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Der Prototyp ist zurück : Bauhaus Nr. 1

Das „Haus am Horn“ provozierte die Betrachter 1923 nicht nur, es beeindruckte auch durch seine innovative Bauweise. Bild: Imago

Das kleine „Haus am Horn“ in Weimar ist der Prototyp der modernen Architektur. Nach dem Original von 1923 wurde es wieder hergerichtet. Es ist das erste seiner Art.

          6 Min.

          Rekonstruiert, restauriert und mit Liebe zum Detail wieder in Szene gesetzt. Am schmalen Ende einer langen Straße steht im grünen Südosten von Weimar die Wiege der Moderne. Ein Muster- und Modellhaus. Ein Experiment aus Torf, Stein und Glas. Das allererste Haus des Bauhauses.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Errichtet 1923, renoviert 1976 und 1996 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. Es prägte das Bauen und das Wohnen, die Kunst, Kultur und den Lebensstil. Von hier ging alles aus. Die Dojunkai-Apartments in Tokio, die Dubail-Gebäude von Schanghai, die Weiße Stadt in Tel Aviv, die Hochhäuser Amerikas. Die Architektur der Vorstädte in aller Welt. Das kleine „Haus am Horn“ war der Prototyp des neuen Bauens.

          Der Bauhausmeister Georg Muche hatte es entworfen, der Berliner Bauunternehmer Adolf Sommerfeld finanziert, Bauhauschef Walter Gropius ließ es errichten. Am Rand der Stadt. Lage am Hang, quadratischer Grundriss, Blick über die alten Bäume im Park. Ein Traum. Oben auf dem Berg das Haus Ithaka.

          Beim Einzug war der Bau eine Ruine

          Steildach, Biberschwanzdeckung und ein wuchtiger Turm vor der Hauptfront. Der deutsche Klassiker des neobarocken Villenbaus. Unten im Tal das Gartenhaus Goethes. Fach- und Bruchsteinmauerwerk, zwei Etagen, drei Achsen, Walmdach. Ein bürgerliches Idyll. Das Haus am Horn übt sich da in Bescheidenheit.

          Avantgardisten wie Mies van der Rohe oder Le Corbusier haben es bewundert, Konservative wie Paul Schultze-Naumburg verspottet. Marlis Grönwald hat mehr als ein viertel Jahrhundert darin gewohnt. Sie hat das Bauhaus gelebt.

          Anfang der siebziger Jahre war sie ein-, Ende der neunziger wieder ausgezogen. Beim Einzug war der Bau eine Ruine, beim Auszug stand er auf der Denkmalliste der Vereinten Nationen.

          Die Grönwalds hatten das Haus von Grund saniert. Hier zogen sie ihre Söhne groß, und hier empfingen sie über all die Jahre rund 40 000 Gäste. Besucher aus aller Welt. Alle wollten das erste Bauhaus sehen; alles war von allergrößtem Interesse. Das Dach, die Fenster und die Türklinken.

          „Wir halten das Erbe fest“

          Heute gehört das Haus der Stadt. Sie verpachtet es an den Freundeskreis der Bauhaus-Universität Weimar e.V. Er betreibt und unterhält es. „Wir halten das Erbe fest“, sagt Thomas Apel vom Freundeskreis.

          Alexander Freyburg, Leiter der Abteilung Bauphysik und Zerstörungsfreie Prüfung der Materialforschungs- und -prüfanstalt an der Bauhaus-Universität der Stadt, hat mit Kollegen den Bau auf den Prüfstand gestellt. Sie haben es untersucht und durchleuchtet. Millimeter für Millimeter. Mit einer Thermografiekamera und den Studien der alten Bau- und späteren Restaurierungspläne. Die Ergebnisse, sagt Freyburg, seien erstaunlich.

          Das Haus hatte ein für die damalige Zeit innovatives Konzept. Das Dach war flach; die Mauer besteht aus zwei Wänden großer Platten, dem Jurko-Stein. In den Hohlraum kam eine Dämmung aus Torf. Verputzt wurde mit einem staubfreien zeolithhaltigen Quarzsandmörtel, dem sogenannten Terronova-Edelputz.

          Der war grau, luftdurchlässig, aber wasserabweisend. Die Decken sind mit dreieckigen gitterträgerartigen hohlen Fugensteinen versehen. Die waren nicht nur druckfest und frei von Schwitzwasser, sondern galten auch als schalldicht. Adolf Meyer, der bauausführende Leiter von Gropius’ privatem Architekturbüro, hat den Bau nach der Fertigstellung genau beschrieben.

          Wie zu Zeiten Pompejis

          Der große Hauptraum war von allen vier Seiten von kammergleichen Zimmern umgeben. Diese waren kaum zehn Quadratmeter groß und ein halbes Geschoss niedriger als der atriumgleiche Mittelraum. Sie wirkten wie ein klimatischer Puffer. Im Sommer blieb die Hitze draußen, im Winter die Kälte.

          So war das Zentrum wohltemperiert. Die großen Fenster zeigten nach Süden und nach Westen. Die Nordwand ist fast fensterfrei. Die Bauhäusler spielten mit den Klassikern. Thomas Apel vom Freundeskreis in Weimar spricht von „einer thermischen Zonierung“. Marlis Grönwald sagt: „Das war schon alles gut durchdacht. Wie bei den antiken Villen von Pompeji.“ Sie lacht.

          Das Haus hat keine Stufen oder Schwellen. Alles ist glatt und eben. Das hat den Vorteil, dass es keine Stolperkanten gibt. „In den kalten Jahreszeiten aber zog es unter den Türen schon mächtig hindurch“, sagt Marlis Grönwald. Sie behalf sich mit Kissen vor den Türschlitzen. Im Keller stand ein Kohlekessel.

          Bauhaus als originalgetreue Nachbildung

          Durch das Haus lief eine Zentralheizung. Rohre und Kabel lagen unter Putz. Der Fußboden war mit Gummi und dem Linoleumersatz Triolin belegt. Schwarzes und rotes Opakglas wurde für Wandverkleidungen, Fußbodenleisten, Fenstersohlenbänke eingesetzt. Das Bad hatte fließend Wasser, warm und kalt. Die Armatur war vernickelt. Mischbatterien sorgten für den gewünschten Mix.

          Zeitlos schön - die Küche des Musterhauses

          Die Küche hatte der Bauhausschüler Theodor Bogler eingerichtet. Reginald Isaacs beschreibt in seiner Gropius-Biographie, wie der junge Bogler auf der Suche nach einer Mustereinrichtung große Möbelhersteller aufsucht: „Er war damit der erste Bauhäusler, der auf der Suche nach der guten Industrieform die Produktionsstätten durchwanderte.“

          Sein Flur- und Küchenmobiliar sollten vierzig Jahre später bei der Ausstattung der Halle-Neustädter Wohnblöcke mit Einbauschränken Pate stehen. Seine Töpferwerke werden heute noch in Brandenburg nach alten Verfahren gefertigt. Als originalgetreue Nachbildung verkauft sie das Handelshaus Manufactum. Gropius selbst hatte sie in seiner Küche stehen.

          Das „Haus am Horn“ sollte ein Glanzstück werden

          Der war vier Jahre vor der Errichtung des „Hauses am Horn“ nach Weimar gekommen. Er hatte dort das Bauhaus gegründet und Künstler, Handwerker sowie Ingenieure engagiert. Einige waren solide, andere exzentrisch. Eine explosive Mischung. Gropius war der erste Chef. Er führte mit harter Hand.

          Das kleine Haus am Rande der Stadt war Auftakt für die neue Architektur in einer neuen Zeit. Das Bauhaus bereitet im Winter 1923 eine große Werkschau vor. Gropius annoncierte sie in der halben Welt. Das „Haus am Horn“ sollte ein Glanzstück werden. Doch der größte Architekt seiner Zeit sollte mit seinem Konzept bei den eigenen Schülern durchfallen. Schock.

          Dabei hatte er in den harten Jahren der Turboinflation Geld auftreiben, eine Siedlungsgenossenschaft gründen und am Park an der Ilm ein schönes Stück Land kaufen lassen. Ein Versuchsfeld der besonderen Art.

          Entwürfe waren zunächst zu nüchtern

          Hatte er doch Methoden entwickelt, die man heute auch als Modulbauweise beschreibt. Gropius schob die bis dahin herkömmlichen Reichsformat-, Wiener- oder auch Hochlochziegel beiseite und experimentierte mit Materialien wie Torfdämmung, Zement, Schlackenbeton, Schwemm- und Bimsstein, propagierte eine industrielle Art und Weise des Bauens: ein hoher Grad an Standardisierung, Fließbandarbeit am Bau und Vorprodukten mit großer Fertigungstiefe.

          Seine gestalterischen Entwürfe für das Musterhaus aber waren vielen Schülern am Bauhaus zu nüchtern. Gropius übte Demokratie. Er richtete eine halböffentliche Anhörung aus, ließ Entwürfe vorstellen und fiel mit seinem Beitrag durch. Das Rennen machte der kaum dreißig Jahre alte Georg Muche. Ein Schöngeist und Maler.

          Er hatte am Bauhaus den Meisterkurs für Holzschnitzerei absolviert und wurde dann zum Leiter der Klasse für Weberei ernannt. Tagsüber lehrte er, was ein Kett- und was ein Schussfaden ist, nachts entwarf er eigene Häuser. Dafür nutzte er Holzbaukästen. Kleine Klötzer für große Pläne. Sein Entwurf wurde kühn, er kam bei den Schülern an. Gropius warf das Handtuch.

          „Ihr Schwung ist der Nerv unserer Ausstellung“

          Später sollte er zu Muche sagen: „Ihr Schwung - und sei er auch aus Wahn geboren - ist der Nerv unserer Ausstellung. Ich bin bereit und mache mit.“ Er nahm die Entwürfe und ließ von seinem privaten Architekturbüro brauchbare Baupläne daraus machen. „Daher sprachen die Leute, die uns in den siebziger und achtziger Jahren besuchten, auch vom Gropius-Haus“, erzählt Marlis Grönwald heute.

          Blick in den großen Hauptraum

          Muche selbst sei später noch dreimal in Weimar gewesen und habe sein Werk besucht. Nach der Fertigstellung hatte es auf der Werksausstellung des Bauhauses im Sommer 1923 für einiges Aufsehen gesorgt. Ein Teil des Publikums feierte, der andere schäumte.

          Vergleiche mit Goethes Gartenhaus unten im Tal und mit der Ithaka-Villa oben auf dem Berg wurden gezogen. „Die Debatten gingen hoch her“, weiß Thomas Apel vom Freundeskreis. „Sie wurden politisch, sie wurden hässlich, und sie waren voller persönlicher Angriffe.“

          Der Originalzustand von 1923 war das Maß der Dinge

          Die Lage in Weimar spitzte sich zu. Gropius schien in der Klassikerstadt nicht mehr gelitten zu sein. Ein Jahr später ließ er das Bauhaus ins anhaltische Dessau umziehen. Dort wurde ein eigenes Schulhaus errichtet, später kamen die Meisterhäuser, Großbauten wie das örtliche Arbeitsamt und eine Wohnsiedlung dazu. Das Weimarer „Haus am Horn“ ging in den Besitz des Investors Adolf Sommerfeld über.

          Gropius hatte dem Berliner Unternehmer schon Anfang der zwanziger Jahre aus dem Holz eines alten Kriegsschiffes eine expressionistisch anmutende Villa in Berlin-Lichterfelde gebaut. Mit Walmdach und Kalksteinsockel.

          Sommerfeld war so begeistert, dass er Gropius das Projekt in Weimar während der schwierigen Inflationsjahre mit vorfinanzierte. Gropius schrieb in einem Brief an die Malerin Lily Hildebrandt: „Ich habe für ca. 100 Millionen Werte erobert. Sommerfeld gibt 20 Milli. bar, Spiegelglasindustrie 5 Millionen bar, das andere sind Sachwerte.“ Die wurden dem Berliner Bauunternehmer angerechnet. Nach Abschluss der für viel Aufsehen sorgenden Bauhaus-Werkschau ging das Haus an Sommerfeld über.

          Ein Jahr lang stand es leer. Sommerfeld holte das Mobiliar raus und annoncierte den Verkauf. Im Herbst 1924 griff der Rechtsanwalt Franz Kühn zu. Er ließ eine Garage und kleinere Anbauten hochziehen. Ende der dreißiger Jahre musste er auf Druck der Nazis verkaufen. Weiter vorn in der langen Straße fand er ein neues Heim. Nach dem Krieg hatte die Stadt als Treuhänder die Hand auf dem Gebäude.

          Anfang der fünfziger Jahre wurde es Volkseigentum. Mehrere Familien waren hier untergebracht. Als 1971 die Grönwalds einzogen, wohnte nur noch eine alte Frau allein in den Gemäuern. Es bröselte der Putz von den Wänden, die Fenster waren kaputt, das Dach leck. Die Grönwalds gingen ans Werk.

          Das Haus am Horn gewann Schritt für Schritt sein ursprüngliches Aussehen wieder. Sie richteten den zentralen Wohnraum wieder her und öffneten ihn für das Publikum. Mitte der neunziger Jahre wurde das Gebäude zum Weltkulturerbe erklärt und Ende der Neunziger mit allen Raffinessen des Denkmalschutzes saniert.

          Die Anbauten und die Garagen riss man ab, ursprüngliche Teile der Inneneinrichtung wurden so genau wie möglich ersetzt. Der Originalzustand von 1923 war das Maß der Dinge. Der Freundeskreis der Bauhaus-Universität Weimar e.V. übernahm die Trägerschaft. Zehntausende Architekten aus aller Welt haben sich seitdem den Bau, die alten Pläne, Auf- und Grundrisse angesehen.

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