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FOMO und JOMO : Über die Angst, etwas zu verpassen

Auch Angst, eine große Party verpasst zu haben? Das Musikfestival Lollapalooza in Berlin. Bild: dpa

Ahhh, die Jugend. Ihre Sprache verrät viel über den Zeitgeist. Der neueste Trend: Fomo, „The fear of missing out“. Dabei ist es manchmal überhaupt nicht schlimm, nicht immer und überall dabei zu sein.

          Meine Freundin hat Fomo. Neulich kam sie ganz beseelt zu einer Verabredung, weil sie endlich eine Diagnose für ihr Problem gefunden zu haben glaubte. Zu wissen, was man hat, kann schließlich echte Erleichterung verschaffen. Und sie hat eben? „Fomo“, rief sie begeistert. Fomo, das ist also die Fear of Missing Out, ein Syndrom, das zumeist Kinder und Jugendliche befällt, die überall dabei sein müssen und glauben, nur wenn sie auf jeder Party tanzen, können sie je ihren Seelenfrieden finden. Je rastloser sie sind, desto in sich ruhender, gewissermaßen.

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Früher kannte ich Fomo auch. Man könnte sogar sagen: Ich war betroffen. Das fing an mit 12, 13 Jahren, mit den Basketballspielen an Sonntagen, an denen ich aber auch zum Geburtstag der Oma sollte. Klar hatte ich meine Oma lieb, aber es war auch immer aufregend, im Mannschaftsbus mit zehn anderen Mädchen meines Alters in einen Ort in der Nähe zu fahren, Süßigkeiten bis zum Umfallen in mich hineinzustopfen, später wie bescheuert durch die Halle zu rennen, und alles, wirklich alles witzig zu finden – ob es nun die Mannschaftskameradin war, die sich nach all den Gummibärchen übergeben musste, oder die, die beim Warmlaufen ausrutschte, oder die Frisur unseres Trainers und Elvis-Fans Günni. Obwohl ich den Geburtstag meiner Oma um nichts in der Welt verpasst hätte, versetzte mir die Vorstellung der anderen Mädels im Bus, die gemeinsam mit Günni „Look Like An Angel“ im Chor sangen, an solchen Sonntagen einen heftigen Stich. Vielleicht passierte ausgerechnet bei diesem Spiel etwas besonders Lustiges?

          Meine Fomo wurde mit der Zeit nicht besser, im Gegenteil. Von den Partys musste ich dem Jugendschutz entsprechend zu Hause sein (mein Vater wurde nicht müde, das zu betonen), also um Punkt zwölf. Ziemlich bescheuert, wenn die ganzen coolen älteren Jungs vor zwölf meist gar nicht auftauchten. Während meine Freundinnen bleiben und Spaß haben durften, lag ich im Bett und malte mir aus, wie sie womöglich mit den Jungs aus der Stufe über uns ins Gespräch gekommen waren, vielleicht sogar ICQ-Nummern tauschten.

          Genießen statt ständig zu bedauern

          Ich war neidisch und traurig. Und hatte solche Angst, etwas zu verpassen. Zwei Tage nach meiner mündlichen Abiturprüfung lag ich dann heulend im Bett. Alle hatten sich für die Abi-Reise nach Bulgarien angemeldet, nur ich nicht. Keine Kohle. Mein ganzes Geld ging für CDs drauf und für den Meppener Rockpalast, den ich inzwischen legal besuchen durfte. Meinen Eltern tat ich in meiner überbordenden Fomo so leid, dass sie mir den Abi-Urlaub spendierten.

          Fomo ist mir also durchaus bekannt. Und heute wird sie noch von den sozialen Medien befeuert. Wenn ich lauter schönen, braun gebrannten Menschen folge, die ihrem Instagram-Feed nach zu urteilen ständig im Urlaub sind, meist auf irgendeiner abgelegenen Insel im unberührten Thailand (wenn man mal von den zehntausenden anderen Instagram-Urlaubern absieht), dann denke ich mir: Sollte ich vielleicht, statt käsig-weiß am Schreibtisch zu sitzen, auch noch schnell eine Weltreise machen, bevor es zu spät für mich ist, weil zu klapprig und alt? Und wenn meine Freunde die ganze Zeit Bilder von einer Party posten, frage ich mich unweigerlich: Sollte ich nicht lieber dabei sein?

          Nun ist es aber so: Eine Party, von der alle dauernd Bilder und Videos posten, kann nicht besonders geil sein. Dann würden die Gäste ihre Zeit dort mit Trinken, Tanzen und Knutschen verbringen und nicht damit, sich stundenlang das richtige Licht, den passenden Winkel, den besten Filter zu suchen. Außerdem möchte ich gar nicht mehr zu jeder Party rennen. Zu müde. Zu weit. Zu laute Musik. Zu viel Rauch. Zu viele Menschen. Und wenn an einem Samstagabend zwei Partys sind, kann es vorkommen, dass ich einfach zu Hause bleibe – statt mir den Kopf darüber zu zerbrechen, auf welche ich gehe oder ob ich beide schaffen kann.

          Ich habe nämlich ein anderes Syndrom entwickelt, ein viel schöneres, das zumeist Berufstätige betrifft: Jomo. Joy of Missing Out! Die Jomo lässt mich ohne schlechtes Gewissen auf der Couch sitzen, Netflix schauen und Pizza bestellen. Gleichzeitig ist die Jomo der Entschluss, mir nicht von sozialen Medien vorgeben zu lassen, was ich tue. Sie sagt mir: Schalt doch mal das Smartphone ab, schau einen schönen Film, lies alle Harry-Potter-Bücher noch einmal, trink ein Glas Wein mit deinem Liebsten oder deiner Freundin. Die Jomo ist eine nie gekannte Freude daran, nichts zu tun und sich aus allem rauszuziehen. Soziale Isolation, und zwar freiwillig. Ich kann nur sagen: Scheiß auf Yolo, es lebe Jomo!

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