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Wohnen in Rotterdam : Drei Zimmer, Küche, Käsestand

Auch die offizielle Jugendherberge, die in Holland den sinnigen Namen „Stayokay“ trägt, hat sich mit ihrem Rotterdamer Haus in der Würfelwelt niedergelassen. Hier mag einchecken, wer, zum Beispiel, mit einem Trupp Freunde ein lustiges Wochenende plant. Nicht, dass die Filiale mehr als den üblichen Herberg-Charme versprüht, der Aufenthalt ist genau das, was die Kette verspricht: okay. Doch urig ist die Herberge allemal, und sie lässt ahnen, wie es sich in einem aneckenden Würfel wohnt.

Giftgrüne Sofas und orange Schränkchen

An diesem Donnerstag sind alle Zimmer belegt und damit nicht zu besichtigen. „Weil das hier so ein seltsamer Bau ist, ist aber ohnehin jeder Raum anders“, sagt die Dame am Empfang. Doch kommen Erinnerungen an ein langes Wochenende zurück, bald nach der Eröffnung der Herberge 2009: Ein Viererzimmer für die Gruppe, zwei Stockbetten fanden darin Platz, sonst nicht viel mehr. Rucksäcke und Koffer rutschten an der schrägen Würfelwand herunter.

Tagsüber kann jeder in den „kijkkubus“ steigen, den Schau-Kubus in Nummer 70, für 3 Euro. Durch den Betonpfeiler führt eine steile Treppe hinauf in die erste Etage, die eigentlich das Erdgeschoss ist. Dort fallen die Wände schräg nach hinten, der Blick durch die Fenster trifft auf die wenigen Leute in der Passage. Ein Wohnzimmer, eine offene Küche. Heizkörper hängen schief, die Kommoden sind Maßwerk, mit ihrer Rückwand auf die schiefe Ebene zurechtgezimmert. In der zweiten Wohnebene ziehen sich die Fenster schräg nach oben, Richtung Himmel. Ein Schlafzimmer, ein Schreibraum, keine Türen.

Große Menschen stoßen sich schnell den Kopf - gerade auf der letzten Treppe, die in die obere Würfelecke steigt: die dritte Wohnebene, ein sonnendurchflutetes Räumchen, eine kleine Pyramide mit viel Glas. Die Farben sind den siebziger, achtziger Jahren entsprungen, die Sofas giftgrün, die Schränkchen orange - und teuer zu ersetzen, denn auch hier ist alles Maßwerk, mit den schrägen Rückwänden der Möbel. Über 100 Quadratmeter breitet sich der Boden des Apartments aus, etliche von ihnen sind nur kriechend nutzbar. „Viele kommen hier als junges Paar her und ziehen aus, wenn sich Kinder ankündigen“, sagt die Dame am Eingang.

Wohnen im Experiment

Die Würfelwohnungen - sie sind eines von vielen Experimenten in der zweitgrößten niederländischen Metropole. Dass die Stadt sich als großes Architektur-Labor aufbaute, hat einen traurigen Grund: den Angriff der Deutschen am 14. Mai 1940. Im Zentrum beinahe völlig ausgebombt, beschloss die Stadt nach einiger Diskussion, alles neu zu beginnen, statt das Alte zu rekonstruieren. Der Rundgang durch die Mitte kann den geschichtsbewussten Deutschen nicht unberührt lassen, denn die Vorfahren haben der Stadt ihr historisches Herz genommen.

Kubushäuser in Rotterdam
Kubushäuser in Rotterdam : Bild: Ullstein

Das neue: ein Kunstherz. Schnell hochgezogen in der Nachkriegszeit, ein Zentrum, wie es auch in deutschen Großstädten von Hannover bis Frankfurt das Auge foltert. Aber in den vergangenen Jahrzehnten stiegen auch viele originelle Projekte in die Höhe. „De Rotterdam“, ein verschachtelter Drei-Türme-Riese, der aussieht, als habe einer das World Trade Center in New York auseinander gesägt und betrunken wieder zusammengebaut. Die Erasmus-Brücke, deren Pylon geknickt hochragt und ihr die Silhouette eines Schwans gibt. Der neue Bahnhof, dessen Vordach einem Pfeil gleich über den Vorplatz schießt.

Und die Stadt will wieder mehr Bewohner in ihre Mitte locken. Kein Zufall, dass die Markthalle auch eine Wohnhalle wurde. Es ist der erste überdachte Großmarkt im Land, der erste mit Apartments sowieso. Wird das Experiment glücken? Wird der Markt den sich wandelnden Geschmack überleben? Werden Menschen auch in 30 Jahren noch in einem Hufeisen um leeren Raum herum wohnen wollen? Wände sind hier gekrümmt, aber wenigstens nur manche, und die nur leicht. Im Experiment nebenan, in den Kubuswohnungen, leben die Menschen seit 30 Jahren mit schiefer Wand. Beim beliebten Online-Makler Funda stehen sieben der 51 Würfel zum Verkauf, durchweg für unter 2000 Euro je Quadratmeter. Diese Würfel sind gefallen - im Preis und in der Gunst der Bewohner.

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