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Glanzvolle Jahre des Kinos : Once upon a time in Weilmünster

  • -Aktualisiert am

„Ich hatte während meiner Gefangenschaft nicht eine einzige Stunde lang ein Dach über dem Kopf. Ich hatte noch immer meine einzigen Kleidungsstücke an, die ich schon als Soldat getragen hatte. Es gab keine Zelte. Geschlafen wurde unter freiem Himmel.“

Blickt zurück auf ein filmreifes Leben: Rudi Czech

Zur Zeit ihrer Entlassung befanden sich die Brüder in einem Lager in Bingen am Rhein. Als Sudetendeutsche wurden sie nicht zur Arbeit in französische Bergwerke geschickt, sondern auf freien Fuß gesetzt. Sie überquerten den Rhein und versuchten sich bis in ihre alte Heimat durchzuschlagen. Sie kamen bis nach Eger im Grenzgebiet, heute Cheb. Man warnte sie vor den russischen Truppen, die das Gebiet hinter Pilsen besetzt hatten: Von dort aus, so hörten die jungen Männer, gehe es direkt nach Sibirien. „Wir kehrten um und wanderten ziellos durch Deutschland. Das Land sah furchtbar aus.“

Am völlig zerstörten Schweinfurt vorbei kamen sie bis Herzogenaurach. „Damals bekam man jeweils nur die Aufenthaltsgenehmigung für einen Tag. Man bekam dann Lebensmittelkarten, um sich Brot zu kaufen. Das war immer schwierig. Wir waren ja nicht alleine unterwegs, das waren Tausende, die ständig unterwegs waren.“ Bei einer Rast auf einem Mäuerchen wurden die Brüder von einer Frau angesprochen, die sie zu sich nach Hause einlud, zum Mittagessen: „Sie sagte: Es gibt aber nur Potacken mit Quark. Den Satz werde ich nie vergessen. 'Potacken', das war fränkischer Dialekt.“

„Kino war damals der Ort, wo alle hin konnten“

Besagte Fränkin war die Ehefrau von Rudolf Dassler. Das war noch vor dem großen Familienkrach der Brüder Dassler, nach dem Rudolf mit Puma seiner Wege zog und Adolf mit Adidas. Die Dasslers waren aber damals auch schon große Arbeitgeber in Herzogenaurach und hatten dementsprechende Beziehungen. Sie vermittelten die Brüder Czech als Lehrlinge an ein Bauunternehmen der Familie Kurr, die eine Art frühen Mischkonzern hatte, zu dem unter anderem eine Mühle und eine Bäckerei gehörten. Die Czechs lernten das Handwerk des Mauerns und Zimmerns. Der Stundenlohn betrug 30 Pfennig. Und jeden Samstag bekam man dazu noch drei Pfund Brot. „Das war frisch gebacken. Man hatte die Gier, sofort hineinzubeißen.“

Zufällig lernte Rudi Czech einen „halben Tschechen“ kennen, der in die alte Heimat schreiben durfte, um sich nach dem Schicksal der Eltern zu erkundigen. Sie erfuhren, dass sie über Furth im Walde in den Westen ausgewiesen worden waren. Der Transport ging nach Weilmünster. Die Brüder unterbrachen ihre Lehre und reisten mit einem Güterzug, der Kohle geladen hatte, in den Taunus. Und in dem kleinen Haus am Hang, in dem Herr Czech auch heute noch wohnt, damals schon in der Nachbarschaft zu einem Wirtshaus mit Kinobetrieb gelegen, kam es dann endlich zur Wiedervereinigung der Familie Czech.

Obwohl sein Vater wieder Arbeit gefunden hatte in seinem alten Beruf als Bautechniker und in den Jahren des Wiederaufbaus eine Ausbildung zum Maurer und Zimmermann stabile Zukunftsaussichten versprach, verschlug es Rudi Czech ins künstlerische Fach. Er wurde Kinoplakatmaler.

Das hatte weniger mit dem Kino in der Nachbarschaft zu tun als mit dessen Betreiber, Fritz Buchholz: einem von fünf Kindern aus der Gastwirtsfamilie und bislang immer deren schwarzes Schaf – an den Maßstäben einer nationalsozialistisch geprägten Gesellschaft gemessen. Die gab es nun nicht mehr. Seine Brüder, begeisterte Nazis, waren von den amerikanischen Besatzern des Ortes verwiesen worden. Gasthof und Kino waren als Truppenquartier in Beschlag genommen.

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