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Glanzvolle Jahre des Kinos : Once upon a time in Weilmünster

  • -Aktualisiert am

„Ich hatte zuvor noch nie gemalt. Aber wir hatten alle Talent. Wir malten nach den Vorbildern der Plakate, die Buchholz aus Auerbach mitgebracht hatte. Und so hat sich das langsam entwickelt. Auf dem Höhepunkt hatten wir 850 Kunden im deutschsprachigen Raum. Wir haben auch ins Elsass geliefert, nach Belgien und Holland.“ Und: „Die einzige Konkurrenz zum FPV war die Familie Bohn in Karlsruhe. Die haben aber ein anderes Format als wir benutzt.“

Plakate waren Terminware

Die standardisierten Formate des FPV kann Rudi Czech noch immer auswendig: 125 mal 300 und 150 mal 300. Später auch 200 mal 400, alles in Zentimetern gemessen, wie man das auch heute noch von der Fachsprache des Kunsthandels und der Restauratoren kennt. Aber Czech und seine Kollegen haben sich nie als Künstler verstanden. Es ist auch keiner von ihnen jemals mit Baskenmütze und Rotweinflasche unter dem Arm durch Weilmünster flaniert. Die kleine Künstlerkolonie im Anbau des Wirtshauses lud zwar einmal im Jahr zu einem Atelierfest, bei dem es Wein aus dem Buchholzschen Keller umsonst gab, aber für den Rest des Jahres nannte man den Malersaal dann wieder Werkstatt. Ganz bescheiden.

Dabei waren die Arbeitsbedingungen in den fünfziger Jahren für Künstler und Kunsthandwerker auf der ganzen Welt noch ziemlich ähnlich, von Stars wie Picasso abgesehen. Ein flächendeckendes Interesse am Lebensstil der Künstler und die voyeuristische Lust an der Preisentwicklung ihrer Werke gab es noch nicht. Rudi Czech beschreibt die damalige Arbeit so: „Zuerst wurden die groben Umrisse des Schauspielerkopfs auf die Leinwand projiziert. Eventuell hat man sich dann noch die Buchstaben der Schriftzüge skizziert. Man hat zuerst die Schrift gemacht. Die wurde ausgefüllt mit der gewünschten Farbe, und danach erst wurde der Hintergrund gemacht. Wir hatten einen Mann, der nur die Darstellernamen geschrieben hat. Das brauchte ich dann nicht mehr selbst machen. Ja, und dann hat man angefangen zu malen. Mit dem Pinsel. Ohne Palette. Die Palette war der Farbtopf. Für Nuancen benutzte man einen Kasten, in dem man sich ein bisschen was zurechtrühren konnte. Es war recht primitiv. Sind aber recht gute Ergebnisse dabei herausgekommen.“

Das kann man wohl sagen! Im Wesentlichen ging es ja auch darum, an jedem Tag den letzten Zug zu erwischen, der den Bahnhof von Weilmünster in Richtung Restdeutschland verließ. Die Plakate waren schließlich Terminware, die zum Start eines verliehenen Films gebraucht und erwartet wurde.

Da also die Fahrpläne von Verleihfirmen und Bundesbahn feststanden, gab es für die Künstler im Atelier des FPV keine Chance auf Bohème: „Der Arbeitstag war folgendermaßen: Morgens ist man ins Büro gegangen und hat sich die Unterlagen geholt, also was zu malen war. Damals mussten die Filme mindestens sechs Wochen vorher gebucht werden. Von daher wussten wir im Vorhinein, welches Kino wo was wann spielen würde. Und da es nur wenige Kopien von den Filmen gab, gab es auch nur wenig Konkurrenz. Später änderte sich das. Von einem Hit wie ,Grün ist die Heide', den damals 16 Millionen Kinozuschauer sahen, wurden vergleichsweise viele, nämlich 60 Kopien gemacht. Gemessen an Deutschlands Größe scheint das wenig, aber wir lieferten unsere 60 Plakate damals bis in den Bayerischen Wald.“

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