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Kunststoffhaus fg2000 : Als die Zukunft noch aus Plastik war

  • -Aktualisiert am

Auf Zukunft eingestellt: Die Einweihungsparty des Plastikhauses fg2000 im Jahr 1968. Bild: Wolfgang Feierbach

Gemüse bitte unverpackt und Kinderspielzeug lieber aus Holz: Wer heute fortschrittlich sein will, verzichtet auf Plastik. In den Sechzigerjahren sah das anders aus – da versprach ein Haus aus Kunststoff die Zukunft zu sein.

          3 Min.

          Von außen Raumschiff, von innen LSD-Trip: Wolfgang Feierbachs Plastik-Bungalow sieht auch mehr als fünfzig Jahre nach seiner Landung im hessischen Altenstadt aus, wie geradewegs der Zukunft entschlüpft. Der weiße Quader mit konkaven Wänden, beidseitiger Schiebefensterfront und psychedelisch-buntem Innenraum wirkt außerirdisch neben Römerkastell und Kloster in der beschaulichen Wetterau. Das Objekt wurde 1968 im Schnellverfahren errichtet: Als morgens um sieben die Handwerker in Altenstadt anrückten, gab es nicht einmal eine Baugenehmigung für das Fertighaus aus Plastik. Zehn Stunden später stand die kühne Wohnvision mit dem futuristischen Namen fg2000. Die Zulassung hingegen ließ weitere fünf Jahre auf sich warten.

          Kira Kramer
          Redakteurin vom Dienst bei FAZ.NET.

          Zusammengesetzt ist das Plastikhaus aus 39 Kunststoffmodulen, die über einem geklinkerten Erdgeschosssockel auskragen. Auf einer Treppe aus, wie könnte es anders sein, Kunststoff gelangt der Besucher ins Loft. Ganz ohne tragende Wände im Innenraum bietet das „moderne Kunststoffhaus für den modernen Menschen“, wie Feierbach es selbst nannte, 160 Quadratmeter frei bespielbare Wohnfläche.

          Neben offener Poggenpohl-Küche mit Bartheke und Silent Gliss-Vorhängen an allen vier Wandseiten ist auch das gesamte Mobiliar aus Kunststoff. Die Entwürfe für Badewanne, Bidet und Waschbecken, allesamt scharlachrot, stammen ebenso wie die Sitzmöbel und Schränke aus der Feder Feierbachs. Nur ein Frotteevorhang trennt das Badezimmer vom übrigen Wohnraum. Ein echter Blickfang ist auch das Rundbett – Plastiksockel mit Stoffüberzug –, das mit 14.724 D-Mark teurer war als ein Mittelklassewagen Anfang der Siebzigerjahre.

          Der Stoff, aus dem Träume gemacht waren

          Mit einem Blick nach oben setzt sich die Zeitreise fort: Die gesamte Decke des Plastiklofts ist mit einem Dralon-Teppich im Swinging Sixties Look behangen; grell und poppig verleiht er dem Innen ein Flair von Schlaghosen und Bubikragen. Die Firma Bayer vertrieb seit den fünfziger Jahren die kuschelige Kunstfaser unter dem Slogan „Eine Faser für Europa“. Nicht weniger als der Kunststoff selbst stand sie für den Optimismus der Nachkriegszeit, den Aufbruch und eine Revolution der Werkstoffe. Passé waren natürliche Fasern wie Schafs- oder Baumwolle und ihre Abhängigkeit von den Launen der Natur. Den goldenen Jahren der Hochkonjunktur konnte es kaum synthetisch genug sein.

          Wolfgang Feierbachs Eigenheim aus Kunststoff: „Das moderne Kunststoffhaus für den modernen Menschen“.
          Wolfgang Feierbachs Eigenheim aus Kunststoff: „Das moderne Kunststoffhaus für den modernen Menschen“. : Bild: Wolfgang Feierbach

          Zu dicken Strängen geflochten säumt die Bayer-Faser den gesamten Plafond der Wohnfläche. Der Zahn der Zeit hat vor diesem allerdings nicht Halt gemacht: Das siebenfarbige Muster hat seine Strahlkraft heute eingebüßt. Inzwischen wirken die dicken Stoff-Zotteln eher pastös als pompös. Ganz im Gegenteil dazu hat der glasfaserverstärkte Kunststoff, kurz GFK, aus dem Wände, Decke und das Mobiliar gefertigt sind, alle Erwartungen übertroffen. Zwölf Jahre Lebensdauer attestierten die Gutachter dem Plastikhaus – 52 sind es inzwischen und das extravagante Eigenheim ist bezugsfertig wie eh und je. Seit 2005 steht das Gebäude noch dazu unter Denkmalschutz.

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