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Kunststoffhaus fg2000 : Als die Zukunft noch aus Plastik war

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Mit dem Altenstädter Bungalow präsentierte der gelernte Modellschreiner Feierbach der Öffentlichkeit sein Fertigbausystem. Eine ganze Reihe weiterer Häuser sollte die Serie fg2000 umfassen; fg für Fiberglas, die umgangssprachliche Bezeichnung des neuen Baustoffs. Es war der Stoff, aus dem in den Sechzigern Träume gemacht waren: Hatten nur ein Jahrzehnt vor Feierbach die Amerikaner noch Flugzeugteile daraus hergestellt, stürzten sich nun vor allem Künstler und Architekten auf das zugleich äußert robuste wie hochwertige Material.

Peppig: Das Esszimmer des fg2000-Prototypen mit Dralon-Deckenteppich.
Peppig: Das Esszimmer des fg2000-Prototypen mit Dralon-Deckenteppich. : Bild: Wolfgang Feierbach

Die Bundesrepublik hatte sich damals als bedeutendster Standort der Kunststoffproduktion etabliert, doch nicht nur hier schossen die Fertigbaukonzepte aus dem Boden. Im gleichen Jahr wie Feierbach stellte auch der finnische Architekt Matti Suuronen sein Kunststoff-Rundhaus Futuro vor. Ein Jahr zuvor hatte schon die amerikanische Monsanto Company – heute eher wegen des umstrittenen Wirkstoffs Glyphosat bekannt – das House of the Future im kalifornischen Disneyland präsentiert. Feierbachs Pläne mit dem Kunststoffhaus in Serie zu gehen, verzögerten sich einzig durch die ausstehende Zulassung.

Siegeszug des Beton-Brutalismus

Dennoch, als Feierbach seinen Plastik-Bungalow 1968 noch ohne Zulassung der Weltöffentlichkeit vorstellte, war das mediale Interesse enorm. Täglich kamen rund 200 Besucher in die hessische Kleinstadt, um sich ein Bild von der vermeintlichen Zukunft des Wohnens zu machen. Ein Jahr lang diente das Plastik-Ufo als Showroom, bis Feierbach mit seiner Familie im konsequenten Selbstversuch einzog. Die Zeit des Wartens begann.

Nur durch einen Frotteevorhang vom Wohnraum getrennt: Das Badezimmer des fg2000-Prototypen.
Nur durch einen Frotteevorhang vom Wohnraum getrennt: Das Badezimmer des fg2000-Prototypen. : Bild: Wolfgang Feierbach

Als das fg2000 nach fünf Jahren schließlich in Serie gehen konnte, war nicht nur die Aufmerksamkeit von Medien und Öffentlichkeit weitestgehend abgeklungen. Während in den Sechzigern die Zukunft noch aus Plastik bestand, trieb die erste Ölkrise 1973 nicht nur den Kunststoffpreis enorm in die Höhe, auch der Beton-Brutalismus hatte längst seinen Siegeszug zum Baustil der architektonischen Moderne angetreten. Dass der von dort an viel genutzte Faserzement ausgerechnet mit der „Wunderfaser“ Asbest durchzogen war, ist wohl eine weitere Laune der Geschichte.

Insgesamt entstanden so nur vier weitere fg2000-Wohnhäuser. Eines davon in direkter Nähe zum ersten Bungalow: Mit deutlich geräumigeren 395 Quadratmetern Wohnfläche, Innensauna und Pool diente das neue Kunststoffhaus seit 1979 den Feierbachs als Domizil. Ein anderes findet sich heute ebenfalls denkmalgeschützt in Niedersachsen. Die zwei übrigen wurden inzwischen zurück in ihre Einzelteile zerlegt und eingelagert.

Großen Absatz fand das Fertigbausystem aber vor allem in der gewerblichen Nutzung: Als Check-In-Schalter für Flughäfen stehen heute etwa zehntausend Plastikhäuschen rund um den Globus verteilt. Wolfgang Feierbach fand zu Lebzeiten keinen Nachfolger mehr für seine Vision, die das Wohnen revolutionieren sollte. Sein Unternehmen, das fg design, wurde mit dem Tod seines Gründers 2014 aufgelöst und der Prototyp, der vor über fünfzig Jahren das grelle Versprechen einer Utopie aus Plastik gab, steht heute leer.

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