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Bildband „Wintersperre“ : „Polarforscher unweit der Haustür“

Heute geschlossen: Wo im Sommer die Passstraße am Nufenen verläuft, übernimmt im Winter die Natur. Bild: Marco Volken

Der Schweizer Fotograf Marco Volken widmet sich in seinem Bildband der Stille geschlossener Bergpässe. Seine Bilder schwanken zwischen Schönheit und Melancholie.

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          Dass über allen Gipfeln Ruh’ war, ist auch schon eine Weile her. Selbst im Winter schallt heute über viele Gipfel DJ Ötzi, brummen Pistenraupen nachts über die Hänge, bringen Open-Air-Konzerte mit Zehntausenden Zuschauern die Berge zum Beben. Mit der stillen Jahreszeit ist es vielerorts nicht mehr weit her. Doch auch die Ruhe hat in den Bergen noch ihren Platz, wie Marco Volken in seinem Band „Wintersperre“ zeigt. Er ist zu Schweizer Bergpässen aufgebrochen, die ein halbes Jahr lang ihrer Funktion beraubt sind – sie sind für Autos gesperrt und so den Menschen entzogen. Der freie Fotograf, geboren 1965 in Mailand, aufgewachsen in Lugano und zu Hause in Zürich, machte sich ein Bild von Berglandschaften, die im Sommer von zahlreichen Urlaubern überrollt werden und danach monatelang sich selbst überlassen sind: Gotthard, Albula, Nufenen, Großer St. Bernhard und andere.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          In den Wintern 2016/2017 und 2017/2018 stieg Volken auf Tourenski, zeitweise auch auf Schneeschuhen, auf den gesperrten Passstraßen nach oben, immer auf der im Sommer genutzten Trasse, in einem Anlauf, an einem Tag. Das klingt einfacher, als es in Wahrheit war. Die verschneiten Straßen querten lawinengefährdete Hänge, die Orientierung bei Schnee und Nebel erwies sich oft als schwierig, weil nicht nur die Straßen, sondern auch Pfosten und Hinweisschilder von Schnee und Eis verschluckt waren. Dazu kam die Einsamkeit auf den sonst so belebten Alpenübergängen, die im Winter von allen Auto- und Skifahrern verlassen und dem Vergessen anheimgefallen waren. Der Fotograf Volken fühlte sich da zuweilen wie „eine Art Polarforscher unweit der Haustür“ – eine Illusion, die an manchen Tagen von den polaren Wetterbedingungen noch verstärkt wurde.

          Seine Bilder zeigen Spuren, Hinterlassenschaften, Überreste menschlicher Tätigkeit in den Bergen – kaum aber die Menschen selbst. Der Winter hat auf den Pässen eine eigene Welt erschaffen: manchmal, indem er Zäune, Tunnel, Rasthäuser nur sanft berührt hat; manchmal, indem er alles Menschenwerk getilgt und unter einer weißen Decke verborgen hat. Die Fotos schwanken zwischen Bergidyll und Endzeitstimmung, Traumlandschaft und Trostlosigkeit, skurrilem Kommentar und berührender Einfachheit. Was sie eint, ist ein Moment der Vergänglichkeit – der Werke des Menschen wie jener des Winters.

          „Wintersperre“ von Marco Volken erscheint im März im AS Verlag (39,90 Euro).

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