https://www.faz.net/-hrx-9ygpv

Glanzvolle Jahre des Kinos : Once upon a time in Weilmünster

  • -Aktualisiert am

Filmreifer hätte man es sich nicht denken können

Wie Rudi Czech, sonst überhaupt kein Nostalgiker, die Worte in diesem Titel ausspricht, „Grün ist die Heide“, wirkt das bei ihm selbst wie ein Zauberspruch. Sein Gesicht fängt an zu leuchten: „Das war der Film schlechthin in den fünfziger Jahren. Man ging ins Kino mit der späteren Freundin, händchenhaltend. Da gab es Ströme von Tränen, es musste getröstet werden – beste Voraussetzungen für ein Liebesspiel. Der Eintritt hat 80 Pfennig gekostet. Am Tag der Währungsreform, wo jeder nur 40 Mark bekam, waren acht Leute im Kino – enorm! Für mich war Kino damals die Zukunft schlechthin.“

Das änderte sich leider. In den späten sechziger Jahren wurde in Weilmünster der Siebdruck eingeführt, mit dem sich das Geschäft noch einmal beleben ließ, aber 1970 geschah das Unfassbare: Die Bahnverbindung von und nach Weilmünster wurde endgültig eingestellt. Von da an hätte man die Plakate erst bis zum nächsten Bahnhof schaffen müssen, um sie von dort ins Bundesgebiet zu verfrachten. Das lohnte sich nicht mehr. Auch deutete sich zu dieser Zeit ein flächendeckendes Sterben der eigentümergeführten Kinos an: „Die Kinobesitzer waren älter geworden. Die konnten die Plakate nicht mehr aufhängen.“ Die damals aufkommenden Discountmärkte der HL-Gruppe boten den Kinobesitzern derweil glänzende Konditionen zur Ablöse ihrer Immobilien.

„Wir hatten einen Kunden in Mainz, dessen Kino wurde zu einem der ersten HL-Läden in Hessen gemacht. Ich fuhr da hin, das war ein älteres Ehepaar, die beiden waren schon 70. Die Firma HL hatte ihnen 4000 Mark im Monat als Miete angeboten. Dagegen standen bei denen die Tageseinnahmen von zuletzt 70 Mark. Denen konnte nichts Besseres passieren! Der Sohn war Elektroingenieur, wollte die Firma aber nicht übernehmen. Das war ein schönes Kino, aber was für HL entscheidend war: Ein Parkplatz gehörte dazu.“

Am Ende dieser Legende aus Weilmünster kommt es dann so, wie man es sich nicht filmreifer ausdenken könnte: Die Maler um Rudi Czech malten keine Kinoplakate mehr, sondern Werbetafeln für Obst und Gemüse, Wurstwaren und Käse, die in den ehemaligen Kinos über den Regalen aufgehängt wurden, um für die Waren in den HL-Märkten zu werben.

„Das war ja ein Discounter, der mehr oder weniger bloß die Ware ausgepackt und in Regale geräumt hat.“

Und das war das Ende? Nein, noch nicht ganz. „Hier, wo wir jetzt sitzen, war damals die Weinstube“, sagt Rudi Czech. Und Herr Schäfer, der hier heute noch immer ein Kino betreibt unter dem historisierenden Namen „Pastori, das Lichtspielhaus“ greift zu seinem Mobiltelefon, das einen startenden Rennwagen nachahmt, wenn ein Anruf eingeht. Er zeigt Rudi Czech ein paar Aufnahmen, die er neulich von seinem Ferienhaus am Tegernsee gemacht hat – mit der Kamera in diesem Mobiltelefon. Und die er, auch davon gibt es jetzt Aufnahmen anzuschauen, sich auf Leinwand hat ausdrucken lassen, „für kleines Geld“.

Rudi Czech betrachtet die Abbildungen der Drucke auf dem leuchtenden Schirm. Er fragt Schäfer junior nach den gezeigten Formaten. „Für mich ist immer noch erstaunlich“, sagt er, „dass wir aus dem Nichts heraus etwas erschaffen haben.“ Dann geht er heim.

Weitere Themen

So bleibt es bei Hitze kühl im Haus Video-Seite öffnen

Tipps : So bleibt es bei Hitze kühl im Haus

Nachts lüften, Wasser verdunsten lassen und elektrische Geräte abschalten – mit einfachen Methoden lassen sich heiße Sommertage in den eigenen vier Wänden besser aushalten.

Kunst im Dienst der Diktatur

NS-Bilder in Stuttgart : Kunst im Dienst der Diktatur

Akribisch wurde die Provenienzgeschichte der Bilder für ein geplantes NS-Museum für Schwäbische Kunst in Stuttgart untersucht. Dabei fand sich auch viel Neues aus der Übergangszeit der Malerei zwischen Weimarer Republik und Nationalsozialismus.

Topmeldungen

Präsident Wladimir Putin nimmt am Freitag von seiner Residenz Nowo-Ogarjowo aus an einer Kabinettssitzung teil.

Proteste in Belarus : Droht eine Intervention Moskaus?

Für den Kreml ist die Lage in Belarus ambivalent – das zeigen auch die Reaktionen aus Moskau. Die große Frage ist, was Putin macht, wenn Lukaschenka ernstlich gefährdet ist.
Ermittlungen: Apotheker und Ärzte werfen dem Angeklagten vor, Verfahren gegen sie aufgebläht zu haben (Symbolbild).

Frankfurter Korruptionsaffäre : Mediziner erheben schwere Vorwürfe

In der Korruptionsaffäre um einen Frankfurter Oberstaatsanwalt sollen Ermittlungen nur geführt worden sein, um Geld zu generieren. Das könnte sich noch zu einem weitaus größeren Skandal auswachsen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.