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Wohnen in Rotterdam : Drei Zimmer, Küche, Käsestand

Hufeisen, Tennisschläger, Genusstempel: Rotterdams neuestes Architektur-Experiment lässt keinen kalt. Bild: MVRDV

Rotterdam ist ein Architekturlabor. Wo sonst leben Menschen in gekippten Räumen oder über einer Markthalle schwebend? Ein Besuch

          7 Min.

          Riesentrauben reifen hoch oben heran, Monsterzitronen und Himbeeren - das „Horn des Überflusses“ quillt über das Gewölbe. Ein Deckengemälde, voll von Früchten, knallig die Farben. Unten hat sich ein Füllhorn echter Waren ergossen, in die Körbe und Tresen von fast hundert Marktständen. „Monsieur Saucisson“ bietet französische Trockenwurst feil, kräftig gezwiebelt oder mit Blauschimmelkäse gefüllt. „De Rotterdamsche Oude“ stapelt keilförmige Stückchen reifen Rotterdamer Bröckelkäses. „Joost Noten“ bringt für 14 bis 16 Euro je Kilo seine Mischungen an den Nuss-Connaisseur. Die Oktobersonne schickt warmes Licht durch die Halle - zum Gruße, zur Gratulation, denn diese Einkaufs-Kathedrale mit Kunstgewölbe wird soeben ein Jahr alt.

          Klaus Max Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Markthalle wölbt sich als neueste Besonderheit in die Skyline von Rotterdam. Etwas geduckt, denn an die hohen Bürotürme der Metropole reicht sie nicht heran. Aber sie ist ein neues Experiment dieser Stadt, die sich seit der Nachkriegszeit als Labor der Architektur versteht. Eine Halle zum Einkaufen und gleichzeitig zum Wohnen. Wie ein riesiges Hufeisen spannt sich ein Bogen voller Apartments um den Marktplatz herum, mehr als 200 sind es.

          Beim Flanieren bleibt der Blick erst einmal an der Decke haften, der Innenseite des Hufeisens. Die Künstler Arno Coenen und Iris Roskam haben ihr „Horn des Überflusses“ über einen guten Hektar Fläche ausgeschüttet; Weizenähre und Mango, Garnele und Schmetterling verteilen sich digitalgedruckt auf 4500 Aluminiumplatten. In der Halle bummeln die Marktbesucher an acht Dutzend Ständen in fest installierten Pavillons vorbei.

          Die „Markthal“ hat den Ruf eines Edeltempels, manche rümpfen darüber die Nase. Allein drei Nüsse-Anbieter wetteifern um Kunden. Aber Rotterdam habe einen Markt gewollt, der alle bedient, sagt Jan Knikker vom Architekturbüro MVRDV, dessen Architekt Winy Maas die Halle entwarf. Billigfleisch liege hier ebenso in den Vitrinen wie das französische Bio-Huhn für 26,95 Euro, sagt Knikker. „Das muss auch drin sein: dass Sie hier ein Masthuhn kaufen können für ein paar Euro.“ Der Obsthändler „Vers van de teler“ („Frisch vom Züchter“), der mit Produkten aus der Region wirbt, häuft Äpfel und Birnen für einen Euro das Kilo an.

          40 Meter über dem Nichts

          Vor einem der Stände ist eine Mandel auf den Boden gefallen - sofort kommt eine Frau herbeigeeilt, um sie aufzukehren. Dies ist kein Ort für den Markt-Romantiker. Schreiende Händler? Nicht zu hören. Mehr noch: Die perforierten Aluminiumplatten des Hufeisens, mit einer Spezialschicht versehen, schlucken fast den ganzen Lärm. Zugig ist es auch nicht, jede der beiden Eingangsseiten ist eine einzige Glasfront, 40 mal 40 Meter groß, kreuz und quer durchzogen mit Stahlkabeln. Wie ein riesiger Tennisschläger. „Bei Sturm wird der 70 Zentimeter nach innen gedrückt“, sagt Knikker.

          Blick von einer Wohnung in die Markthalle
          Blick von einer Wohnung in die Markthalle : Bild: MVRDV

          Doch wie lebt es sich, umgeben von Obst und Hühnerfleisch? Im Hufeisen gleitet ein Fahrstuhl hoch in den zehnten Stock. In Apartment Nummer 76 wohnt Nicole van der Vliet mit ihrer Tochter Jill. Die Wohnung ragt, auf der Nordseite, in die obere Kurve des Hufeisens hinein, hängt also schon halb über der Halle. Über 300 Quadratmeter einschließlich Dachterrasse erstreckt sie sich: großzügiges Wohnzimmer, offene Küche mit Kochinsel in schickem Schwarz-Weiß, Fußbodenheizung. Im Lichthof öffnet ein Fenster im Boden den Blick in die Tiefe. Ein mulmiger Schritt auf das Glas - weit unten sind die Dächer der Stände und Abzugshauben zu sehen. Miniaturfiguren scheinen Tulpenzwiebeln und Bio-Fleisch an andere Miniaturfiguren zu verkaufen. „Im Schlafzimmer liegen Sie hier 40 Meter über dem Nichts“, sagt Van der Vliet.

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