https://www.faz.net/aktuell/stil/drinnen-draussen/eine-kirche-als-wohnloft-13709590.html

Ungewöhnliches Haus : Kirche? Turnhalle? Wohnloft!

  • -Aktualisiert am

Sakrale Stimmung: Die Fenster zaubern bei Sonnenschein psychedelische Muster auf den Boden. Bild: Bente Stachowske

Ein junges Paar träumt von einem großen Haus in Hamburg – und findet eine Kirche, die zum Verkauf steht. Dem Paar gelingt ein spektakulärer Umbau.

          5 Min.

          Es klingelt an der Tür. Stefan Grattolf öffnet einem jungen Paar, das sich erkundigt, ob dies eine Kirche sei und ob man hier beten könne. Es ist sieben Uhr morgens, und Hausherr Grattolf ist über den frühmorgendlichen Besuch genauso überrascht wie die beiden Besucher über die Auskunft, dass es sich hier nicht um eine Kirche, sondern um ein Wohnhaus handele. Doch wer jetzt einen Sakralbau mit Turm und Glocke vor Augen hat, liegt auch falsch. Bis 2012 war das Haus in Alt-Kirchdorf, im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg, tatsächlich eine Kirche, aber eine der Nachkriegsmoderne. Von außen hat sie wenig gemein mit traditionellen Sakralbauten - was auch schon für Verwirrung sorgte. Als Stefan Grattolf und seine Partnerin noch mit dem Umbau beschäftigt waren, ließen sie sich Pizza liefern. Der Pizzabote fragte irritiert „Wohnen Sie hier? Ist das keine Turnhalle?“

          In Kirchdorf passt vieles nicht so recht zusammen: Die Hochhaussiedlung Kirchdorf-Süd, in deren Schatten der historische Dorfkern von Alt-Kirchdorf aus dem 17. Jahrhundert liegt - und daneben die einstige „Hermann-Göring-Siedlung“ aus den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts. Im ländlich anmutenden Heimatschutzstil wurden hier Fachwerkhäuschen angelegt, mit großen Gärten für die Selbstversorgung der Hafenarbeiter, die ursprünglich hier wohnten.

          Grattolfs Eifer beendete den langjährigen Leerstand

          Mittendrin liegt eines der wenigen etwas moderneren Häuser, die ehemalige Kirche, die gleichzeitig Gemeindezentrum einer christlichen Gemeinschaft war. 1965 erbaut, verließ die Gemeinde ihr Gotteshaus vor drei Jahren. Gebäude und Grundstück sollten verkauft werden. „Abriss möglich“ hieß es ausdrücklich in der Anzeige. Bauträger zeigten Interesse, schlossen Vorverträge und suchten ihrerseits schon Käufer für neue Reihenhäuser. Auch Stefan Grattolf schaute sich Grundstück und Kirche gemeinsam mit seiner Freundin an - und war sofort begeistert. Das Paar lebte zu dem Zeitpunkt in einer kleinen Innenstadtwohnung und war auf der Suche nach einem bezahlbaren Haus irgendwo in Hamburg oder Umgebung.

          Der Pizzabote hielt den Bau für eine Turnhalle.
          Der Pizzabote hielt den Bau für eine Turnhalle. : Bild: Bente Stachowske

          Weil Grattolf ursprünglich aus Wilhelmsburg stammt, waren beide besonders neugierig auf das angebotene Objekt. Schon bei der ersten Begehung sah der Architekt die vielen Möglichkeiten, die das Gebäude bot: Das Hauptschiff der Kirche ist ein lichtdurchflutetes Fünfeck mit zeltartigem Dach, hoher Holzdecke und bunten Kirchenfenstern. Vorangestellt ein langgezogener Flachbau, in dem die Sakristei, ein Jugendzimmer, Lager, Garderobe, Heizungsraum und Toiletten untergebracht waren, insgesamt 280 Quadratmeter Nutzfläche. An der Grundstücksgrenze alte Bäume und Wassergräben. „Noch am gleichen Abend habe ich mich hingesetzt und erste Skizzen gezeichnet“, erinnert sich Grattolf. Für ihn war klar: Die Kirche darf nicht abgerissen werden! Sie lässt sich umbauen und umnutzen. Und tatsächlich bekam er den Zuschlag - auch weil es der Gemeindevorstand begrüßte, dass die Kirche als Bauwerk erhalten bleiben würde.

          Die Nachbarn sind ebenfalls angetan. „Nach zwei Jahren Leerstand fiel das natürlich auf, dass sich hier etwas tut“, erzählt Stefan Grattolf. „Während des Umbaus schauten immer wieder Nachbarn vorbei und erkundigten sich, was jetzt eigentlich aus der Kirche wird.“ Rund anderthalb Jahre dauerte der Umbau, auch weil Grattolf und seine Freundin, die einen eigenen Kinderladen betreibt, neben ihren Jobs viele Arbeiten in Eigenleistung erledigten. Auch Freunde und die Familien packten mit an. Das ging schon damit los, dass das Paar Kirche und Gemeindezentrum mit Originaleinrichtung gekauft hatte und viele Gegenstände übernehmen wollte, andere aber verkaufte oder entsorgte. Die Heizkörper und Toiletten: verkauft. Der Schaukasten für die Gemeindenachrichten: verkauft. Die schönen Kugelleuchten aus den sechziger Jahren hängen hingegen weiterhin in Gruppen im Hauptschiff, das jetzt als großzügiges Wohnloft dient.

          Das Mosaik erinnert an Kubismus

          „Den Mittelgang und den Fluss des gesamtes Raumes wollte ich in etwa erhalten“, erklärt Architekt Grattolf. Die Stuhlreihen nutzte er dazu allerdings nicht. Stattdessen hat er in der linken Raumhälfte eine frei stehende, große Küchen-Kiste gebaut. Rechts steht die rustikale Essgruppe. Der Weg dazwischen führt - wie zu Zeiten der kirchlichen Nutzung - gewissermaßen zum Altar: Das Podest, auf dem der Altar erhöht vor der Gemeinde stand, haben die Neubewohner als Fundament genutzt, etwas vergrößert und mit Stäbchenparkett ausgelegt. Grattolf, früher auch halbprofessioneller Musiker und DJ, hat auf dem Podest seinen Hausaltar errichtet: ein selbst entworfenes Regalsystem für seine Stereoanlage und die Schallplattensammlung, daneben Couch und Fernseher.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Training für den Notfall: Soldaten aus Taiwan in der Gemeinde Hukou Township im März dieses Jahres

          Angst vor China : Was Taiwan von der Ukraine lernen soll

          Der russische Überfall auf die Ukraine hat Taiwans Bevölkerung aufgeschreckt. Was, wenn China angreift? Die Vereinigten Staaten raten: Man solle sich auf asymmetrische Kriegführung vorbereiten.
          Der eigenen sexuellen Zuordnung soll durch das neue Gesetz Rechnung getragen werden.

          Einspruch Exklusiv : Das Geschlecht sollte mehr als Selbstdefinition sein

          Die Bundesregierung möchte das Transsexuellengesetz durch ein Selbstbestimmungsgesetz ersetzen. Individuelle Wünsche sollten für den rechtlichen Umgang mit dem Geschlecht nicht der alleinige Maßstab sein. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Gutscheinportal
          Finden Sie die besten Angebote
          Immobilienbewertung
          Verkaufen Sie zum Höchstpreis
          Sprachkurs
          Lernen Sie Französisch