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Eigene vier Wände : Wird Geschmack vererbt?

Louise Wagner und Mutter Nike Bild: Callwey Verlag

Die Mutter ist das erste Zuhause. Überträgt sich der Stil von einer Generation auf die nächste? Ein Blick in vier Wände.

          4 Min.

          Der erste Besuch eines Wohnhauses ist immer auch eine Spurensuche. Wer genau hinsieht, kann anhand der Objekte und wie sie in den Räumen arrangiert sind, viel über die Bewohner erfahren. Haben sie sich in den vier Wänden ihre eigene Welt geschaffen, oder nutzen sie die Wohnung nur als Schlafplatz? Möchte jemand mit Möbeln und Kunst seine soziale Stellung dokumentieren, oder bedeuten ihm Erinnerungen mehr als ästhetische Kriterien?

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Meist sind nicht nur die aktuellen Bewohner präsent, sondern auch die vorangegangenen und folgenden Generationen, sei es in Form von Fotos, selbstgemalten Bildern oder Erbstücken. Auch über Familienmitglieder und das Verhältnis zu ihnen lässt sich beim Betrachten von Wohnräumen viel lernen. Da es in erster Linie Frauen sind, die Häuser einrichten und Dinge anschaffen, ist vor allem die weibliche Linie vertreten - auf der Wohnbühne haben oftmals auch Mutter und Großmutter ihre Requisiten hinterlassen.

          Stefanie von Wietersheim hat diese - häufig unbewusst gesetzten - Zeichen zu dekodieren versucht. Für ihr Buch „Mütter und Töchter - Wie wir wohnen und was uns verbindet“, das in der kommenden Woche im Callwey Verlag erscheint, hat sie zehn Mutter-und-Tochter-Paare besucht. Sie wollte herausfinden, inwiefern sich Geschmack, Stil und eine Vorstellung dessen, was schön ist, von einer Frauengeneration auf die nächste überträgt. „Mich hat interessiert, ob visuelle Kultur erlernt wird“, sagt die Autorin. „Wenn man gleichzeitig Häuser von Müttern als auch von Töchtern ansieht, kann man bemerkenswerte Parallelen, versteckte Zitate oder radikale Brüche erkennen.“

          Es geht ins Eingemachte

          Das war wohl auch den angefragten Protagonistinnen bewusst. „Es war brutal schwer, Frauen zu finden, die mitmachen wollten“, erzählt Wietersheim. Das Haus fotografieren zu lassen und dann auch noch über das Mutter-Tochter-Verhältnis reden? Das geht zu sehr ans Eingemachte, mögen sich viele gedacht haben. Umso erstaunlicher ist es, dass die Paare, die sich entschlossen mitzumachen, nicht nur ihre Wohnungen geöffnet, sondern auch offen gesprochen haben. Es finden sich Prominente unter ihnen wie Charlotte Knobloch, die ehemalige Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, mit ihrer in Israel lebenden Tochter Sonia oder die Moderatorin Désirée Nosbusch mit ihrer Mutter Rosetta. Auch Nike Wagner, Intendantin und Urenkelin des berühmten Komponisten, und ihre Tochter Louise sind vertreten. Dazu gesellen sich weniger bekannte Paare, viele mit adligem, zumindest aber großbürgerlichem Hintergrund.

          Wohnen, um zu arbeiten: Die Wohnung von Louise Wagner... Bilderstrecke

          Die Fotos werden begleitet von gemeinsamen Interviews, und selbst wenn man davon ausgeht, dass die größten Konflikte unausgesprochen blieben, schimmern doch immer wieder Brüche und offene Fragen durch, auch wenn die gegenseitigen Liebesbekundungen nicht zu kurz kommen. Häufig spielt der nicht anwesende Vater eine Rolle, ebenso wie die schon verstorbenen Großmütter.

          An den Lebensgeschichten lässt sich das gewandelte Selbstverständnis der Frauen seit der Nachkriegszeit ablesen. Während die Mütter ihre eigene Karriere mit der Heirat aufgaben, kommt das für die folgende Generation überhaupt nicht in Frage. „Viele Töchter können nicht verstehen, dass ihre Mütter ihren eigenen Beruf aufgegeben haben, als die Kinder kamen, weil sie damit auch ihre Freiheit - auch die, ihren Mann zu verlassen - aufgegeben haben“, sagt Wietersheim. Diesen Verlust an Souveränität hätten Frauen im Rückblick oft am meisten bereut.

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