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Einrichten Spezial : Werkbank gegen Küchenblock

Gefällt auch Frauen: Diese Küche aus massiver Roseneiche hat sich ein passionierter Hobbykoch bauen lassen. Bild: Tischlerei Sommer

Immer mehr Männer entdecken die Küche als technische Spielwiese für sich – und sorgen so für Werkstatt-Feeling im Kochbereich. Dem Trend zur neuen Offenheit kommt das durchaus entgegen.

          Es ist noch gar nicht so furchtbar lange her, da galt die Küche als ausschließlich weibliches Terrain. Entsprechend kam es vor, dass sie der Hausherr eines neuen Eigenheims seinen Gästen bar jeder Ironie mit Worten wie „Und hier hat meine Frau ihr Reich“ präsentierte. Wahlweise sagte die Dame des Hauses: „Ich habe ja meine Küche bekommen.“ Ein leichtes Seufzen hier und ein dezentes Augenbrauenlupfen da signalisierten: Man(n) hatte sich die tipptopp sitzenden, grundsoliden und superpflegeleichten Einbauten samt Kühlschrank, Herd, Spülmaschinen und Mikrowelle einiges kosten lassen.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch dieser Text aus dem ungeschriebenen Drehbuch für Hausbesichtigungen kommt zunehmend aus der Mode. Stattdessen erklingen Botschaften wie diese: „Mein Frau und ich, wir kochen beide gerne“, sagt Tobias Kerle. Die Küche für ihr neues Haus selbst zu bauen reizte den jungen Mann daher nicht nur, weil er Schreinermeister ist.

          Küche bildet gesellschaftlichen Wandel ab

          „Für viele Männer ist die Küche so etwas wie die neue Werkbank“, sagt der Architekt Stephan Fabi, dessen Büro im Neubau die Küchenplanung oft gleich mit übernimmt.

          Blick vom Wohnzimmer: Diese offene Küche gestaltete Architekt Stephan Fabi für ein Haus in Regensburg.

          „Immer mehr Männer begeistern sich für eine tolle Küchenausstattung und sind bei der Planung nicht mehr nur allein fürs Budget zuständig“, sagt Kirk Mangels, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Die Moderne Küche.

          Das wachsende Engagement der Männer am Herd mag mit dazu beitragen, dass die Zahl der jährlich verkauften Küchen in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen ist. Auch lassen sich die Deutschen eine neue Küche immer mehr kosten: 2014 gaben sie im Schnitt 6257 Euro aus, im Jahr zuvor waren es 5851 Euro. Wenn die Händler demnächst die Zahlen für 2015 veröffentlichen, werden sie wohl wieder ein Plus melden.

          Der Küchenblock als Star: Die Arbeitsküche liegt hinter der Wand.

          In kaum einem anderen Raum unseres Hauses zeigen sich gesellschaftlicher Wandel und Fortschritt so sehr wie in der Küche. In der Geschichte der Menschheit ist es erst einen Wimpernschlag her, dass die Kochstelle im Haus Einzug hielt. Das war im 18. Jahrhundert, als sich der gemauerte Herd durchsetzte. Gut hundert Jahre später wurde in England der Gasherd erfunden, noch mal ein paar Jahrzehnte später auf der Weltausstellung in Chicago der erste Elektroherd präsentiert - und plötzlich wurde Küchenplanung zum Thema. Einen Meilenstein setzt die junge Architektin Margarete Schütte-Lihotzky, die 1926 in Frankfurt zur Zeit des Neuen Bauens auf kleinstem Raum eine durchgeplante, kompakte Küche der kurzen Wege entwarf, die der Hausfrau die Arbeit erleichtern sollte. Die Technik hielt erst später Einzug. In den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde der Kühlschrank Standard, danach folgten die Spülmaschine und die Dunstabzugshaube als Teil der Grundausstattung.

          Immer ausgefeiltere Technik

          Und heute? Dampfgarer, Induktionsherd, Abzugssysteme, die aus dem Küchenblock herausfahren und wieder in der Versenkung verschwinden, gehören zur Ausstattung. „Darüber hinaus stecken die neuen Wohnküchen voller raffinierter und technischer Details, die man erst beim genauen Hinsehen bemerkt“, charakterisiert Küchenlobbyist Mangels den gegenwärtigen Trend.

          Diesem ist auch Tobias Kerle beim Bau seiner Küche gefolgt: Er und seine Frau haben sich für eine Einbauküche entschieden, die über ein ausgetüfteltes Innenleben verfügt. Die Schublade mit den Müllbehältern etwa fährt automatisch aus, wenn man sie mit Knie oder Fuß leicht antippt. „Super praktisch ist das, denn beim Kochen hat man ja oft nasse oder schmutzige Finger“, beschreibt der 34-Jährige den Vorteil. Für Begeisterung im Haus Kerle sorgt auch das Einzugssystem der Backofenklappe, das diese nach dem Öffnen sanft unterm dem Ofen verschwinden lässt. „Das ist vor allem dann interessant, wenn man nicht viel Platz hat“, findet der junge Schreinermeister, der in einer Behindertenwerkstatt arbeitet. Die großen Innovationen kommen derzeit nach Einschätzung von Branchenvertreter Mangels aus der Beschlägeindustrie. Dank technischer Finessen lassen sich auch extrabreite Schubkästen leicht öffnen und schließen, ebenso Oberschränke mit Klapp-, Lift-, Schwenk- oder Faltbeschlägen. Männliche Käufer, sagen Küchenplaner, begeisterten sich dafür schneller als Frauen.

          Indes hört von den Küchenbauern selbst nicht jeder das Hohelied auf die neue Technik gerne - auch wenn unbestritten ist, dass diese, sowohl, was den Planungs- als auch den finanziellen Aufwand angeht, einen Großteil ausmacht. Allein der Installationsplan ist weit ausgefeilter als in der Vergangenheit. Vor wenigen Jahren benötigte eine moderne Küche nur für Spüle und Spülmaschine einen Wasseranschluss. In Zeiten, in denen mehr und mehr doppeltürige Kühlschränke mit Wasserspender und Eiswürfelmacher gefragt sind, muss ein weiterer Anschluss her. Für seinen Geschmack werde das Thema Küche zu sehr auf die Technik reduziert, kritisiert Marc O. Eckert, Geschäftsführer des Edelküchenanbieters Bulthaup. Dem Thema „Boys and Toys“ kann er nicht viel abgewinnen. Technik sei steril, klagt er. Die moderne Küche zeichne sich aber dadurch aus, dass sie mit dem Wohnraum verschmelze.

          Eine Küche wie Tim Mälzer

          Tatsächlich schließen sich moderne Technik und ein wohnliches Umfeld weit weniger aus, als es zunächst den Anschein hat. Das liegt nicht zuletzt daran, dass im Zuge der zunehmenden Fusion die Küchengeräte deutlich leiser geworden sind. Früher bestand der Klang der Küche aus Rauschen, Klappern und einem dröhnenden Dunstabzug. Heute ist es eher ein Surren. „Die Zulieferindustrie holt die Kunden eben ab“, kontert Küchenbranchen-Vertreter Mangels Kritik aus den eigenen Reihen an der Technisierung. Alle 14 Jahre leisten sich die Deutsche sich im Schnitt eine neue Küche: „Zeit genug, dass Nachholbedarf besteht.“ Die Kochshows im Fernsehen hätten einen nicht zu unterschätzenden Anteil an dieser Entwicklung, sagt er und spielt damit auch auf die vielen kochenden Männer an.

          Längst schon sind Rote-Beete-Carpaccio, Ochsenbäckchen mit Zwiebelmus und Tarte Tatin keine Fälle mehr, an deren Zubereitung sich nur Fernsehpromis und Kochprofis wagen. Den letzten Zweifel daran, dass Kochen eine sehr handfeste Angelegenheit sein kann, hat Tim Mälzer dem männlichen Publikum ausgetrieben. Der „Küchenbulle“ im Karohemd und mit hochgekrempelten Ärmeln könnte geradewegs aus der Werkstatt an den Herd gewechselt sein.

          Ärmel hoch und los: Profikoch Tim Mälzer als Vorbild

          Ungekünstelt, puristisch, handfest und vor allem perfekt verarbeitet - dieses Image pflegen denn auch jene Küchenanbieter im hochpreisigen Segment, die aus der Handwerkstradition kommen, bevorzugt mit Holz arbeiten und gezielt auch eine männliche Kundschaft im Blick haben. Auf der Homepage von Team 7 etwa ist derzeit die „Loft Küche“ der Hingucker schlechthin: Die schlicht-schöne Landhausküche aus Nussbaum oder Eiche hat der Anbieter vor einer Ziegelwand und auf grauem Estrich inszeniert. Am Herd steht ein junger Mann, Frau und Tochter tummeln sich um den Küchenblock.

          Unterschiedliche Lebenswelten, unterschiedliche Anforderungen

          Tischlerei Sommer, die „Massivholz Manufaktur“ aus dem Westerwald, treibt die Verbindung von Mann und Küche optisch auf dezente Art noch weiter. Den formschönen, gar nicht klobigen Kochtisch „k 13“ aus Apfelbaumholz mit einer Platte aus Sandstein, in dem die komplette Technik sitzt, hat der Anbieter fürs Fotoshooting in einer kahlen Werkstatt aufgestellt - im Hintergrund der Motorradklassiker Royal Enfield Bullet. Zufall ist das nicht. „Etliche unserer Kunden lieben alte Autos und Motorräder“, erzählt Inhaber Gregor Sommer. Materialität sei für diese Zielgruppe extrem wichtig, sagt der Tischlermeister. „Für diese Männer ist Kochen Handwerk, sie bauen ihr Essen“, hat Sommer beobachtet. Klar, dass dann in der Küche so etwas wie Werkstatt-Feeling aufkommen soll, mit dem Küchenblock als Werkbankersatz.

          Der Kochtisch K13 aus Apfelbaumholz hat eine Platte aus Sandstein, in dem die komplette Technik sitzt.

          Tobias Kerle, dessen Frau im Schichtdienst arbeitet, kocht anders als viele seiner Geschlechtsgenossen auch im Alltag. Die männlichen Kunden von Tischler Sommer und die Bauherren von Architekt Fabi hingegen stellen sich vor allem am Wochenende an den Herd oder kochen zu besonderen Anlässen groß auf. Entsprechend unterschiedlich seien daher die Anforderungen von Männern und Frauen an die Küche, sagt Fabi. Jenseits der Installationsfragen geht es bei der Küchenplanung aus seiner Sicht um zwei wesentliche Knackpunkte: den Platz und das Verhältnis der Küche zum Raum. Wenn zwei - oder beim Kochen mit Freunden sogar mehr - den Kochlöffel schwingen, wird es schnell eng. Insofern sei es sinnvoll, für getrennte Arbeitsbereiche und ausreichend Fläche zu sorgen, damit man sich nicht auf die Füße trete, sagt der Architekt. Eine Küche mit Inselblock sollte seiner Erfahrung nach mindestens 3,25 Meter mal 3 Meter messen, knapp 10 Quadratmeter also. Dazu kommen Minimum 6,60 Quadratmeter, wenn man eine „Backstage-Küche“ plant, die für die groben Arbeiten vorbehalten ist.

          Denn die Krux der offenen Küche ist, dass man eigentlich nur ihren besten Teil zeigen möchte. Anders gesagt, je offener die Küche im Raum liegt, desto mehr muss sie zugleich wieder optisch verschwinden. Inszeniert wird der Küchenblock. In einem ihrer jüngsten Projekte haben Fabi Architekten eine charmante Lösung gefunden, was auch an der nicht ganz gewöhnlichen Material- und Farbwahl liegt. Auf den Korpus aus schwarzen Holzfaserplatten (MDF) setzten sie eine Arbeitsplatte aus Messing. Nichts für all jene, die eine proppere Oberfläche bevorzugen. Die Arbeitsküche liegt hinter einer ebenfalls schwarzen Wand verborgen.

          Optik und Funktionalität müssen sich ergänzen

          Wer keine „Backstage-Küche“ einplanen kann, für den bieten die Hersteller Lösungen, bei denen ein Teil der Gerätschaften wie auch die Spüle bei Bedarf hinter Schrankwänden verschwinden. Stephan Fabi rät allen, die aufs Budget schauen müssen, aber keine Küche von der Stange haben wollen, auf ein fertiges Küchensystem zurückzugreifen, das individuell ergänzt wird, etwa was die Front angeht, die Arbeitsplatte oder auch durch eine Maßanfertigung wie einen integrierten Sitzplatz.

          Optik und Funktionalität: Küche aus massivem heimischen Kirschbaum

          In jedem Fall dürfen Optik und Funktionalität einander nicht ausschließen. Das war auch Familie Kerle wichtig. In ihrem Haus spielt der Küchenblock, der mit einer Tiefe von 1,20 Metern gut 25 Zentimeter über dem Standardmaß liegt, die Rolle des Raumteilers. Die Extragröße bietet nicht nur mehr Arbeitsfläche, sondern auch Raum für tiefe Schubladen und Fächer nach zwei Seiten. Besteck, Geschirr und Gläser haben ihren Platz zum Esstisch hin. „Man will ja nicht immer um den Block rumrennen“, sagt Tobias Kerle.

          Die Offenheit zwingt nach Ansicht von Bulthaup-Chef Eckert dazu, die Küche vom Esstisch aus zu denken: „Was sehe ich, wenn ich da sitze? Was will ich sehen?“ Diese Fragen haben sich auch Kerles gestellt, die ihre Küche übrigens so geplant haben, wie die Mehrheit der Deutschen sie bevorzugt: aus robustem Schichtstoff in weißer Hochglanzoptik. Damit die am Abend nicht so nüchtern aussieht, hat Tobias Kerle in den Sockel eine LED-Beleuchtung eingebaut. Das einzige Detail übrigens, das der Schreinermeister ohne Abstimmung mit seiner Frau ausgewählt hat. „Alles andere haben wir zusammen geplant.“

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