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Cy Twomblys Wahlheimat Gaeta : Der Strand der Dinge

  • -Aktualisiert am

Verbrachte die Hälfte des Jahres in Italien: Der Künstler Cy Twombly 1961 (hier in den Straßen von Rom) Bild: Picture-Alliance

Der Jahrhundertkünstler Cy Twombly verbrachte die Hälfte des Jahres in einer Festung auf den Hügeln des italienischen Küstenorts Gaeta. Was ist das Geheimnis dieses Orts?

          4 Min.

          Alles sah so aus wie immer. Über den Aurunci-Bergen hingen tiefe Wolken, unten in der Bucht schob ein Frachtschiff seinen roten Bug durch das reglose Wasser, nur weiter draußen konnte man silbrig glänzend die Strömungen erkennen. Die Straße zu Twomblys Haus wand sich in Serpentinen vom Hafen hinauf, vorbei an der neogotischen Kirche von San Francesco. Vor Twomblys Haus ragten ein wie beim Stopptanz eingefrorener Olivenbaum und zwei windzerzauste Zypressen grostesk verrenkt in den Himmel. Es war noch warm, weiter hinten verschwand der Golf von Neapel im Dunst.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Nicola Del Roscio saß auf seiner Terrasse, von der aus man auf der einen Seite das Meer glitzern sah und auf der anderen, in Rufweite, das Haus von Cy Twombly. Kaum jemand war ihm so nah wie er. Dass Twombly sich hier ein Haus kaufte und die Hälfte seiner letzten Jahre in Gaeta verbrachte, lag an ihm, Nicola, dem Freund, dessen Familie schon immer hier in Gaeta am Tyrrhenischen Meer war, an der langen Küste zwischen Neapel und Ostia.

          Wir saßen auf grauen Holzstühlen, wie es sie am Mittelmeer wohl seit Tausenden von Jahren gibt. Auf dem Steinmäuerchen lagen wilde gelbe Zitronen. Del Roscio machte einen Espresso. Die Morgensonne blendete. „Weißt du, wie er schwamm?“, fragte Del Roscio, als er sich hinsetzte. „Er stieg nicht ins Wasser, er sprang nicht, er glitt einfach hinein wie ein Krokodil.“ Lautlos und elegant und schnell, als sei das Wasser viel eher sein Element als das Land, wo ihm die Fortbewegung in den letzten Jahren Mühe machte. Twombly war einmal Leistungsschwimmer, das Meer, vor allem das Mittelmeer und seine Mythen, tauchen immer wieder in seinem Werk auf.

          Twombly nannte ihn Tiger

          Nicola Del Roscio sieht von hier oben den alten Viadukt und Twomblys Garten, um den er, der große Gartenliebhaber, sich einmal kümmerte. Jetzt gehört das Haus Alessandro, dem Sohn von Twombly, und Tatia Franchetti, der auch Maler ist. Der Garten verwuchert. Del Roscio schaut traurig hinüber, wie auf das Bild eines verlorenen Paradiesgartens.

          Leanne Shapton hat Gaeta im Sinne von Cy Twombly aquarelliert: Sie gibt die Dinge nicht wieder, sondern malt sich ihr eigenes Bild, etwa von einer Wand.

          Als ich Cy Twombly das erste Mal besuchte, im Jahr 2004, war es Herbst. Ich hatte geklingelt an der kleinen Blechtür in der fensterlosen Wand seiner Festung, und es hatte sich lange nichts getan, man hörte nur den Wind in den Pinien. Twombly war dafür bekannt, dass er keine Reporter mochte. Er schoss zwar nicht auf sie wie Hunter S. Thompson, aber es kam schon vor, dass er tagelang in die Berge flüchtete, um ihnen zu entkommen.

          Dann aber tat sich doch noch etwas: Eine Stimme rief „Tiger!“ Ein Schloss knirschte. Ein freundlicher Rumäne mit großen Händen öffnete die schmale Tür und führte durch das Treppen- und Höfchengewirr. Im Innenhof standen türkisfarbene Gartenmöbel. Auf einem alten Holztisch lag eine zerlesene Ausgabe von T.S. Eliot. Die Räume hatten hohe Decken. Der Fußboden war gefliest, es war angenehm kühl, und in fast jedem Zimmer stand ein Schlafmöbel, da eine Liege, dort ein Bett mit Baldachin.

          Das grelle Licht nimmt den Gegenständen Farben und Konturen – etwa den Espressotassen.

          Draußen, im Schatten einer Hecke, saß, in blaugestreiftem Hemd und Shorts, Cy Twombly. Der Rumäne hatte einen sehr komplizierten Namen, deswegen nannte Twombly ihn Tiger. Tiger war Butler, Haushaltshilfe und Chauffeur; er brachte geeiste Feigen und Wein, er fuhr uns mit Twombly, der zwei alte Geländewagen hatte, aber keinen Führerschein, mit dem Wagen in die Stadt und ans Meer, wo wir im „Miramare“ Spaghetti alle vongole aßen und Twombly über alles außer über Kunst reden wollte; über Franzi zum Beispiel.

          Der Ort und das Werk

          „Do you know Franzi?“, fragte er mich, und ich dachte an Fränzi, das Modell der Brücke-Maler Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner und Max Pechstein. Aber die meinte Twombly, der große Schwimmer, nicht – sondern Franziska van Almsick, die er bei den Übertragungen der Olympischen Spiele im Sommer gesehen hatte.

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