Pflanzen und Gärtnern.“ Das habe auch die Wahl seiner Lektüre beeinflusst, „mit Ausnahme einiger Werke zog ich es vor, Namen und Beschreibungen von Blumen in den farbigen Katalogen des Hauses Vilmorin-Andrieux auswendig zu lernen“. Die Firma veröffentlichte schon 1766 einen ersten Katalog mit unterschiedlichsten Samenarten von Nutzpflanzen, Gemüsesorten und Blumensamen. Es folgten regelmäßig Publikationen mit Informationen zu Botanik und Gartenbau, die ebenso wertvoll waren wie die farbigen Illustrationen dazu. Vilmorin-Andrieux leistete sich als großes Saatgutunternehmen Zeichner, die im Pariser „Jardin des Plantes“ ausgebildet wurden. Kein Wunder, dass der für Schönheit sehr empfängliche Christian von den Zeichnungen fasziniert war – 1952 gar einen „Vilmorin-Dress“, übersät mit hauchzarten Gänseblümchen, entwarf – und sich als Junge stundenlang in die Kataloge vertiefte.

          Sommers tat er das am liebsten im mehr als einen Hektar großen Garten. Den hatte die kultivierte Mutter im Stil eines englischen Landschaftsgartens anlegen lassen, dichte Vegetation bettete die Villa in eine grüne Parklandschaft und schützte vor den oft rauhen Meerwinden. Als die Familie 1910 ein Haus in Paris mietet, bleibt das Anwesen in Granville der Sommersitz, wo Christian oft verweilt. 1925, mit zwanzig Jahren, entwirft er eine Terrasse, ein Ensemble aus Pool, Pergola und überdachtem Sitzplatz im Garten. Ganz im Stil des Art déco, klassisch-streng. „Mein Faible ist meine Berufung zum Architekten, die mich seit meiner Kindheit umtreibt, sie hat einen Umweg über die Couture als indirektes Ausdrucksmittel genommen ...“, schreibt er, ein Kleid sei für ihn eine Art ephemere Architektur. Sein Herzstück im Garten von Granville ist ein rechteckiges Becken, an dessen Seite zum Haus hin, mit drei Stufen leicht erhöht, die weiß lackierte Pergola verläuft. Sie wird von duftenden Kletterpflanzen umrahmt, Jasmin, Geißblatt und Clematis. Gegenüber begrenzt eine schmale Rabatte den Pool, eine stattliche Palme schenkt mediterranes Flair, ansonsten blühen in den rahmenden Beeten heute Gräser und Stauden wie Bärenklau, Zierlauch, Hortensien und Storchschnabel.

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