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Gartenkultur : Sehnsucht lässt wilde Blüten treiben

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Wildwuchs ist nicht dasselbe wie Natürlichkeit: Heimische Pflanzen und Wildstauden statt steriler Hybriden. Bild: Ulrike Romeis

Wildwuchs statt akkurater Rasenkanten: Im Garten ist derzeit die perfekte Illusion von Natürlichkeit Trumpf. Doch was heißt überhaupt natürlich?

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          Je natürlicher ein Garten aussieht, desto besser - das zeigte sich in diesem Frühjahr auch bei der Chelsea Flower Show, der internationalen Gartenschau in London, bei der jener Garten prämiert wurde, der die perfekteste Illusion von Natur schuf.

          Die Sehnsucht nach Natur ist nicht neu. Einst war der Garten klar abgegrenzt: Blumen und Nutzpflanzen wurden vor dem Eindringen der wilden, ungezähmten Natur geschützt. Optisch war er ein Gegenentwurf zu dem, was draußen war, sei es mit barockem Parterre, Formschnitt, hochgezüchteten Rosen oder englischem Rasen. Doch Gegenbewegungen gibt es schon lange.

          Der Karl-Foerster-Garten in Potsdam
          Der Karl-Foerster-Garten in Potsdam : Bild: Jörn Pinske

          In Großbritannien plädierte William Robinson um 1870 für einen wilden, natürlicheren Garten. Einheimische Stauden sollten die damals üblichen Exoten und pflegeintensiven Teppichbepflanzungen ersetzen, Letztere auf ein dekoratives Minimum reduzieren. Unter den deutschen Gärtnern und Landschaftsarchitekten propagierte Willy Lange im frühen 20. Jahrhundert einen naturnahen Stil des Gärtnerns, eine künstlerische Erhöhung der Natur, mit ausschließlich einheimischen Pflanzen - ein Ansatz, der sich später mit nationalsozialistischem Gedankengut verquickte.

          Wildwuchs im Garten

          Der große Gärtner Karl Foerster sah sich die Ansprüche von Stauden genau an, er züchtete Robustes, das gerne noch den Wildformen ähneln durfte. Der Wissenschaftler Richard Hansen erforschte später die Lebensbereiche der Pflanzen mit dem Ziel, auch von Menschenhand stabile Gesellschaften wie in der Natur schaffen zu können.

          In den Niederlanden war es der Naturschützer Jac P. Thijsse, der in den 1920er Jahren in Bloemendaal einen Park mit einheimischen Pflanzen bepflanzte, ein 1940 nach seinen Ideen angelegter Park in Amstelveen ist nach ihm benannt. In der Nachkriegszeit stand in den Gärten anderes im Vordergrund.

          Doch als in den 1970er Jahren die Selbstversorgung dem rein dekorativen Blumenbeet-Garten wich, kam die Idee eines Naturgartens abermals auf. Aufsehen erregte ein Buch des niederländischen Architekten Louis Le Roy, der den Wildwuchs im Garten propagierte. Führend in der Bewegung waren jedoch die Schweizer, unter anderem der Autor Urs Schwarz gab Impulse, die bis nach Deutschland reichten.

          Neue Eindringlinge

          In den 1980er und 1990er Jahren gründete sich eine Zahl Naturgartenvereine. Ihr Ziel: im Garten artenreiche, langlebige Pflanzengesellschaften zu etablieren, ein ökologisches Gleichgewicht, in dem sich auch Tiere und Menschen wohlfühlen. Es geht um das Bewahren eines Naturzustandes, für dessen jüngsten Wandel - etwa das Verschwinden von Insekten und Wildkräutern - der Mensch verantwortlich ist. Immerhin bildet die Gesamtsumme aller Gärten schon ein beträchtliches Gegengewicht.

          Kennzeichen der Naturgartenbewegung, der sich vor allem Hobbygärtner anschließen, ist, dass häufig die Ökologie über die Ästhetik gestellt wird - was jenen entgegenkommt, die sich zwischen aufgeräumten Rosenbeeten und Thujahecken ohnehin nicht wohl fühlen. Auch legt die Naturgartenbewegung den Schwerpunkt auf einheimische Pflanzen - „gebietsfremde“ Arten werden weitgehend abgelehnt, da sie nicht in die heimischen Ökosysteme gehören.

          Wegbereiter der Naturgartenbewegung: Der Garten von Gravetye Manor, den William Robinson anlegte.
          Wegbereiter der Naturgartenbewegung: Der Garten von Gravetye Manor, den William Robinson anlegte. : Bild: Picture Press/J.Schneider/M.Will

          Dahinter steckt auch die Befürchtung, Neophyten, also zugewanderte Pflanzen, könnten das Gleichgewicht durcheinanderbringen. Fakt ist, dass, statistisch gesehen, jeder zehnte Neophyt invasiv wird und sich ungehemmt ausbreitet. Mittlerweile gibt es Frühwarnsysteme, damit solche Gewächse - aktuell etwa eine Wasserpflanze, der Große Wassernabel - möglichst schnell wieder aus dem Handel verschwinden.

          Blumenangst

          Das Thema Neophyten ist heikel, kann schnell auch einen politischen Aspekt bekommen, wenn die Angst vor den fremden Einwanderern zu groß wird, und Befürworter eines „Multihortikulturalismus“ werden nicht müde zu betonen, dass die Europäer ohne Neophyten zum Beispiel auf Kartoffeln und Tomaten verzichten müssten. Deutsche müssten ohne Lavendel und Lenzrosen zurechtkommen.

          Aus wissenschaftlicher Sicht, wie sie etwa Cassian Schmidt vom Hermannshof in Weinheim vertritt, steht man Pflanzen aus anderen Regionen nicht per se skeptisch gegenüber, sie sind willkommen, wenn sie in den jeweiligen Lebensbereich passen und im Zaum bleiben.

          Denn nordamerikanische Stauden erweitern die Pflanzpalette stark, etwa im Präriegarten, der in den Trend der naturalistisch gestalteten Gärten passt. Die Prärie, die Vorbild für diese ästhetisch kombinierten Beete ist, ist in der Natur allerdings kaum noch zu finden, in den Vereinigten Staaten werden große Areale renaturiert.

          Naturzustand im Garten

          Gartendesigner und Landschaftsarchitekten greifen gerne neue und interessante Pflanzen auf, doch lässt sich inzwischen auch ein Trend zur vermehrten Verwendung von Einheimischem ablesen. Olivenbäume werden durch Kopfweiden ersetzt, Bambus durch Hainbuchen.

          Im niederländischen Appeltern hat Ben van Ojen einen naturnahen Garten angelegt.
          Im niederländischen Appeltern hat Ben van Ojen einen naturnahen Garten angelegt. : Bild: Josef Bieker

          Der Garten soll einen Naturzustand erreichen, Pflanzengemeinschaften wie in der Natur enthalten, oder einfach aussehen wie Natur. Doch was genau ist diese Natur? Natur ist ein Konzept, dient üblicherweise zur Abgrenzung des kulturell Gestalteten, etwa des Gartens. Doch ist dies eine künstliche Trennung, sich als Mensch außerhalb des Gesamtgeschehens zu stellen. Etwas gänzlich von Menschenhand Unberührtes ist weltweit nur noch punktuell zu finden.

          Wildstauden im gestalteten Raum

          Natur ist heute ein Image, etwa eines von Wiesenkerbel und Mohnblumen, die am Ackerrand wachsen, der wiederum erst durch die Landwirtschaft geschaffen wurde. Eine Pflanze wie die gelbe Mutation eines blauen Mannstreus, die von alleine entstanden ist, aber wie gezüchtet aussieht, passt nicht ins Bild.

          Jeder Garten ist ein kulturell gestalteter Raum, gleich in welcher Optik und mit welchem Anspruch. Ein angelegtes Biotop hinter dem Haus ist nicht natürlicher als ein Designergarten. Doch wenn, wie im gegenwärtigen Trend, Wildstauden statt steriler Hybriden gepflanzt werden, kommt das den Tieren entgegen. Insekten fliegen auf Dolden und Sonnenhüte - egal wo und in welchem Kontext sie stehen.

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