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Geweih an Rauhfaser : Der Zwei-Zimmer-Landsitz

Urigkeit trifft Minimalismus: moderne Hirschgeweihe der Marke Steckwerk Bild: Hersteller

Das Geweih ist längst nicht mehr nur Ausstattung für Opas Jägerzimmer und angesagte Boutiquen. Es ist zum beliebig einsetzbaren Dekomotiv geworden.

          Wer sich nach einem Tapetenwechsel sehnt, könnte natürlich auch einfach umziehen. Nur stellt man oft nach kurzer Suche im Internet fest, dass die Mietpreise in der eigenen Nachbarschaft in all den Jahren, die man dort selbst schon verbracht hat, ins Unermessliche gestiegen sind. So, dass man sich nun die eigene Gegend – und wahrscheinlich auch vergleichbare – eigentlich gar nicht mehr leisten kann. Also wählt man die nächstgünstigere Möglichkeit, bleibt in der alten Wohnung, wo es wenigstens warm und trocken ist, und streicht vielleicht nur die Wände. Oder man hängt neue Bilder auf. Oder, und für letztere Option scheinen sich immer mehr Menschen zu entscheiden, man versucht wenigstens so zu tun, als könnten die 56 Quadratmeter Wohnfläche auch ein Landsitz sein. Man hängt sich einfach ein mächtiges Geweih über die weiße Rauhfasertapete.

          Aus Opas Wohnzimmer ins hippe Restaurant

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das Geweih hat in jüngster Vergangenheit eine echte Karriere hingelegt. Vor einem guten Jahrzehnt zum Beispiel gehörte es noch vornehmlich in Opas Jägerzimmer. Es war ein Staubfänger, ein Teil eines toten Tieres, mit dem man, sollte man in die Situation kommen, ihn zu erben, überhaupt nichts anzufangen wusste. Nimmt der Sperrmüll eigentlich auch Geweihe mit?

          Dann tauchten erste Geweihe in den angesagtesten Restaurants auf – etwa im New Yorker „Freemans“ an der Rivington Street, wo sie heute zu Dutzenden die Wände zieren, während sich die Gäste Jägereintopf und Schweinebäckchen schmecken lassen. Geweihe hatten erste Auftritte in Designzeitschriften, dann in Concept Stores und irgendwann auch in den Filialen großer Modeketten, in Kleinstadtboutiquen, in Kaufhäusern.

          Heute ist aus dem Geweih ein Deko-Motiv geworden, das beliebig zum Einsatz kommt. Geweihe sind überall, wer mag, kann schon sein Frühstück auf Geweihgeschirr zu sich nehmen. Drei-Sterne-Hotels, die sich auf eine junge und trendbewusste Klientel verstehen wollen, scheinen zu glauben, dass das Geweih als Handtuchhalter im Badezimmer der entscheidende Kniff ist, um cool zu sein. Es gibt Tischleuchten mit Geweihfüßen, Fußabtreter, Küchentücher und Servietten mit Geweihmustern; Geweihnachbildungen dienen Ringen und Armbändern als Schmuckhalterungen. Aus entsprechenden Keksformen lassen sich Geweih-Butterplätzchen ausstechen.

          Plötzlich hielt das Geweih Einzug in hippe Restaurants.

          Geweih-Etwasse gibt es bei Ikea und bei Zara Home. Sie sind aus Plastik. Oder mit rotem Samt bezogen - so wie im vergangenen Dezember der fünf Meter hohe Weihnachtsbaum aus Geweihnachbildungen in der ehrwürdigen Halle des Londoner Victoria & Albert Museums.

          Das Geweih an der Wand, das bis vor kurzem noch als Synonym für eine außerordentliche Spießigkeit diente, bekommt gerade eine ganz neue Bedeutung. Das Geweih gehört nicht mehr ausschließlich in die mit Holzvertäfelung verzierten Wohnzimmer von CSU-Wählern aus Niederbayern. Städter in ihren Endzwanzigern scheinen es sich mit ihren Geweihen zu Hause auf so selbstverständliche Art und Weise gemütlich zu machen, wie sie Mitte September auch in Dirndl und Lederhosen schlüpfen und zum Münchner Oktoberfest pilgern.

          Natürlich nehmen sie weder ihre Trachten noch ihre Geweihe dabei ganz ernst. Im Gegenteil, das Geweih ist ein wunderbares Stilelement, um zu zeigen, dass man einen Sinn für Ironie hat. In Zeiten wie diesen, da es kaum mehr Trends gibt, denen man folgen könnte, fast keine ins und outs, in Zeiten, da praktisch alles erlaubt ist, kann dieser Sinn für Ironiedem eigenen Look wie dem Wohnzimmer etwas Würze verleihen.

          Auch weißer Lack und ein großes Geweih harmonieren

          Die Urigkeit, die mit den Geweihen einzieht, ist gewissermaßen das Gegenmodell zur Herrschaft des klaren, weißlackierten Mobiliars, das Anfang des neuen Jahrtausends plötzlich jeder haben musste und das das Wohnzimmer wie Kunstgalerien aussehen ließ.

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