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Arbeit im Garten : Eingepflanzte Glücksgefühle

Augenschmaus: Der Frühling bringt die Blüten hervor, dem Gärtner lohnt die Mühe Bild: Picture Press/Kramp + Gölling Fo

Egal ob verträumter Bullerbü-Gärtner, akkurater Rollrasen-Züchter oder rebellischer Guerilla-Pflanzer: Gärtnern ist „in“, ein Schrebergarten kein Spießerkram mehr. Und: Es ist ein Milliardengeschäft.

          5 Min.

          Gärtner sind so unterschiedlich wie die Menschheit. Die Nachbarn im Münchener Umland, ein ebenso betagtes wie agiles älteres Ehepaar, kennen kein Pardon. Sie gehören zur Gattung der Gänseblümchen-Kontrolleure, scheuen keinen Einsatz von Kunstdünger und schwingen seit den ersten milden Tagen chemische Keulen rund um ihren Siebziger-Jahre-Bungalow. Ihr glattgebügelter Garten ist für Würmer, Insekten und Schmetterlinge vermintes Gebiet. Unkraut hat keine Chance, vermehrungsfreudige Nacktschnecken, die sich durchs mit dem Lineal gezogene Salatbeet fressen, werden mit ätzendem Korn gekillt.

          Ursula Kals
          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Schwächelt der Flieder, gilbt der Buchsbaum, wird gnadenlos eliminiert und neu gepflanzt. „Wir sind doch keine Krankenstation“, schimpft die resolute Gärtnerin und schleudert den Gilb in die Biotonne. Ihr Garten wirkt aufgeräumt, repräsentabel zu allen Jahreszeiten, die Märzbecher sind verblüht, die Geranien im Gartenfachbetrieb vorbestellt, der bereits vertikutierte Rasen ist akkurat gestutzt, dafür rattern die Enkel mit dem Aufsitzmäher los.

          All das beglückt die Seele. Und eine ganze Branche. Fast 15 Milliarden Euro geben die Deutschen jährlich für Gärten und Grünzeug aus. Gartencenter machen grandiose Umsätze, kaum ein entlegenes Randproblem à la mein kleiner Kies-Beton-Staudengarten und seine integrierte Regentonne, über das sich nicht ein Autor mit wundersamen Fotos ausgelassen hat.

          Keine hübsch bebilderte Gartenillustrierte, die nicht mit unversiegbarer Phantasie Themen rund ums Gärtnern aufgreift und sich nicht scheut, der Schönheit der Artischocke, „unseres unterschätzten Gemüses“, eine glanzvolle Bilderstrecke zu widmen. Ganz zu schweigen von den Wartelisten begehrter Schrebergärten und parzellierter Ackerflächen, die Städtern ein Naturgefühl mit „garantierter Ernte“ verschaffen sollen, natürlich gegen eine selbstbewusste Miete.

          Vom Urban Gardening bis zum neuentdeckten Schrebergartenglück der Stadt-Schickeria ist es ein weites Feld, auf dem sicher noch lukrative Geschäftsideen sprießen werden. Angebote, sich dem analogen Grün zu widmen, schießen allerorten wie Pilze aus dem Boden. Schlau betont die Immobilienbranche, dass sich der Wiederverkaufswert eines Hauses um durchschnittlich 18 Prozent steigert, wenn ein gepflegter Garten zum Verkauf steht.

          Wenn Lollo Rosso und Erdbeeren gedeihen

          Unmodischer Bungalow hin oder her, das gärtnernde Großelternpaar hat zumindest die Sache mit dem domestizierten Grün eisern im Griff und beobachtet kopfschüttelnd die zugezogenen, emsig gartelnden Großstädter einige Grundstücke weiter. Hier prallen Welten aufeinander. Für die traditionsbewussten Bayern sind die Nachbarn das fleischgewordene Klischee hoffnungslos romantischer Stadtflüchter auf der Suche nach dem echten Naturerleben.

          Dabei ist die junge Familie, nennen wir sie Meier, aus beruflichen Gründen von Berlin in den Süden der Republik gezogen und durchaus gartenerprobt. Genauer: schrebergartenerprobt. Denn die Charlottenburger Wohnung bot nur einen winzigen Nordost-Balkon, auf dem sich tapfer ein paar Paprikapflanzen hielten. Die zwei Kinder aber sollten Natur nicht nur durch die kleine „Raupe Nimmersatt“ kennenlernen, die sich durchs Bilderbuch knurpselt. Der Schrebergarten in der Kolonie Pfefferluch brachte Spaß, Arbeit und schließlich respektable Ernten.

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